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zu errichten, so trage ich vielmehr dauerhafte und auserlesene Baumaterialien zu einem allgemeinen Narrenhause zusammen, worinn ich Prosaisten und Dichter bei einander einsperren möchte. Ein paarmale jagte man mich aus Kirchen weil ich dort lachte, und eben so oft aus Freudenhäusern, weil ich drin beten wollte.

Eins ist nur möglich; entweder stehen die Menschen verkehrt, oder ich. Wenn die Stimmenmehrheit hier entscheiden soll, so bin ich rein verloren.

Dem sei wie ihm wolle, und meine Physiognomie falle hässlich oder schön aus, ich will ein Stündchen treulich daran kopiren. Schmeicheln werde ich nicht, denn ich male in der Nacht, wo ich die gleissenden Farben nicht anwenden kann und nur auf starke Schatten und Drucker mich einschränken muss.

Mir gaben zuerst einige poetische Flugblätter einen leidlichen Namen, die ich aus der Werkstätte meines Schuhmachers fliegen liess; das erste entielt eine Leichenrede die ich niederschrieb als diesem ein Knäblein geboren wurde, und ich erinnere mich nur noch bloss an den Anfang, der ungefähr so lautete:

"Da kleiden sie ihn ein für seinen ersten Sarg, bis der zweite fertig worden, an dem seine Taten und Torheiten eingegraben sind; so wie man Fürstenleichen erst in einen provisorischen Sarg einzulegen pflegt, bis sie dann später den zinnernen in die Gruft hinabtragen, der würdig mit Trophäen und Inschriften verziert ist, und den Leichnam zum zweitenmale einsargen. – Traut auch, ich bitte euch, dem Lebensscheine und den Rosen auf den Wangen des Knaben nicht; das ist die Kunst der natur, wodurch sie, gleich einem geschikten arzt, den einbalsamirten Körper eine längere Zeit in einer angenehmen Täuschung erhält; in seinem inneren nagt doch die Verwesung schon, und wolltet ihr es aufdecken, so würdet ihr eben die Würmer aus ihren Keimen sich entwickeln sehen, die Freude und den Schmerz, die sich schnell durchnagen dass die Leiche in Staub zerfällt. Ach nur da er noch nicht gebohren war lebte er, so wie das Glück allein in der Hoffnung besteht, sobald es aber wirklich wird, sich selbst zerstört. jetzt steht er nur noch auf dem Paradebette, und die Blumen die ihr auf ihn streut sind Herbstblumen für sein Sterbekleid. In der Ferne rüsten sich auch schon ringsum die Leichenträger, die seine Freuden und ihn selbst hinwegführen wollen, und die Erde bereitet schon seine Gruft für ihn, um ihn zu empfangen. Überall strecken nur der Tod und die Verwesung gierig ihre arme nach ihm aus, ihn nach und nach zu verzehren, um zulezt wenn seine Schmerzen, seine Wonne, seine Erinnerung und sein Staub verwehet ist, vom Morden müde auf seiner leeren Gruft auszuruhen. Seine Asche hat die natur dann schon längst wieder zu neuen Todtenblumen für neue Sterbende verbraucht." –

Das Übrige von der Rede habe ich vergessen. Sie meinten das Ganze sei nicht übel und nur bloss die Überschrift ein Fehler, indem offenbar statt Geburtstage, Sterbetage stehen müsse; so wurde es dann auch bei vorkommenden Kinderleichen gebraucht. –

Ein debütirender Autor hat mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen, da er sich erst überhaupt durch seine Werke bekannt machen muss; hingegen ein schon aufgetretener und einmal applaudirter, bloss durch seinen Namen seine Werke berühmt macht; indem die Menschen es nimmer sich überreden können, dass grosse Poeten und grosse Helden ihre Stunden haben, in denen sie schlechtere Werke und schlechtere Handlungen ans Licht fördern als die schlechtesten anderer höchst alltäglicher Erdensöhne. Höhe und Tiefe sind nie ohne einander, auf der Fläche dagegen, ist der Sturz nicht zu befürchten.

Mich verfolgte indess das Glück ordentlicherweise und ich erhielt fast mehr Reime zusammenzuflicken als Schuhe, so dass wir das alte Hans Sachsische Aushängeschild über unserer Werkstatt wieder herstellen, und zwei für den Staat wichtige Künste amalgamiren konnten. Dazu erhielt ich für ein Gedicht fast mehr bezahlt als für einen Schuh, weshalb der alte Meister das lose Handwerk neben dem Brodhandwerke ungeneckt einherwandeln und meinen delphischen Dreifuss neben seinem gemeinnüzigen stehen lies.

Als eine vernünftige Anordnung der Vorsehung betrachte ich es übrigens, dass manche Menschen in einen engen erbärmlichen Wirkungskreis und zwischen vier Mauern eingesperrt sind, wo in der dumpfen Kerkerluft ihr Licht nur matt und unschädlich aufflammen kann, so dass man höchstens dabei erkennt, dass man sich in einem Kerker befindet; da es im Gegenteile in der Freiheit wie ein Vulkan auflodern würde, um Alles ringsum in Brand zu stecken. – Bei mir fing es wirklich jetzt schon an zu sprühen und zu funkeln, indess konnten nichts weiter als poetische Leuchtkugeln zum Vorschein kommen, um das Terrain zu rekognosciren, aber keine Bomben um zu zersprengen und zu verheeren. Eine furchtbare Angst ergriff mich oft, wie einen Riesen, den man als Kind in einen niedrigen Raum eingemauert, und der jetzt empor wächst und sich ausdehnen und aufrichten will, ohne es im stand zu sein, und sich nur das Gehirn eindrücken, oder zur verränkten Misgestalt in einander drängen kann.

Menschen dieses Schlages, wenn sie empor kämen würden feindseelig sich äussern, und als eine Pest, ein Erdbeben oder Gewitter unter das Volk fahren, und ein gutes Stück von dem Planeten aufreiben und zu Pulver verbrennen. Doch sind diese Enakssöhne gewöhnlich gut postirt, und es sind Berge über sie geworfen wie über die Titanen, worunter sie sich nur grimmig schütteln können. Hier verkohlt sich ihr Brennstoff allmählich, und nur selten gelingt's ihnen sich Luft zu machen, und ihr Feuer zornig aus dem Vulkane gegen Himmel zu schleudern.

Ich brachte das Volk indess schon durch mein blosses Feuerwerkern in Aufruhr,