1805_Klingemann_058_27.txt

Gott nicht schaue.

Sie sehen wohin das führt, und es ist eben meine fixe idee, dass ich mich selbst für vernünftiger halte als die in Systemen deducirte Vernunft, und für weiser als die docirte Weisheit.

Ich möchte wahrlich mit Ihnen zu einer medizinischen Beratschlagung mich verbinden, bloss um zu überlegen, wie dieser meiner Narrheit beizukommen sei, und welche Mittel man dagegen anwenden könnte. Die Sache ist von Wichtigkeit, denn sagen Sie, wie kann man gegen Krankheiten sich auflehnen wollen, wenn man selbst, wie Sie wissen, mit dem Systeme nicht im Reinen ist, ja wohl gar das für Krankheit hält, was höhere Gesundheit ist, und umgekehrt.

Ja, wer entscheidet es zulezt, ob wir Narren hier in dem Irrhause meisterhafter irren, oder die Fakultisten in den Hörsälen? Ob vielleicht nicht gar Irrtum, Wahrheit; Narrheit, Weisheit; Tod, Leben istwie man vernünftigerweise es dermalen gerade im Gegenteile nimmt! – O ich bin inkurabel, das sehe ich selbst ein."

Der Doktor Öhlmann verordnete mir nach einigem Nachsinnen viele Bewegung und wenig oder gar kein Denken, weil er meinte, dass mein Wahnsinn, gerade wie bei andern eine Indigestion durch zu häufigen physischen Genuss, durch übertriebene intellektuelle Schwelgerei entstanden sei. – Ich liess ihn gehen!

Für meinen Wonnemonat im Tollhause spare ich ein anderes Nachtstück auf.

Zehnte Nachtwache

Das ist eine wunderliche Nacht; der Mondschein in den gotischen Bogen des Dohmes erscheint und verschwindet wie Geisteran der Laterne des Turmes klettert ein Nachtwandler herum, mit einem Säuglinge im arme, es ist der Klökner; sein Weib schaut aus der Luke, händeringend, aber stumm wie das Grab, dass der schlafende Wanderer, der sicher, wie der sorglose Mensch, die gefährlichsten Stellen zurücklegt, nicht beim Rufe seines Namens erwachend und schwindelnd mit dem Knaben in das tiefe Grab hinunterstürze. – Gegenüber in der Vorstadt bricht ein Dieb in einen Pallast; aber es ist mein Revier nicht, und ich bin zum Stummsein verdammt; so mag er einbrechen! – Ganz in der Ferne ist leise kaum vernehmbare Musik, wie wenn Mücken summen, oder Koch zur Nacht auf der Mundharmonika phantasirt; und oben am Horizont auf dem Eisspiegel der Wiese drehen sich leicht und luftig Schlittschuhläufer, und tanzen den Baseler Todtentanz zu der Trauermusik. –

Alles ist kalt und starr und rauh, und von dem Naturtorso sind die Glieder abgefallen, und er streckt nur noch seine versteinerten Stümpfe ohne die Kränze von Blüten und Blättern gegen den Himmel. Die Nacht ist still und fast schrecklich und der kalte Tod steht in ihr, wie ein unsichtbarer Geist, der das überwundene Leben festält. Dann und wann stürzt ein erfrorner Rabe von dem Kirchendache, und ein Bettler ohne Dach und Fach kämpft mit dem Schlummer, der ihn so süss und lockend, in die arme des Todes legen will, wie den leichtsinnigen Fischer die Nixe mit Gesang in die Wellen einladet. –

Soll ich den Tod betrügen um das Bettlerleben? Beim Teufel ich weiss es ja nicht was besser istSein, oder Nichtsein! – O die dort mit dem nachgeahmten Süden in ihren Schlafkammern, und dem gemahlten Frühling an den Wänden, wenn draussen der wirkliche erstarret ist, werfen die Frage nicht auf, und sie bereiten sich selbst die natur, wie ein leckeres Gericht auf ihren Tafeln, zu und geniessen sie gern nippend und in unterbrochenen Pausen, damit sie im Geschmack bleiben. Aber dieser Vogelfreie ruht der alten Mutter noch unmittelbar an der Brust, die eigensinnig und launisch, wie jede Alte, bald ihre Kinder erwärmt und bald sie erdrückt. – Doch nein, du Mutter bist ewig treu und unveränderlich, und bietest den Kindern Früchte in dem grünen Laube das sie beschattet, und Flammen und die Erinnerung an dich, wenn du schlummerst; aber die Brüder haben den Joseph verstossen, und verschliessen tückisch die Gaben, die du ihm, wie den andern Kindern reichst. – O die Brüder sind es nicht wert, dass Joseph unter ihnen wandle! Er mag entschlummern!

Da ist das Gesicht schon starr und kalt, und der Schlaf hat die Bildsäule seinem Bruder in die arme gelegt; ich will sie hier aufrichten, dass sie wie ein Schreckbild, wenn die Sonne aufgeht, in den Tag schaue. – O mörderischer Tod, der Bettler hatte noch eine Erinnerung an das Leben und die Liebedie braune Locke seines Weibes hier unter den Lumpen auf der Brust; du hättest ihn nicht würgen sollen, – und doch

Der Traum der Liebe

Die Liebe ist nicht schönes ist nur der Traum der Liebe der entzückt. Höre mein Gebet, ernster Jüngling! Siehst du an meiner Brust die Geliebte, o so brich sie schnell die Rose, und wirf den weissen Schleier über das blühende Gesicht. Die weisse Rose des Todes ist schöner als ihre Schwester, denn sie erinnert an das Leben und macht es wünschenswert und teuer. Über dem Grabhügel der Geliebten schwebt ihre Gestalt ewig jugendlich und bekränzt und nimmer entstellt die Wirklichkeit ihre Züge, und berührt sie nicht dass sie erkalte und die Umarmung sich ende. Entführe sie schnell die Geliebte, Jüngling, denn die Entflohene kehrt wieder in meinen Träumen und Gesängen, sie windet den Kranz meiner Lieder und entschwebt in meinen Tönen zum Himmel. Nur die Lebende stirbt, die tote bleibt bei mir, und ewig ist unsre Liebe und unsre Umarmung! –

Horch! – Tanzmusik und Todtengesangdas schüttelt lustig