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und die flüchtige satirische Rede eines Esels über das Tema: warum es überhaupt Esel geben müsse, machte gewaltigen Lerm. Ich hatte bei Gott wenig Arges dabei gedacht, und das Ganze bloss aufs Allgemeine bezogen; aber eine Satire ist wie ein Probirstein, und jedes Metall das daran vorüberstreicht lässt das Zeichen seines Wertes oder Unwertes zurück; so gings auch hierder *** hatte das Blatt gelesen, und alles genau auf sich passend gefunden; weshalb man mich ohne weiteres in den Turm sperrte, wo ich Musse hatte immer wilder zu werden. Dabei gings mir übrigens mit meinem Menschenhasse wie den Fürsten, die den einzelnen Menschen wohltun, und sie nur in ganzen Heeren würgen.

Endlich liess man mich los, als die fremde Zahlung aufhörte, denn mein alter Meister war Todes verfahren, und ich stand nun mutterallein da in der Welt, als wäre ich aus einem andern Planeten herabgefallen. jetzt sah ich's recht, wie der Mensch als Mensch nichts mehr gilt, und kein Eigentum an der Erde hat, als was er sich erkauft oder erkämpft. O wie ergrimmte ich, dass Bettler, Vagabunden und andere arme Teufel, wie ich einer bin, das Faustrecht sich nehmen liessen, und es nur den Fürsten zugestanden, als zu ihren Regalen gehörig, die es nun im Grossen ausüben; konnte ich doch wahrlich kein Stükchen Erde finden, um mich darauf niederzulassen, so sehr hatten sie jede Handbreit unter sich zerteilt und zerstückelt, und wollten schlechterdings von dem Naturrechte, als dem einzigen allgemeinen und positiven nichts wissen, sondern hatten in jedem Winkelchen ihr besonderes Recht und ihren besonderes Glauben; in Sparta besangen sie den Dieb, je kunstfertiger er zu stehlen verstand, und nebenan in Aten hingen sie ihn auf.

Zu etwas musste ich indess greifen um nicht zu verhungern, hatten sie doch alles freie Gemeingut der natur bis auf die Vögel unterm Himmel und die Fische im wasser an sich gerissen, und wollten mir kein Fruchtkorn zugestehen ohne gute baare Bezahlung. Ich wählte das erste beste Fach, worin ich sie und ihr Treiben besingen konnte, und wurde Rhapsode wie der blinde Homer, der auch als Bänkelsänger umherziehen musste.

Blut lieben sie über die Maassen, und wenn sie es auch nicht selbst vergiessen, so mögen sie es doch für ihr Leben überall in Bildern, Gedichten und im Leben selbst gern fliessen sehen; in grossen Schlachtstücken am liebsten. Ich sang ihnen daher Mordgeschichten und hatte mein Auskommen dabei, ja ich fing an mich zu den nüzlichen Mitgliedern im staat, als zu den Fechtmeistern, Gewehrfabrikanten, Pulvermüllern, Kriegsministern, Ärzten u.s.w., die alle offenbar dem tod in die Hand arbeiten, zu zählen, und bekam eine gute Meinung von mir, indem ich meine Zuhörer und Schüler abzuhärten, und sie an blutige Auftritte zu gewöhnen mich bemühete.

Endlich aber wurden mir doch die kleineren Mordstücke zuwider, und ich wagte mich an grösserean Seelenmorde durch Kirche und Staat, wofür ich gute Stoffe aus der geschichte wählte; liess auch hin und wieder kleine episodische Ergözlichkeiten von leichteren Morden, als z.B. der Ehre, durch den tückischen guten Ruf, der Liebe, durch kalte herzlose Buben, der Treue, durch falsche Freunde, der Gerechtigkeit, durch Gerichtshöfe, der gesunden Vernunft, durch Zensuredikte u.s.w. mit einfliessen. Da aber war es vorbei, und es wurden in kurzen mehr denn funfzig Injurienprozesse gegen mich anhängig gemacht. Ich trat auf vor Gericht als mein eigener advocatus diaboli; vor mir sassen an der Tafelrunde ein halb Duzend mit den Gerechtigkeitsmasken vor dem Antlize, worunter sie ihre eigene Schalksphysiognomie und zweite Hogartsgesichtshälfte verbargen. Sie verstehen die Kunst des Rubens, wodurch er vermittelst eines einzigen Zuges ein lachendes Gesicht in ein weinendes verwandelte, und wenden sie bei sich selbst an, sobald sie sich auf die Gerichtsstühle niederlassen, damit man diese nicht für arme Sünderstühlchen anzusehen geneigt sein möchte. – Nach einer strengen Verwarnung, die Wahrheit auf die mir vorgelegten Anklagen zu sagen, hub ich so an:

"Wohlweise! Ich stehe hier als beschuldigter Injuriant vor Ihnen, und alle corpora delicti sprechen wider mich, worunter ich auch Sie selbst zu zählen fest willens bin, indem man corpora delicti nicht nur als die Gegenstände aus denen man auf ein bestimmtes Verbrechen schliessen kann, z.B. Brechstangen, Diebsleitern u.d. gl. sondern auch als die Leiber selbst in denen das Verbrechen wohnt, ansehen könnte. Nun aber wäre es nicht übel geraten, dass Sie selbst nicht nur als gute Teoretiker die Verbrechen kennen lernten, sondern sie auch als brave Praktiker auszuüben verständen, wie denn schon manche Dichter sich ernstlich beklagen, dass ihre Rezensenten selbst, nicht einen einzigen Vers zu machen im stand wären, und doch über Verse richten wollten; – und was würden Sie, Wohlweise, zu entgegnen haben, wenn Ihnen, der Analogie gemäss, ein Dieb, Ehebrecher oder irgend ein anderer Hundsfott dieses Gelichters, über den Sie richten wollten, eine ähnliche Nuss aufzuknacken gäbe und sie nicht für kompetente Rezensenten in ihrem Fache anerkennen wollte, weil sie in praxi selbst noch gar nichts prästirt.

Die gesetz scheinen auch in der Tat hierauf hinzudeuten, und eximiren Sie als Gerichtspersonen in manchen Fällen von den Verbrechen, wie Sie denn z.B. ungestraft erwürgen, mit dem Schwerdte um sich schlagen, mit Keulen niederhauen, verbrennen, säkken, lebendig begraben und vierteilen und foltern dürfen;