den gewöhnlichen Symptomen, als Vorliebe für Mondschein, poetischen Andrangs zum kopf und dergleichen; sondern vielmehr in dem heftigen Bestreben zur Errichtung einer Narrenpropaganda und einer ausgebreiteten Kolonie von Verrückten, um sie zum Schrecken der andern vernünftigen Menschen plözlich anlanden zu lassen.
Dies tolle Gefühl indess, das sie Liebe nennen, und das wie ein Flicken vom Himmel auf diese dürre Steppe der Erde heruntergefallen ist, fing doch am Ende auch bei mir an es ernstlicher zu nehmen, und ich machte zu meinem eigenen Entsetzen mehrere Gedichte in Versen, schaute auch in den Mond, und sang gar zu zeiten mit, wenn draussen um das Tollhaus her die Nachtigallen pfiffen. Ich habe wahrhaft einmal einige Rührung an einem sogenannten melancholischen Abende verspürt; ja ich konnte in gewissen Stunden aus einem Loche meiner Kaukasushöle schauen, und weniger denken als nichts. – Auch Betrachtungen habe ich in diesem Zeitpunkte meiner Schreibtafel einverleibt, von welchen ich doch hier einige für gefühlvolle Seelen ausheben will.
An den Mond
Sanftes Antlitz voll Gutmütigkeit und Rührung; denn beides musst du in dir vereinen, weil du nicht einmal am Himmel den Mund aufreissest, weder zum Fluchen, noch zum Gähnen, wenn tausend Narren und Verliebte ihre Seufzer und Wünsche zu dir hinaufrichten, und dich zu ihrem Vertrauten erkiesen; so lange du auch schon um die Erde herumgelaufen bist, als ihr Begleiter und Cicisbeo, so hast du dich doch beständig als ein treuer Confident gehalten, und man findet kein einziges Beispiel in der Weltgeschichte bis zu Adam hin, wo du unwillig geworden wärest, die Nase gerümpft, oder einige hämische Mienen angenommen hättest, ob du gleich diese Seufzer und Klagen schon tausend und abermaltausend male wiederholen hörtest. Noch immer bist du gleich aufmerksam, ja man sieht dich so oft gerührt das Wischtüchlein einer Wolke vorhalten, um deine Tränen dahinter zu verbergen. Welchen bessern Zuhörer könnte sich ein seine Werke vorlesender Dichter wählen, als dich, welchen innigern Vertrauten ich, der ich hier im Tollhause mich liebend verzehre. Wie blass du bist, Guter, wie teilnehmend, und zugleich wie aufmerksam auf alle, die noch in diesem Augenblicke ausser mir stehen, und dich anschauen! Deine gutmütige Miene könnte man leicht für Einfalt halten, besonders heute, wo dein Antlitz zugenommen hat und recht rund und genährt anzuschauen ist; aber du magst zunehmen, wie du willst, ich lasse mich dadurch in deinem Anteile nicht täuschen, bleibst du doch immer der Alte, und nimmst auch wieder ab, und verzehrst dich – ja verhüllst du nicht gar, wenn dich die Rührung überwältigt, dein Gesicht, wie der weinende Agamemnon, dass man nichts von dir sieht, als den vor Gram kahlen Hinterkopf! – lebe wohl, Trauter, Guter!
An die Liebe
Weib, was willst du von mir, dass du dich an mich hängst? Hast du mir auch schon ins Gesicht geschaut? – Du mit deinem Lächeln und deinen holden liebäugelnden Mienen, und ich, mit all dem Grimme und Zorne im Medusenantlitz! – Traute, überleg es, wir geben ein gar zu ungleiches Paar ab. Lass mich los, beim Teufel! ich habe nichts mit dir zu schaffen! Du lächelst wieder und hältst mich fest? Was soll die vorgehaltene Göttermaske, mit der du mich anblickst? Ich reisse sie dir ab, um das dahintersteckende Tier kennen zu lernen; denn in der Tat, ich halte dein wahres Gesicht nicht für das reizendste. – Himmel, das wird immer ärger, ich girre und schmachte ganz erbärmlich – willst du mich völlig rasend machen! Weib, wie kannst du nur Gefallen daran finden auf einem so kreischenden Instrumente, wie ich bin, spielen zu wollen! Die Komposizion ist für einen Fluch gesetzt, und ich muss ein Liebeslied dazu absingen. O lass mich fluchen und nicht in so schrecklichen Tönen schmachten! hauche deine Seufzer in eine Flöte, aus mir schallen sie wie aus einer Kriegstrommete, und ich rühre die Lermtrommel, wenn ich girre. – Und nun gar der erste Kuss – o das andere liesse sich noch überstehen, wie alles, was sich bloss in der Sprache und in Tönen umhertreibt, und es wäre mir immer noch erlaubt heimlich etwas anderes dabei zu denken – aber der erste Kuss – ich habe niemals geküsst, aus Abscheu gegen alle rührende und zärtliche Heuchelei – Unhold, wüsste ich dass du mich dazu verleiten könntest, ich böte meine letzte Kraft auf, und schüttelte dich von mir! In solchen und dergleichen Fragmenten habe ich mich abgearbeitet, und mich ordentlich metodisch auszuschreiben gesucht, wie mancher Dichter, der seine Gefühle so lange auf dem Papiere von sich gibt, bis sie zuletzt alle abgegangen sind, und der Kerl selbst ganz ausgebrannt und nüchtern dasteht.
Es schlug indess alles fehl bei mir, ja die Symptome wurden immer kritischer, und ich fing gar an in mich vertieft umherzuwandern, und fühlte mich fast human und kleinlaut gegen die Welt gestimmt. Einmal meinte ich gar, sie könnte doch wohl die beste sein, und der Mensch selbst wäre etwas mehr, als das erste Tier darauf, ja er habe einigen Wert und könne vielleicht gar unsterblich sein.
Als es so weit gekommen war, gab ich mich selbst verloren, und betrieb es jetzt ganz so langweilig und alltäglich wie ein anderer Verliebter. Ich entsetzte mich schon nicht mehr, wenn ich versifizirte, ja ich konnte auf eine längere Zeit gerührt bleiben, und gewöhnte mich an manche Ausdrücke, die ich sonst gar nicht in den