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, durch die ich ihn jetzt alle Tage führe, und die er zu verlöschen sich ernstlich vorgesezt hat. – Seines ursprünglichen Handwerks nach, soll er ein Poet gewesen sein, der seine Flüssigkeiten in keinen Buchladen ableiten konnte.

No. 2 und 3 sind philosophische Gegenfüssler, ein Idealist und ein Realist; jener laborirt an einer gläsernen Brust, und dieser an einem gläsernen Gesässe, weshalb er sein Ich niemals sezt, was jenem eine Kleinigkeit ist, ob er gleich dagegen die moralische Anschauung vermeidet, und darum die Brust sorgfältig bedeckt.

No. 4. sizt hier bloss deswegen weil er in der Bildung um ein halbes Jahrhundert zu weit vorausgeschritten ist; es wandeln noch einige von der Art frei herum, die man aber, wie billig, alle auch für toll hält.

No. 5. hielt zu verständige und verständliche Reden, deshalb haben sie ihn hieher geschickt.

No. 6. ist aus der Verrükteit den Scherz eines Grossen als Ernst zu nehmen, verrükt geworden.

No. 7. hat sein Gehirn versengt, dadurch dass er sich zu hoch in die Poesie verstieg, und

No. 8 dadurch, dass er bei vernünftigen Tagen es mit der Rührung in seinen Komödien zu übermässig betrieb, seine Vernunft gänzlich weggeschwemmt. Jener glaubt jetzt als Flamme zu brennen, so wie im Gegenteile dieser als wasser dahin fliesst. Ich habe dann und wann versucht die widerstreitenden Elemente durch einen gegenseitigen Kampf zu verzehren, aber das Feuer fiel dann so heftig über das wasser her, dass ich

No. 9, der sich für den Weltschöpfer hält, herbeirufen musste, um sie wieder von einander zu scheiden.

Diese letzte Nummer hält oft höchst wunderliche Selbstgespräche, und Sie können jetzt eben einem zuhören, wenn sie anders Geduld dazu haben.

Monolog des wahnsinnigen Weltschöpfers

"Es ist ein wunderlich Ding hier in meiner Hand, und wenn ichs von Sekunde zu Sekundewas sie dort ein Jahrhundert heissendurch das Vergrösserungsglas betrachte, so hat sich's immer toller auf der Kugel verwirrt, und ich weiss nicht ob ich darüber lachen oder mich ärgern sollwenn beides sich nur überhaupt für mich schickte. Das Sonnenstäubchen, das daran herumkriecht, nennt sich Mensch; als ich es geschaffen hatte, sagte ich zwar der Sonderbarkeit wegen es sei gutübereilt war das freilich, indess ich hatte nun einmal meine gute Laune, und alles Neue ist hier oben in der langen Ewigkeit willkommen, wo es gar keinen Zeitvertreib gibt. – Mit manchem was ich geschaffen, bin ich freilich noch jetzt zufrieden, so ergözt mich die bunte Blumenwelt mit den Kindern die darunter spielen, und die fliegenden Blumen, die Schmetterlinge und Insekten, die sich als leichtsinnige Jugend von ihren Müttern trennten und doch zu ihnen zurückkehren um ihre Milch zu trinken und an der Mutter Brust zu schlummern und zu sterben.6 – Aber dies winzige Stäubchen, dem ich einen lebendigen Atem einbliess und es Mensch nannte, ärgert mich wohl hin und wieder mit seinem Fünkchen Gotteit, das ich ihm in der Übereilung anerschuf, und worüber es verrükt wurde. Ich hätte es gleich einsehen sollen, dass so wenig Gotteit nur zum Bösen führen müsse, denn die arme Kreatur weiss nicht mehr, wohin sie sich wenden soll, und die Ahnung von Gott, die sie in sich herumträgt, macht dass sie sich immer tiefer verwirret, ohne jemals damit aufs Reine zu kommen. In der einen Sekunde, die sie das goldene Zeitalter nannte, schnizte sie Figuren lieblich anzuschauen und baute Häuserchen darüber, deren Trümmer man in der andern Sekunde anstaunte und als die wohnung der Götter betrachtete. Dann betete sie die Sonne an, die ich ihr zur Erleuchtung anzündete und die, mit meiner Studierlampe verglichen, sich wie das Fünkchen zur Flamme verhält. Zuleztund das war das ärgstedünkte sich das Stäubchen selbst Gott und bauete Systeme auf, worin es sich bewunderte. Beim Teufel! Ich hätte die Puppe ungeschnizt lassen sollen! – Was soll ich nur mit ihr anfangen? – Hier oben sie in der Ewigkeit mit ihren Possen herumhüpfen lassen? – Das geht bei mir selbst nicht an; denn da sie sich dort unten schon mehr als zuviel langweilt und sich oft vergeblich bemüht in der kurzen Sekunde ihrer Existenz die Zeit sich zu vertreiben, wie müsste sie sich bei mir in der Ewigkeit, vor der ich oft selbst erschrecke, langweilen! Sie ganz und gar zu vernichten tut mir auch leid; denn der Staub träumt doch oft gar so angenehm von der Unsterblichkeit, und meint, eben weil er so etwas träume, müsse es ihm werden. – Was soll ich beginnen? Wahrlich hier steht mein Verstand selbst still! Lasse ich die Kreatur sterben und wieder sterben, und verwische jedesmal das Fünkchen Erinnerung an sich selbst, dass es von neuem auferstehe und umherwandle? Das wird mir auf die Länge auch langweilig, denn das Possenspiel immer und immer wiederholt, muss ermüden! – Am besten ich warte überhaupt mit der Entscheidung bis es mir einfällt einen jüngsten Tag festzusetzen und mir ein klügerer Gedanke beikommt. –"

"Was das für ein verruchter Wahnsinn istfiel ich ein, als Nro. 9 inne hielt. – Wenn ein vernünftiger Mensch dergleichen vorbrächte, würde man es wahrlich konfisziren." –

Öhlmann schüttelte den Kopf und machte einige bedeutende Anmerkungen über Gemütskrankheiten überhaupt.

Der Weltschöpfer, der bei seiner Rede einen Kinderball in der Hand hielt und jetzt mit ihm an zu spielen fing, fuhr