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. Dieser lächelte nur und schüttelte den Kopf.

Ich war in diesem Augenblicke seiner Fortdauer gewiss; denn nur das endliche Wesen kann den Gedanken der Vernichtung nicht denken, während der unsterbliche Geist nicht vor ihr zittert, der sich, ein freies Wesen, ihr frei opfern kann, wie sich die Indischen Weiber kühn in die Flammen stürzen, und der Vernichtung weihen.

Ein wilder Wahnsinn schien bei diesem Anblicke den pfaffen zu ergreifen, und getreu seinem charakter redete er jetzt, indem ihm das Beschreiben zu ohnmächtig erschien, in der person des Teufels selbst, der ihm am nächsten lag. Er drückte sich wie ein Meister darin aus, ächt teufelisch im kühnsten Style, und fern von der schwachen Manier des modernen Teufels.

Dem Kranken wurde es zu arg. Er wendete sich finster weg, und blickte die drei Frühlingsrosen an, die um sein Bette blüheten. Da loderte die ganze heisse Liebe zum letztenmale in seinem Herzen auf, und über das blasse Antlitz flog ein leichtes Rot, wie eine Erinnerung. Er liess sich die Knaben reichen, und küsste sie mit Anstrengung, dann legte er das schwere Haupt an die hochwallende Brust des Weibes, stiess ein leises, Ach! aus, das mehr Wollust als Schmerz schien, und entschlief liebend im Arm der Liebe.

Der Pfaff seiner Teufelsrolle getreu, donnerte ihm, der Bemerkung gemäss, dass das Gehör bei Verstorbenen noch eine längere Zeit reizbar bleibt, in die Ohren, und versprach ihm in seinem eigenen Namen fest und bündig, dass der Teufel nicht nur seine Seele, sondern auch seinen Leib abfodern würde.

Somit stürzte er fort, und hinaus auf die Gasse. Ich war verwirrt worden, hielt ihn in der Täuschung wahrhaft für den Teufel, und sezte ihm, als er an mir vorüberfahren wollte, die Pike auf die Brust. "Geh zum Teufel!" sagte er schnaubend, da besann ich mich und sagte: "Verzeiht, Hochwürdiger, ich hielt euch in einer Art Besessenheit für ihn selbst, und sezte euch deshalb die Pike, als ein "Gott sei bei uns!" aufs Herz. Haltet mir's diesmal zu Gute!"

Er stürzte fort.

Ach! dort im Zimmer war die Szene lieblicher worden. Das schöne Weib hielt den blassen Geliebten still in ihren Armen, wie einen Schlummernden; in schöner Unwissenheit ahnte sie den Tod noch nicht, und glaubte, dass ihn der Schlaf zum neuen Leben stärken werdeein holder Glaube, der im höhern Sinne sie nicht täuschte. Die Kinder knieten ernst am Bette, und nur der jüngste bemühete sich den Vater zu wecken, während die Mutter, ihm schweigend mit den Augen zuwinkend, die Hand auf sein umlocktes Haupt legte.

Die Szene war zu schön; ich wandte mich weg, um den Augenblick nicht zu schauen, in dem die Täuschung schwände.

Mit gedämpfter stimme sang ich einen Sterbegesang unter dem Fenster, um in dem noch hörenden Ohre den Feuerruf des Mönchs durch leise Töne zu verdrängen. Den Sterbenden ist die Musik verschwistert, sie ist der erste süsse laut vom fernen Jenseits, und die Muse des Gesanges ist die mystische Schwester, die zum Himmel zeigt. So entschlummerte Jakob Böhme, indem er die ferne Musik vernahm, die Niemand, ausser dem Sterbenden hörte.

Zweite Nachtwache

Die Stunde rief mich wieder zu meiner nächtlichen Handtierung; da lagen die öden Strassen, wie zugedeckt vor mir, und nur dann und wann flog ein Wetterleuchten luftig und rasch durch sie hin, und weit, weit in der Ferne murmelte es drein wie unverständlicher Zauberspruch.

Mein Poet hatte das Licht ausgelöscht, weil der Himmel leuchtete und er dies leztere für wohlfeiler und poetischer zugleich hielt. Er schaute hoch droben in die Blitze hinein, im Fenster liegend, das weisse Nachtemd offen auf der Brust, und das schwarze Haar struppig und unordentlich um den Kopf. Ich erinnerte mich an ähnliche überpoetische Stunden, wo das Innere Sturm ist, der Mund im Donner reden, und die Hand statt der Feder den Blitz ergreifen möchte, um damit in feurigen Worten zu schreiben. Da fliegt der Geist von Pole zu Pole, glaubt das ganze Universum zu überflügeln, und wenn er zulezt zur Sprache kommtso ist es kindisch Wort, und die Hand zerreisst rasch das Papier.

Ich bannte diesen poetischen Teufel in mir, der am Ende immer nur schadenfroh über meine Schwäche aufzulachen pflegte, gewöhnlich durch das Beschwörungsmittel der Musik. jetzt pflege ich nur ein paarmal gellend ins Horn zu stossen, und da geht's auch vorüber.

Überall kann ich allen denen, die sich vor ähnlichen poetischen Überraschungen wie vor einem Fieber scheuen, den Ton meines Nachtwächterhorns als ein ächtes antipoeticum empfehlen. Das Mittel ist wohlfeil und von grosser Wichtigkeit zugleich, da man in jetziger Zeit mit Plato die Poesie für eine Wut zu halten pflegt, mit dem einzigen Unterschiede, dass jener diese Wut vom Himmel und nicht aus dem Narrenhause herleitete.

Mag dem indess sein, wie ihm wolle, so bleibt es doch heute zu Tage mit der Dichterei überall bedenklich, weil es so wenig Verrückte mehr gibt, und ein solcher Überfluss an Vernünftigen vorhanden ist, dass sie aus ihren eigenen Mitteln alle Fächer und sogar die Poesie besetzen können. Ein rein Toller, wie ich, findet unter solchen Umständen kein Unterkommen. Ich gehe deshalb auch nur jetzt bloss noch um die Poesie herum, das heisst, ich bin ein Humorist worden, wozu ich als Nachtwächter die meiste Musse