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Farben stiegen darin wie wunderbare Geister auf. Ein All von Liebe und Lebenrote Früchte und blühende Kränze in den Bäumen, und duftende Gewinde um Hügel und Bergein den Trauben brennende Diamantendie Schmetterlinge als fliegende gaukelnde Blumen in den LüftenGesang aus tausend Kehlen, schmetternd, jubelnd, lobpreisendund das Auge Gottes aus dem unendlichen Weltmeere zurückschauend und aus der Perle im Blumenkelche.

Ich wagte den Ewigen zu denken!

Plözlich rauschte es hinter mirneue Schleier fielen von dem Lebenich schaute rasch zurück und sahach zum erstenmale! das weinende Auge der Mutter!

O Nacht, Nacht, kehre zurück! Ich ertrage all das Licht und die Liebe nicht länger!

Zwölfte Nachtwache

Es geht nun einmal höchst unregelmässig in der Welt zu, deshalb unterbreche ich den Unbekannten im Mantel hier mitten in seiner Erzählung, und es wäre nicht übel zu wünschen dass mancher grosse Dichter und Schriftsteller sich selbst zur rechten Zeit unterbrechen möchte, so auch der Tod in der rechten Stunde das Leben grosser MännerBeispiele liegen nahe.

Oft erhebt sich der Mensch wie der Adler zur Sonne und scheinet der Erde entrückt, dass Alle dem Verklärten in seinem Glanze nachstaunen; – aber der Egoist kehrt plözlich zurück und statt den Sonnenstrahl wie Prometeus geraubt zu haben und zur Erde herabzuführen, verbindet er den Umstehenden die Augen, weil er glaubt es blende sie die Sonne.

Wer kennt den Sonnenadler nicht, der durch die neuere geschichte schwebt! –

Was übrigens meinen Unbekannten betrifft, so gebe ich nach romantischem Stoffe hungernden Autoren mein Wort, dass sich ein mässiges Honorar mit seinem Leben erschreiben liessesie mögen ihn nur aufsuchen und seine geschichte beenden lassen. –

In dieser Nacht war grosser Lerm. Aus der Haustür eines berühmten Dichters flog eine Perücke und hinter drein eilte ihr Besizzer, so dass es zweideutig war, ob er dem vorausfliehenden Gute nachseze, oder vielmehr nachgesezt werde. Ich hielt ihn dieser Zweideutigkeit halber fest, und liess ihn beichten. –

"Mein Freund! – sagte erIch seze der Unsterblichkeit nach, und werde von ihr nachgesezt! Er selbst wird es wissen, wie schwer es ist berühmt zu werden, wie noch unendlich schwerer aber zu leben; man klagt in allen Fächern über Überhäufung, so auch in dem Fache des berühmt und lebendig seins, dazu beschwert man sich über so manche in beiden Fächern angestellte schlechte Subjekte, dass man niemandem mehr auf sein Wort glauben will. Mir besonders hat man grosse Schwierigkeiten in den Weg gelegt, und ich habe es durchaus zu nichts bringen können. Sage er selbst, was soll ein Mensch der nicht schon im Mutterleibe eine Krone auf dem haupt trägt, oder mindestens, wenn er aus dem Eie gekrochen, an den Ästen eines Stammbaums das Klettern lernen kann, in dieser Welt anfangen, wenn er weiter nichts mitbringt, als sein naktes Ich und gesunde Glieder. Ich kenne nichts einfältigeres in der Zeit worin wir einmal leben, und wo die Ämter, die Würden, die Ordensbänder und Sterne schon früher fertig sind, als der, der sie tragen oder bekleiden soll. Möchte ein armer Teufel, der nicht mindestens bei seiner Geburt gleich in einen warmen Rock fahren kann, nicht lieber wünschen als ein Stumpf aus seiner Mutterleibe hervorzugehen, angestaunt und gespeiset zu werden? Ich denke er versteht mich Kamerad!

Ich hab's auf alle Weise versucht mich fortzubringen, aber immer vergeblich; bis ich endlich fand ich habe Kants Nase, Götens Augen, Lessings Stirn, Schillers Mund, und den Hintern mehrerer berühmter Männer; ich machte darauf aufmerksam und fand Eingang, ja man fing an mich zu bewundern. Jetzt trieb ich's weiter, ich schrieb an grosse Geister um alten abgelegten Trödel, und das Glück wollte mir so wohl, dass ich jetzt in Schuhen einherschreite in denen einst Kant eigenfüssig ging, am Tage Götens Hut auf Lessings Perücke setze, und zu Abends Schillers Schlafmütze trage, ja ich ging noch weiter, ich lernte weinen wie Kotzebue und niesen wie Tiek, und er glaubt nicht welchen Eindruck ich oft dadurch zuwege bringe, die Kreatur wohnt nun einmal im leib, und hat es mit diesem lieber zu tun, als mit dem geist; es ist keine Spiegelfechterei, wenn ich ihm erzähle, dass jemand vor dem ich einst wie Göte mit verkehrt gesetztem hut und in die Rockfalten verborgenen Händen einherwandelte, mir die Versicherung gab, das amüsire ihn mehr, als Götens neueste Schriften. – Man zieht mich seitdem an die vornehmsten Tafeln und ich befinde mich wohl dabei. –

Nur heute fuhr ich übel, denn als ich einen bekannten grossen Geist, der öffentlich bedeutend auftritt, in seinen vier Pfählen belauschen wollte, behandelte er mich als einen Dieb, ohnerachtet das was ich ihm in der Eile mit den Augen entwandte, nicht eben sehr rühmenswert war."

Er setzte sich nach diesen Worten Lessings Perükke wieder auf das Haupt und machte dabei noch folgenden Sarkasmus:

"Freund was hat man von dieser Unsterblichkeit, wenn nach dem tod die Perücke unsterblicher ist, als der Mann der sie trug? – Vom Leben selbst will ich nicht einmal reden, denn während seines Daseins stolzirt nur der sterblichste Schlucker unsterblich einher, während man nach dem Genius, wo er sich blicken lässt, mit Fäusten ausschlägterinnere er sich an das Haupt das vor mir in dieser Perücke steckte! Gute Nacht!" –

Ich liess den Narren laufen. –

Auf dem Gottesacker trieb