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Mund genommen hätte. Jetzt liess ich den ersten Liebesbrief vom Stapel laufen, den ich hier sammt dem andern Briefwechsel zu Erbauung anhänge:

Hamlet an Ophelia

Himmlischer Abgott meiner Seele, reizerfüllteste Ophelia! Dieser Eingang zwar, mit dem ich meinen ersten Brief an dich überschrieb, als wir noch bloss auf dem Hofteater uns zum Vergnügen der Zuschauer liebten, könnte dich vielleicht täuschen, und es dir einreden wollen, als ob ich noch eben so wie damals an einem fingirten Wahnsinn und allen den metaphysischen Spitzfündigkeiten, die ich von der hohen Schule mitbrachte, laborirte. – Aber lass dich dadurch nicht täuschen Abgott, denn ich bin für diesesmal wirklich tollso sehr liegt alles in uns selbst und ist ausser uns nichts Reelles, ja wir wissen nach der neuesten Schule nicht, ob wir in der Tat auf den Füssen, oder auf dem kopf stehen, ausser dass wir das erste durch uns selbst auf Treu und Glauben angenommen haben. – Es ist dies ein ganz verwünschter Ernst, Ophelia, und du sollst nicht etwa glauben, dass ich es als Persiflage von mir gebe. – Ach, wie ist es alles jetzt verändert in deinem armen Hamletdiese ganze Erde, die ihm sonst wie ein verödeter Garten voll Dornen und Disteln, wie ein Sammelplatz voll pestilenzischer Ausdünstungen vorkam, hat sich jetzt vor ihm in ein Eldorado verwandelt, in einen blühenden Garten der Hesperiden; er war einst so frei und kerngesund, als er sie hasste, und ist jetzt ein Sklav und fast krank, da er sie liebt. – Teuersteich wollte dass ich Verhassteste sagen könnte, es gäbe dann doch wenigstens nichts, was mich an diesen dummen Ball fesselte, und ich könnte ganz froh und lustig mich von ihm hinunterstürzen in das ewige Nichtsalso leider Teuerste! ich sage jetzt nicht mehr wie vormals zu dir: Geh in ein Nonnenkloster! denn ich bin toll genug zu glauben, wenn der Mensch liebe, so sei der Narr etwas, ob er gleich deshalb doch immer nur dem tod rascher entgegen geht, und dieser ihm, bis sie sich beide endlich treffen und fest und ewig umarmen; es sei dies nun an dem Steine wo der heilige Gustav entschlummerte, auf dem Gerüste wo die schöne Maria blutete, oder an irgend einem noch bessern oder schlechtern Orte.

Ich weiss gewiss, der böse Feind schwebt hohnlachend über der Erde, und hat die Liebe, als eine bezaubernde Maske, auf sie herabgeworfen, um die sich jetzt alle Menschenkinder reissen, sie auf eine Minute lang vorzuhalten. Sieh, auch ich habe sie leider gefasst, und minaudire mit dem Todtenkopfe recht zärtlich hinter ihr, und habe beim Teufel Lust das Menschenkind mit dir fortzupflanzen. O wäre die verwünschte Larve nicht, es hätten dann die Erdensöhne hienieden gewiss dem jüngsten Tage einen Possen gespielt durch ein Gesez gegen die Bevölkerung, damit unser Herrgott, oder wer sonst zulezt den Erdball noch einmal anschauen will, ihn zu seiner Verwunderung von Menschen durchaus entvölkert gefunden hätte.

Doch lass mich endlich zu dem Punkte kommen, den ich leider, so sehr ich mir auch Mühe gebe, nicht umgehen kannzu meiner Liebeserklärung!

Zorniger, wilder, menschenfeindlicher hat es in mir seit meiner Geburt nicht ausgesehen, als in diesem Augenblicke, wo ich es dir aufgebracht hinschreibe, dass ich dich liebe. dich anbete, und dass ich nach dem Wunsche dich zu hassen und zu verabscheuen, keinen sehnlichern hege, als das geständnis deiner Gegenliebe zu vernehmen. Bis dahin dein

liebender Hamlet.

Ophelia an Hamlet

Liebe und Hass steht in meiner Rolle, und zulezt auch Wahnsinnaber sage mir was ist das alles eigentlich an sich, dass ich wählen kann. gibt es etwas an sich, oder ist alles nur Wort und Hauch und viel Phantasie. – Sieh da kann ich mich nimmer herausfinden, ob ich ein Traumob es nur Spiel, oder Wahrheit, und ob die Wahrheit wieder mehr als Spieleine Hülse sitzt über der andern, und ich bin oft auf dem Punkte den Verstand darüber zu verlieren.

Hilf mir nur meine Rolle zurücklesen, bis zu mir selbst. Ob ich denn selbst wohl noch ausser meiner Rolle wandle, oder ob alles nur Rolle, und ich selbst eine dazu. Die Alten hatten Götter, und auch einen darunter, den sie Traum nannten, es musste ihm sonderbar zu Mute sein, wenn es ihm etwa einfiel sich für wirklich halten zu wollen, und er doch immer nur Traum blieb. Fast glaube ich der Mensch ist auch solch ein Gott. Ich möchte gern mich auf einen Augenblick mit mir selbst unterreden, um zu erfahren, ob ich selbst liebe, oder nur mein Name Opheliaund ob die Liebe selbst etwas ist, oder nur ein Name. – Sieh, da suche ich mich zu ereilen, aber ich laufe immer vor mir her und mein Name hinterdrein, und nun sage ich wieder die Rolle aufaber die Rolle ist nicht Ich. Bring mich nur einmal zu meinem Ich, so will ich es fragen, ob es dich liebt.

Ophelia.

Hamlet an Ophelia

Grübele dergleichen Dingen nicht so tief nach, Teure, denn sie sind so verworrener natur, dass sie leicht zum Tollhause führen könnten! Es ist Alles Rolle, die Rolle selbst und der Schauspieler, der darin steckt, und in ihm wieder seine Gedanken und Plane und Begeisterungen und Possenalles gehört dem Momente an, und entflieht rasch, wie das