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angesehen werden, indem ein so wichtiges Phänomen, das über uns am Himmel heraufzuziehen scheint, keinesweges wie ein unbedeutender Komet berechnet werden kann, und nur einmal während der ganzen Weltgeschichte erscheint; lasst uns darum unsere feierliche Stimmung nicht so leichtsinnig aufgeben, sondern vielmehr einige für unsern Standpunkt wichtige und zweckmässige Betrachtungen anstellen.

Was liegt uns wohl am Weltgerichtstage näher als ein Rückblick auf den unter uns wankenden Planeten, der nun mit seinen Paradiesen und Kerkern mit seinen Narrenhäusern und Gelehrten Republiken zusammenstürzen soll; lasst uns deshalb in dieser lezten Stunde, da wir die Weltgeschichte abschliessen wollen, nur kurz und summarisch überschauen, was wir, seit dieser Erdball aus dem Chaos hervorgestiegen, auf ihm getrieben und ausgeführt haben. Es ist seit Adam her eine lange Reihe von Jahrenwenn wir nicht gar die Zeitrechnung der Chineser als die gültige annehmen wollenwas haben wir aber darin vollbracht? – Ich behaupte: Gar Nichts!

Staunet mich nicht so an; der heutige Tag ist eben nicht dazu eingerichtet sich wichtig zu machen, und es tut Not dass wir uns über Hals und Kopf noch ein wenig mit der Bescheidenheit zu beschäftigen suchen.

Sagt mir, mit was für einer Mine wollt ihr bei unserm Herrgott erscheinen, ihr meine Brüder, Fürsten, Zinswucherer, Krieger, Mörder, Kapitalisten, Diebe, Staatsbeamten, Juristen, Teologen, Philosophen, Narren und welches Amtes und Gewerbes ihr sein mögt; denn es darf heute keiner in dieser allgemeinen Nationalversammlung ausbleiben, ob ich gleich merke, dass mehrere von euch sich gern auf die Beine machen möchten um Reisaus zu nehmen.

Gebt der Wahrheit die Ehre, was habt ihr vollbracht, das der Mühe wert wäre? Ihr Philosophen z.B. habt ihr bis jetzt etwas Wichtigers gesagt, als dass ihr nichts zu sagen wüsstet? – das eigentliche und am meisten einleuchtende Resultat aller bisherigen Philosophien! – Ihr Gelehrten, was hat eure Gelehrsamkeit anders bezwekt als eine Zersezung und Verflüchtigung des menschlichen Geistes um zulezt mit Musse und einfältiger Wichtigkeit an das übriggebliebene caput mortuum euch zu halten. – Ihr Teologen, die ihr so gern zur göttlichen Hofhaltung gezählt werden möchtet, und indem ihr mit dem Allerhöchsten liebäugelt und fuchsschwänzt, hier unten eine leidliche Mördergrube veranstaltet und die Menschen statt sie zu vereinigen in Sekten auseinander schleudert und den schönen allgemeinen Brüder- und Familienstand als boshafte Hausfreunde auf immer zerrissen habt. – Ihr Juristen, ihr Halbmenschen, die ihr eigentlich mit den Teologen nur eine person ausmachen solltet, statt dessen euch aber in einer verwünschten Stunde von ihnen trenntet um Leiber hinzurichten, wie jene Geister. Ach nur auf dem Rabensteine reicht ihr Brüderseelen vor dem armen Sünder auf dem Gerichtsstuhle euch nur noch die hände und der geistliche und weltliche Henker erscheinen würdig neben einander! –

Was soll ich gar von euch sagen, ihr Staatsmänner, die ihr das Menschengeschlecht auf mechanische Prinzipien reduzirtet. Könnt ihr mit euern Maximen vor einer himmlischen Revision bestehen, und wie wollt ihr, da wir jetzt in einen Geisterstaat überzugehen im Begriffe sind, jene ausgeplünderten Menschengestalten placiren, von denen ihr gleichsam nur den abgestreiften Balg, indem ihr den Geist in ihnen ertödtetet, zu benuzen wusstet. – O, und was drängt sich mir nicht noch alles auf über die einzeln stehenden Riesen, die Fürsten und Herrscher, die mit Menschen statt mit Münzen bezahlen, und mit dem tod den schändlichen Sklavenhandel treiben. –

O es hat mich toll und wild gemacht, und wie ich die Erdenbrut jetzt vor mir herum kriechend erblicke mit ihren Verdiensten und Tugenden, so mögte ich nur auf eine Stunde bei diesem allgemeinen Weltgerichte der Teufel sein, bloss um euch eine noch kräftigere Rede zu halten! –

Die feierliche Handlung zögert noch immer, wie ich sehe, und es wird euch zur Bekehrung noch Raum gegeben, so betet und heult denn, ihr Heuchler, wie ihr es kurz vor dem tod zu machen pflegt, wenn ihr euer verpfuschtes Leben nicht besser anzuwenden wisst, und unfähig geworden seid, länger zu sündigen.

Hinter Euch liegt die ganze Weltgeschichte wie ein alberner Roman, in dem es einige wenige leidliche Karaktere, und eine Unzahl erbärmlicher gibt. Ach, euer Herrgott hat es nur in dem einzigen versehen, dass er ihn nicht selbst bearbeitete, sondern es euch überlies daran zu schreiben. Sagt mir, wird er es jetzt wohl der Mühe wert halten, dass verpfuschte Ding in eine höhere Sprache zu übersetzen, oder muss er nicht vielmehr, wenn er es in seiner ganzen Seichtigkeit vor sich liegen sieht, es im Ingrim zerreissen, und euch mit euren ganzen Planen der Vergessenheit überantworten? Ich sehe's nicht anders ein! denn ihr alle, wie ich euch hier erblicke, könnt ihr wohl mit Recht auf den Himmel oder die Hölle Anspruch machen? Für jenen seid ihr zu schlecht, für diese zu langweilig! –

Die Gerichtsanstalten ziehen sich noch in die Länge, doch rate ich euch werdet nicht etwa beruhigter, rafft euch vielmehr zusammen, um, bis es unter uns kracht, noch einige hübsche Fortschritte in der Zerknirschung gemacht zu haben. Ich will mit den triftigsten Gründen losbrechen: der Herr verschonte einst Sodom und Gomorra um eines einzigen Gerechten willen, doch könntet ihr frech genug sein zu folgern, dass er einiger leidlich Frommen wegen einen ganzen Erdball voll Heuchler bei sich beherbergen werde. Tue jemand unter euch auch nur einen einzigen vernünftigen Vorschlag, wohin man euch plaziren soll! Schon der seelige Kant hat es euch dargetan, wie Zeit und Raum