Kirche herrschte tiefe Stille unter den Heiligen, die von den Wänden herabschaueten, nur wenn dann und wann ein Windstoss durch das Orgelwerk fuhr, heulte eine Pfeife unangenehm.
Der Zug ward endlich durch die Säulen sichtbar – viele schweigende Jungfrauen und in der Mitte die wandelnde Braut des Todes. Der ganze Akt hätte für einen poetisch weichlich gestimmten Zuschauer etwas Schauder erregendes, eben durch die fast mechanisch schrekliche Weise auf die er vollzogen wurde, gehabt, so wie denn die tragische Muse, je weniger Händeringens sie macht, um so mehr erschüttert. Mein Gemüt indess, (das einem mit Vorsatz widersinnig gestimmten Saitenspiele gleicht, auf dem daher niemals in einer reinen Tonart gespielt werden kann, wenn nicht anders der Teufel einmal ein Konzert darauf ankündigt) wurde wenig ergriffen, und es kam im grund nichts weiter als ein toller Lauf durch die Skala zuwege, der ungefähr durch die folgenden Töne ging und in einer Disharmonie stehen blieb:
Lauf durch die Skala
"Das Leben läuft an dem Menschen vorüber, aber so flüchtig dass er es vergeblich anruft ihm einen Augenblick Stand zu halten, um sich mit ihm zu besprechen, was es will, und warum es ihn anschaut. Da fliehen die Masken vorüber, die Empfindungen, eine verzerrter wie die andere. Freude steh mir Rede – ruft der Mensch – weshalb du mir zulächelst! Die Larve lächelt und entflieht. Schmerz lass dir fest ins Auge schauen, warum erscheinst du mir! Auch er ist schon vorüber. – Zorn, warum blickst du mich an – ich frage es, und du bist verschwunden.
Und die Larven drehen sich im tollen raschen Tanze um mich her – um mich der ich Mensch heisse – und ich taumle mitten im Kreise umher, schwindelnd von dem Anblicke und mich vergeblich bemühend eine der Masken zu umarmen und ihr die Larve vom wahren Antlize wegzureissen; aber sie tanzen und tanzen nur – und ich – was soll ich denn im Kreise? Wer bin ich denn, wenn die Larven verschwinden sollten? Gebt mir einen Spiegel ihr Fastnachtsspieler, dass ich mich selbst einmal erblicke – es wird mir überdrüssig nur immer eure wechselnden Gesichter anzuschauen. Ihr schüttelt – wie? steht kein Ich im Spiegel wenn ich davor trete – bin ich nur der Gedanke eines Gedanken, der Traum eines Traumes – könnt ihr mir nicht zu meinem leib verhelfen, und schüttelt ihr nur immer Eure Schellen, wenn ich denke es sind die meinigen? – Hu! Das ist ja schrecklich einsam hier im Ich, wenn ich euch zuhalte ihr Masken, und ich mich selbst anschauen will – alles verhallender Schall ohne den verschwundenen Ton – nirgends Gegenstand, und ich sehe doch – – das ist wohl das Nichts das ich sehe! – Weg, weg vom Ich – tanzt nur wieder fort ihr Larven!"
jetzt steigt die Nonne in die Gruft hinab. O endet doch das Spiel dass ich's erfahre ob's eigentlich auf Scherz oder auf Ernst hinausläuft. Folgt doch noch auf dem lezten Wege der Braut des Todes eine Maske – es ist der Wahnsinn. Die Larve lächelt heimlich – ob dahinter das wahre Antliz schaudert, oder verzückt ist – wer sagt es mir?
Zwar mauern sie, der Braut zur Gesellschaft, eine Schlange ein – den Hunger – die sich ihr bald um die Brust schlingen, und bis zum Ich fortnagen wird. Wenn dann die letzte Maske auch verschwindet, und das Ich mit sich allein ist – wird es sich wohl die Zeit vertreiben? –
Nun klopfen die Hämmer der Freimaurer dumpf durch das Gewölbe, und ein Stein nach dem andern fügt sich in das Gewölbe der Gruft. jetzt erblicke ich nur noch durch eine kleine Lücke beim Lampenschein das heimliche Lächeln der Begrabenen – jetzt bloss ein wenig sich durchstehlenden Schimmer -- nun ist alles verdeckt, und die lebenden toten singen zur guten Nacht ein ernstes miserere über dem haupt der Begrabenen. –
Den Pförtner fand ich als ich zurückkehrte, wie gewöhnlich mit seiner alten finstern Maske beisammen. – "Hassest du jetzt die Menschen?" fragte er.
"Ich bin fast mit mir allein – sagte ich – und hasse oder liebe eben so wenig als möglich! Ich versuche zu denken, dass ich nichts denke, und da bringe ich's zulezt wohl so weit auf mich selbst zu kommen!" –
"Nimm den Wurm mit – fuhr der Alte fort, und hob die Decke über einem schlummernden kind – ich mag ihn nicht bei mir behalten, denn ich habe noch Anfälle von Menschenliebe, wo ich ihn leicht im Wahnsinn ersticken könnte!"
Ich nahm den Knaben in die arme, und das noch träumende Leben versöhnte mich wieder mit dem erwachten.
"Sie haben mir das Kind übergeben es fortzuschaffen – sprach der Pförtner – denn sie dulden nichts Männliches unter sich die frommen Jungfrauen, ausser in den Gemählden, für die Einbildungskraft; die Mutter des Knaben sahest du eben begraben, such jetzt seinen Vater auf, oder schleudre den Bürger in die Welt, es hat keine Gefahr mit der Menschenbrut, sie geht nicht unter."
"Ich kenne den Vater!" antwortete ich, und ging aus der Hütte. Draussen stand der Unbekannte im Mantel und hielt mich fest. – "Die Braut ist begraben – dies ist dein Sohn!" mit diesen Worten legte ich ihm den Knaben in die arme, und er drückte ihn stumm ans Herz.
Eilfte Nachtwache
Folgendes ist ein Bruchstück aus der geschichte des Unbekannten im Mantel