1805_Klingemann_058_34.txt

nicht schreiben sollen, wenn du dabei abbrechen wolltest. Ich blättere und blättere in dem grossen buch, und finde nichts, als das eine Wort über mich, und dahinter den Gedankenstrich, wie wenn der Dichter den charakter, den er vollführen wollte, im Sinne behalten, und nur den Namen hätte mit einfliessen lassen. War der charakter zu schwierig zur Ausführung, warum strich der Dichter nicht auch den Namen aus, der jetzt allein dasteht, sich anstaunt, und nicht weiss, was er aus sich selbst machen soll.

Schlag das Buch zu, Name, bis der Dichter bei Laune ist, die leeren Blätter, vor denen du nur als Titel stehst, vollzuschreiben!" – –

An dem Berge, mitten in das Museum der natur, hatten sie noch ein kleines für die Kunst gebaut, wohinein jetzt mehrere Kenner uns Dilettanten mit brennenden fackeln zogen, um bei dem sich bewegenden Lichtscheine die toten drinnen möglichst lebendig sich einzubilden. Ich habe auch dann und wann meine Kunstlaunen, aus mehr oder minderer Bosheit, und trete oft gern aus der grossen Kunstkammer in die kleine, um zu sehen wie der Mensch, auch ohne den Hauptteil alles Lebens, das Leben selbst, einblasen zu können, doch recht artig etwas bildet und schnitzt, wovon er nachher meint, es gehe noch über die natur.

Ich folgte den Kennern und Dilettanten!

Und vor mir standen die steinernen Götter als Krüppel ohne arme und Beine, ja einige gar mit fehlenden Häuptern; das Schönste und Herrlichste, wozu die Menschenmaske sich je ausgebildet hatte, der ganze Himmel eines grossen gesunkenen Geschlechts, als Leichnam und Torso wieder ausgegraben aus Herkulanum und dem Bette der Tiber. Ein Invalidenhaus unsterblicher Götter und Helden, hineingebaut zwischen eine erbärmliche Menschheit.

Die alten Künstler, die diese Göttertorsos gedacht und gebildet hatten, zogen verhüllt vor meinem geist vorüber. –

jetzt kletterte ein kleiner Dilettant von den Anwesenden an einer medicäischen Venus ohne arme, mühsam hinauf, mit gespiztem mund und fast tränend, um, wie es schien, ihr den Hintern, als den bekanntlich gelungensten Kunstteil dieser Göttin, zu küssen. Mich ergrimmte es, weil ich in dieser herzlosen Zeit nichts weniger ausstehen kann, als die Frazze der Begeisterung, wozu sich manche Gesichter verziehen können, und ich bestieg erzürnt ein leeres Piedestal, um einige Worte zu verschwenden.

"Junger Kunstbruder! – redete ich ihn an. – Der göttliche Hintere liegt Ihnen zu hoch, und Sie kommen bei Ihrer kurzen Gestalt nicht hinauf, ohne sich den Hals zu brechen! Ich rede aus Menschenliebe, denn es tut mir leid, dass Sie sich unter Lebensgefahr versteigen wollen. Wir sind seit dem Sündenfalle, vor dem Adam bekanntlich, nach der Versicherung der Rabbinen, seine hundert Ellen mass, merklich kleiner geworden, und schwinden von Zeit zu Zeit immer mehr, so dass man in unserm Säkulo vor allen solchen halsbrechenden Versuchen, wie der vorliegende ist, ernstlich warnen muss. Was wollen Sie überhaupt bei der steinernen Jungfrau, die in diesem Augenblicke zu einer eisernen für Sie werden würde, wenn ihr nicht die ächten arme zum Umschlingen fehlten; denn mit den ergänzten hat es keine Not, sie dienen nicht einmal zu einer Berlichingensfaust, und gleichen nur den angehefteten hölzernen, an den Körpern zerschossener Soldaten. O Freund, was die Kunstärzte der neuern Periode auch immer heilen und flicken mögen, sie bringen doch die von der tückischen Zeit verstümmelten Götter, wie z.B. diesen daliegenden Torso, nicht wieder auf die Beine, und sie werden immer nur als Invaliden und emeriti hier in Ruhe gesezt verbleiben müssen. Einst, als sie noch aufrecht standen, und arme und Schenkel und Häupter hatten, lag ein ganzes grosses Heldengeschlecht vor ihnen im Staube; jetzt ist das umgekehrt, und sie liegen im Boden, während unser aufgeklärtes Jahrhundert aufrecht steht, und wir selbst uns bemühen leidliche Götter abzugeben.

Kunstfreund, wohin sind wir gekommen, dass wir es wagen, diese grossen Göttergräber aufzuwühlen, und die unsterblichen toten ans Licht zu ziehen, da wir doch wissen, wie hart bei den Römern die blosse Verletzung der Menschengrüfte verpönt war. Freilich achten Aufgeklärte diese Verstorbenen jetzt geradezu für Götzen, und die Kunst ist nur noch eine heimlich eingeschlichene heidnische sekte, die an ihnen vergöttert und anbetetaber was ist es auch mit ihr, Kunstfreund? Die Alten sangen Hymnen und Aeschylus und Sophokles dichteten ihre Chöre zum Lobe der Götter; unsere moderne Kunstreligion betet in Kritiken, und hat die Andacht im kopf, wie ächt Religiöse im Herzen.

Ach, man soll die alten Götter wieder begraben! Küssen Sie den Hintern, junger Mann, küssen Sie, und damit gut!

Auf der andern Seite, Freund, wollen Sie nicht mehr anbeten, so sollen Sie auch nicht weiter auf Kosten der natur bewundern; denn der Menschwerdung dieser Götter widersetze ich mich standhaft. Sie haben die Wahl; entweder beten, oder begraben! –

Nicht so aufgeschaut, Lieber! führen Sie die natur, die ächte meine ich, wo möglich in person einmal in diesen Kunstsaal, und lassen Sie sie reden. Beim Teufel, sie wird lachen über die komische Menschenmaske, die ihr so abgeschmackt wie der Popanz in Horazens Briefe an die Pisonen erscheinen muss.

Lassen Sie sie sprechen, ob sie jemals zu dieser Zehe diese Nase, zu diesem mund jene Stirn, zu dieser Hand jenen Hintern wirklich geschaffen haben würde; – ich wette sie würde verdriesslich werden, wenn Sie