1805_Klingemann_058_13.txt

feurigeres Kolorit annimmt. Nur er allein schien wie ein nordischer Felsen in diesen ewigen Frühling versezt zu sein, er stand kalt und unbeweglich da und nur dann und wann lief ein Erdbeben unter ihm hin, dass sie erschraken, und es ihnen unheimlich in seiner Nähe wurde.

Sein Bruder Don Ponce dagegen war jungfräulich mild, und wenn er sprach, blüheten seine Worte in Blumen auf und schlangen sich um das Leben, durch das er wie durch einen grün verhüllten Zaubergarten hinwandelte. Alle liebten ihn; Juan hasste ihn nicht, aber sein Ausdruck war ihm zuwider, weil er nichts ruhig und gross zu nehmen wusste, sondern alles durch überladene Verzierungen verkleinerte, und überall seine bunten Schnörkel zuvor anpinseln musste, um sich die Dinge gefällig zu machen, wie schlechte Poeten, die die üppig reiche natur noch zum zweitenmale auszuschmücken versuchen, statt eine neue selbstständige, durch eigene Kraft zu erschaffen.

Ohne Teilnahme lebten sie bei einander, und wenn sie sich umarmten, so schienen sie wie zwei erstarrte tote auf dem Bernhard Brust gegen Brust gelehnt, so kalt war es in den Herzen, in denen weder Hass noch Liebe herrschte; nur Ponce hielt ihre unbeweglich lächelnde Maske vor das Gesicht und verschwendete viel freundliche Worte bei einem reinen angenehmen Vortrage ohne genialische Härten und herzliche Rohheit. Juan wurde dann nur spröder und zurückstossender und dieser strenge Norden wehete feindlich in den milden Süden dass die erkünstelten Blumen schnell entblätterten.

Das Schicksal schien sich zu erzürnen über die Gleichgültigkeit zweier verwandten Herzen, und es warf tückisch Hass und Aufruhr zwischen sie, damit sie, die die Liebe verschmäht hatten, als zornige Feinde sich einander nähern möchten. –

Es war zu Sevilla als Juan unteilnehmend einem Stiergefechte beiwohnte. Sein blick schweifte von dem Amphiteater ab, über die über einander emporsteigenden Reihen der Zuschauer, und haftete weniger bei der lebenden Menge als den bunten phantastischen Verzierungen und den gestickten Teppichen die die Balustraden bedeckten. Endlich wurde er auf eine einzige noch leere Loge aufmerksam, und er starrte mechanisch dahin, wie wenn hier erst der Vorhang des wahren Schauspiels für ihn sich heben würde. Nach einer langen Pause erschien eine einzelne ganz in schwarze Schleier gehüllte hohe weibliche Gestalt, und hinter ihr ein bildschöner Page, der durch den ausgespannten Sonnenschirm sie vor der Hitze schüzte. Sie blieb unbeweglich auf der Tribune stehen, und eben so unbeweglich stand ihr Juan gegenüber; es war ihm als wenn das Rätsel seines Lebens hinter diesen Schleiern verborgen wäre, und doch fürchtete er den Augenblick wenn sie fallen würden, wie wenn ein blutiger Bankos Geist sich daraus erheben sollte.

Endlich war der Moment gekommen, und wie eine weisse Lilie blühete eine zauberische weibliche Gestalt aus den Gewändern auf, ihre Wangen schienen ohne Leben und die kaum gefärbten Lippen waren still geschlossen; so glich sie mehr dem bedeutungsvollen Bilde eines wunderbaren übermenschlichen Wesens, als einem irdischen weib.

Juan fühlte zugleich Entsetzen und heisse wilde Liebe, es verwirrte sich tief in ihm, und ein lauter Schrei war die einzige Äusserung die seinem mund entfuhr. Die Unbekannte blickte rasch und scharf nach ihm hin, warf in demselben Augenblicke die Schleier über, und war verschwunden.

Juan eilte ihr nach, und fand sie nicht. Er durchstrich Sevillavergeblich; Angst und Liebe trieben ihn fort und wieder zurück, doch aber erschien ihm oft in einzelnen schnell vorüberfliegenden Sekunden der Augenblick in dem er sie finden würde eben so entsezlich als erwünscht; er bemühete sich diese Ahnung nur ein einzigesmal festzuhalten um sie zu begreifen, aber sie rauschte jedesmal wie ein nächtlicher Traum schnell an ihm vorüber, und wenn er sich besann war es wieder dunkel und Alles in seinem Gedächtnisse ausgelöscht. –

Dreimal hatte er ganz Spanien durchkreiset, ohne das blasse Antlitz wieder zu treffen, das tödtlich und liebend zugleich in sein Leben zu schauen schien; endlich trieb ihn ein unwiderstehliches Heimweh nach Sevilla zurück; und der erste der ihm dort begegnete, war Ponce.

Beide Brüder schienen vor einander zu erschrekken, denn beide waren einander fremd bis zum Rätsel geworden. Juans Härte war verschwunden und er stand ganz in Flammen wie ein Vulkan, durch dessen tausendjährige Schichten das innere Feuer sich mit einemmale Luft machte; aber in seiner Nähe schien es jetzt nur um so gefährlicher. Ponces ehmalige Milde dagegen war zu Sprödigkeit geworden, und er stand kalt neben dem glühenden Bruder da, aller falscher Flitter war von seinem Leben abgefallen, und er glich einem Baume der seines vergänglichen Frühlingsschmuckes beraubt, die nackten Äste starr und verworren in die Lüfte ausstreckt. – So entzündet derselbe Blizstrahl einen Wald dass er tausend Nächte hindurch den Horizont beleuchtet, indess er flüchtig über die Heide hinfährt und nur die spärlichen Blumen versengt dass sie verdorren und keine Spur zurücklassen.

Kalt höflich bat Ponce Don Juan ihn zu seiner wohnung zu begleiten, damit er ihm seine Gemahlin vorstellen könne. Juan folgte mechanisch. Es war eben die Zeit der Siesta; die Brüder traten in einen von dichtem Weinlaube umhüllten Pavillonda ruhete an einem marmornen Denksteine eben die blasse Gestalt schlummernd und unbeweglich, neben dem steinernen Genius des Todes, dessen umgestürzte Fackel ihre Brust berührte. Juan stand starr und eingewurzelt, die finstere Ahnung stieg rasch vor seinem geist auf und verschwand nicht wieder, und wurde furchtbar deutlich, wie das sich plözlich auflösende Rätsel des Oedipus. Dann verliessen ihn die Sinne, und er sank bewusstlos auf den Stein nieder.

Als er wieder erwachte, fand er sich allein, und nur der stumme ernste Jüngling war bei ihm zurück