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nur blosse Formen der sinnlichen Anschauung sind; nun wisst ihr aber dass beide in der Geisterwelt nicht mehr vorkommen; jetzt bitte ich euch, die ihr nur allein in der Sinnlichkeit lebt und webt, wie wollt ihr Raum finden, da wo es keinen Raum mehr gibt? – Ja, was wollt ihr gar beginnen, wenn es mit der Zeit zu Ende geht? Selbst auf eure grössten Weisen und Dichter angewandt, bleibt die Unsterblichkeit zulezt doch auch nur ein uneigentlicher Ausdruck, was soll sie für euch arme Teufel bedeuten, die ihr keine andere Handlung ausgeübt habt, als die, mit Waaren, und keinen andern Geist kennt, als den Weingeist, durch den eure Poeten ein Analogon von Begeisterung in sich hervorbringen. – Da gebe nur jemand einen leidlichen Rat; ich wenigstens weiss beim Teufel nicht, wo ich mit euch hin soll!" –

Hier bemerkte ich eine Unruhe in der Versammlung vor mir, und hörte auch ganz deutlich, wie einige junge Freigeister, welche jetzt Synonyma mit Geistlosen sind, keklich behaupteten, dass das ganze nur ein falscher Lerm gewesen. Der eine aus der Versammlung hatte auch bereits wieder seine Krone aufgesezt, und der erste Ratsstand, der sich selbst vorhin denunciirte, äusserte erbosst: dass es strenge Ahndung verdiene mit einer ganzen respectiven Stadt Komödie zu spielen, und dass man sich an mich als den ersten Lermstifter halten müsse.

Ich gab jetzt klein zu, und bat nur noch, indem ich mich an den Mann mit der Krone wandte, um einen Augenblick Gehör; worauf ich folgendes bemerkte: "Wie ein solches Gerichtstagansagen, selbst wenn es bloss blinder Lerm, doch von einigem Nutzen sein könne, und es sogar zu wünschen wäre, dass durch physikalische Experimente und einige Centner Beerlappenmehl, um von den Anhöhen und Türmen damit herabzublitzen, regelmässig, von staates wegen, ein solcher Vorspuk gemacht werden mögte, damit der Mann mit der Krone, der in keinem Falle allwissend, dann und wann dadurch eine allgemeine Staatsrevision veranstalten, und den Staat selbst in puris naturalibus mit allen seinen Gebrechen erblicken könnte, da er ihm sonst nur immer in Galla und täuschend durch die Staatsschneider oder Beschneider, die Günstlinge und Räte ausgeschmükt, vorgeführt würde. Ja, ich trüge selbst darauf an, mir als erstem Erfinder dieses Staatsexperiments ein Patent über meine Erfindung auszufertigen, bloss um die Nebensporteln die an einem solchen pseudojüngsten Tage vorfielen, als z.B. die Seegenswünsche der vielen wieder emporgeholfenen armen Teufel, die Flüche der gestürzten Heiligen u.d.g. in meinen Säkel zu ziehen."

Ja ich wagte zulezt, durch die Todtenstille um mich her kühner gemacht, zu bemerken, "wie ich selbst heute schon eine solche Revision durch meinen Feuerlärm veranstaltet hätte, und es nicht übel geraten sei gleich jetzt an eine mässige Reparatur zu gehen, und das verschobene Staatsgebäude wieder leidlich durch einige Ämterentsetzungen, Hinrichtungen u.s.w. einzurücken."

Keiner redete, als ich ausgesprochen, ein Wort, und der Mann schob die Krone auf dem haupt hin und her, als wenn er mit sich unschlüssig wäre; das endliche Resultat war indess, dass meine Erfindung als unanwendbar verworfen wurde, und ich aus höchster Gnade nur als ein Narr angesehen werden, und für diesesmal noch mit der Amtsentsetzung gegen mich innegehalten werden solle.

Damit indess ein ähnlicher Lerm nicht wieder für die Folge zu besorgen, so wurden durch eine Kabinetsordre die von Samuel Day erfundenen watchmanns noctuaries eingeführt, wodurch ich von einem singenden und blasenden Nachtwächter auf einen stummen reduzirt wurde1, wobei man zum grund anführte, dass ich durch mein Blasen und Rufen mich den Nachtdieben verriete, und es deshalb als unzweckmässig abgeschafft werden müsse.

Die Tagdiebe waren so mit einemmale meiner Aufsicht entzogen, und ich wandle jetzt stumm und traurig durch die öden Strassen, um in jeder Stunde meine Karte in die Nachtuhr zu schieben. O es ist unglaublich, was seitdem der Schlaf befördert ist, und wie so mancher, der bei seinen geheimen Sünden nichts als den jüngsten Tag fürchtete, seitdem meine Gerichtsposaune zerbrochen ist, ruhig und fest in seinen Kissen liegt.

Siebente Nachtwache

Ich bin einmal auf meine Tollheiten gekommen; nun ist aber mein Leben selbst die ärgste von allen, und ich will diese Nacht, da ich mir doch durch Blasen und Singen die Zeit nicht mehr vertreiben darf, in der Rekapitulation desselben fortfahren.

Ich bin schon oft daran gegangen vor dem Spiegel meiner Einbildungskraft sizend, mich selbst leidlich zu portraitiren, habe aber immer in das verdammte Antliz hineingeschlagen, wenn ich zulezt fand, dass es einem Vexirgemälde glich, das von drei verschiedenen Standpunkten betrachtet, eine Grazie, eine Meerkaze und en face den Teufel dazu darstellt. Da bin ich denn über mich verwirrt geworden, und habe als den lezten Grund meines Daseins hypotetisch angenommen, dass eben der Teufel selbst, um dem Himmel einen Possen zu spielen, sich während einer dunkeln Nacht in das Bette einer eben kanonisirten Heiligen geschlichen, und da mich gleichsam als eine lex cruciata für unsern Herrgott niedergeschrieben habe, bei der er sich am Weltgerichtstage den Kopf zerbrechen solle.

Dieser verdammte Widerspruch in mir geht so weit, dass z.B. der Papst selbst beim Beten nicht andächtiger sein kann, als ich beim blasphemiren, da ich hingegen wenn ich recht gute erbauliche Werke durchlese, mich der boshaftesten Gedanken dabei durchaus nicht erwehren kann. Wenn andere verständige und gefühlvolle Leute in die natur hinauswandern um sich dort poetische Stifts- und Taborshütten