ihr so etwas einreden wollten! Dieser Apoll wäre vielleicht ein Krüppel, hätte sie ihn von der kleinen Zehe fortgesetzt, dieser Antinous ein Tersites und jener tragische gewaltige Laokoon gar eine Art von Kaliban, wenn nach Naturgesetzen alles reformirt werden sollte. Ja was möchte dann wohl aus dieser Minerva werden, die jetzt bis zum höchsten Punkte des Ideals hinaufgearbeitet vor Ihnen steht, indem nämlich das Haupt an ihr defekt ist, worin der weise Geist tront, der nach Geisterart sich unsichtbar gemacht hat.
Diese Minerva ohne Kopf erregt überhaupt noch in weit grösserem Maasse meine Aufmerksamkeit, als der Agamemnon mit verhülltem haupt, in dem bekannten Gemälde des Timantes. So wie dieser nämlich den Künstlern die Regel gegeben hat, den höchsten unendlichen Schmerz nur erraten zu lassen, so scheint jene dasselbe in Hinsicht auf die Urschönheit anzudeuten. Unsere modernen richten sich auch danach, und ihre Köpfe sind in doppelter Hinsicht nur als Surrogate von Köpfen anzusehen, und stehen da oben nur gleichsam wie die Knöpfe auf Türmen, zum blossen Schlusse der Gestalt. – Die Alten backten, wie jener Prometeus dort im Winkel, ihre Menschen zwar auch aus Ton, aber sie schufen den Sonnenfunken mit hinein; – wir spielen mit dem Feuer nicht gern, aus Furcht vor Gefahr, und lassen deshalb den Funken weg; – ja es gibt jetzt sogar eine allgemeine Feuerpolizei – eine Zensur und Rezensur – die schnell genug jedwede Flamme, die emporlodern will, erstickt. So kann denn der Sonnenfunken bei uns nicht aufkommen. Weise Einrichtung des Staates, der lieber gute brauchbare Maschienen, als kühne Geister unter seinen Bürgern duldet, der den Fuchs selbst zum Balge herauspeitscht, um den Balg zu benutzen, der die hände und Füsse, als dauerhafte Dreh- und Tretemaschienen, höher anschlägt, als die Köpfe seiner Landeskinder. – Der Staat hat, wie der Briareus, nur einen einzigen Kopf, aber hundert arme von Nöten – und damit gut!" –
Ich endete erschrocken, denn bei dem täuschenden Fackelglanze schien sich der ganze verstümmelte Olymp umher plözlich zu beleben; der zürnende Jupiter wollte sich aufrichten von seinem Sitze, der ernste Apoll griff nach dem Bogen und der klingenden Leier, mächtig bäumten sich die Drachen um den kämpfenden Laokoon und die sinkenden Söhne, Prometeus formte mit den Stümpfen seiner arme Menschen, die stumme Niobe schützte das jüngste ihrer Kleinen vor den herabstrahlenden Sonnenpfeilen, die Musen ohne hände, arme und Lippen regten sich durcheinander, wie wenn sie sich bemüheten die alten verklungenen Lieder zu singen und zu spielen – aber es blieb alles still ringsum, und schien nur noch heftige zuckende Bewegung auf einem Schlachtfelde; – nur tief im Hintergrunde stand, ohne Beleuchtung, starr und versteinert ein Furienchor, und schaute finster und schrecklich dem Gewühle zu.
Vierzehnte Nachtwache
Kehre mit mir zurück ins Tollhaus, du stiller Begleiter, der du mich bei meinen Nachtwachen umgiebst. –
Du erinnerst dich noch an mein Narrenkämmerchen, wenn du anders den Faden meiner geschichte – die sich still und verborgen, wie ein schmaler Strom, durch die Fels- und Waldstücke, die ich umher aufhäufte, schlingt – nicht verloren hast. In diesem Narrenkämmerchen lag ich, wie in einer Höle der Sphynx, mit meinem Rätsel eingeschlossen, und war fast auf dem glücklichen Wege, mich wahrhaft zur Tollheit, als dem einzigen haltbaren Systeme, zu bekennen, eben weil ich täglich gelegenheit hatte die Resultate dieser allgemeinen Schule, mit denen der einzelnen zu vergleichen.
Ich will etwas ausholen! sagen die Schriftsteller, wenn sie vom Eie einer Sache anheben wollen, ich muss mich auch dazu bequemen, da ich in dieser Nacht das einzige Nachtigallenei meiner Liebe auszubrüten gedenke; denn um mich her schlagen die Nachtigallen in allen büsche und Gezweigen, und verbinden sich, wie ein Chor, zu einem einzigen Liebesgesange.
Ich spielte einst aus Ingrimm über die Menschheit auf einem Hofteater den Hamlet, als Gastrolle, um gelegenheit zu haben, mich gegen das schweigend dasitzende Parterre eines Teils meiner Galle zu entledigen. An diesem Abende trug es sich zu, dass die Ophelia aus ihrem Vexirwahnsinne Ernst machte und förmlich toll vom Teater ablief. Es gab gewaltigen Lärm, und wie andere Direktoren sich mit dem Einstudieren der Rollen zu beschäftigen pflegen, so bemühete sich dagegen der anwesende seine Prima Donna mit aller Anstrengung aus der gespielten herauszustudieren; – doch vergeblich, die mächtige Hand des Shakespear, dieses zweiten Schöpfers, hatte sie zu heftig ergriffen, und lies sie zum Schrecken aller Gegenwärtigen nicht wieder los. Für mich war es ein interessantes Schauspiel, dieses gewaltige Eingreifen einer Riesenhand in ein fremdes Leben, dieses Umschaffen der wirklichen person zu einer poetischen, die jetzt vor den Augen aller Vernünftigen, auf Koturnen ernstaft auf- und abging, und abgerissene Gesänge, wie wunderbare Geistersprüche, hören liess. So sehr man auch mit den bündigsten Gründen in sie drang zur Vernunft zurückzukehren, so heftig protestirte sie dagegen, und es blieb zuletzt kein anderes Mittel übrig, als sie ins Tollhaus zu schicken.
Zu meinem nicht geringen Erstaunen traf ich hier wieder mit ihr zusammen. Ihr Kämmerchen stiess dicht an das meinige, und ich hörte sie täglich den Holzschuh und Muschelhut ihres Geliebten besingen. Ein Kerl wie ich, der aus Hass und Grimm zusammengesetzt ist, und nicht wie andere Menschenkinder seiner Mutter leib, sondern vielmehr einem schwangern Vulkane entbunden zu sein scheint, hat für Liebe und dergleichen wenig Sinn; und doch beschlich mich hier im Tollhause so etwas, es äusserte sich zwar anfangs nicht in