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der sie wieder in den Kasten lege, wenn es ihm gefiele. Dann sagt er auch manches Gute über die Freiheit des Willens und über den Wahnsinn in einem Marionettengehirne, den er ganz realistisch und vernünftig abhandelt; alles das um der Puppe zu beweisen, wie toll es eigentlich von ihr sei dergleichen Dinge sehr hoch zu nehmen, indem alles zulezt doch auf ein Possenspiel hinausliefe, und der Hanswurst im grund die einzige vernünftige Rolle in der ganzen Farce abgäbe, eben weil er die Farce nicht höher nähme als eine Farce."

Hier hielt der Mann einen Augenblick inne, und sagte dann in recht lustig wilder Laune: "Da hast du das ganze Fastnachtsspiel, worin ich selbst den Bruder mit dem Herzen dargestellt habe. Ich finde es übrigens recht wohl getan, seine geschichte so in Holz zu schnizzen und abzuspielen, man kann dabei recht boshaft sein, ohne dass die Moralisten etwas dagegen einwenden, und es eine Lästerung heissen dürfen. Auch erscheint alles recht erhaben unmotivirt, wie es doch in den ursprünglichen Verhältnissen wirklich ist, obgleich wir albernen Menschen im Kleinen gern motiviren mögen, dagegen unser Director es gar nicht tut, und keine Rechenschaft gibt, weshalb er so manche verpfuschte Rolle, wie ich z.B. eine bin, in seinem Fastnachtsspiele nicht ausstreichen will. O schon seit vielen Menschenaltern habe ich mich bestrebt aus dem Stücke herauszuspringen, und dem Direktor zu entwischen, aber er lässt mich nicht fort, so pfiffig ich es auch anfangen mag. Das Überdrüssigste dabei ist die Langeweile, die ich immer mehr empfinde; denn du sollst wissen, dass ich hier unten schon viele Jahrhunderte als Akteur gedient habe, und eine von den stehenden italienischen Masken bin, die gar nicht vom Teater herunterkommen."

"Ich hab's auf alle Weise versucht. Anfangs gab ich mich bei den Gerichten an, als grossen Bösewicht und dreifachen Mörder; sie untersuchten's und taten endlich den Ausspruch: ich müsse leben bleiben, indem sich aus meiner Defension ergäbe, wie ich nicht in bestimmten und ausdrücklichen Worten den Mord beauftragt, und er mir nur höchstens als eine geistige Handlung zuzurechnen sei, die nicht vor ein forum externum gehöre. Ich verwünschte meinen Defensor, und die Folge war ein leichter Injurienprozess, womit man mich laufen liess."

"Darauf nahm ich Kriegsdienste, und versäumte keine Schlacht; doch zeichnete das Schicksal meinen Namen auf keine einzige Kugel, und der Tod umarmte mich auf der grossen Wahlstätte unter tausend Sterbenden, und zerriss seinen Lorbeerkranz, um ihm mit mir zu teilen. Ja ich musste nun gar in dem verhassten Drama eine glänzende Heldenrolle übernehmen, und verwünschte knirschend meine Unsterblichkeit, die mir auf allen Seiten in den Weg trat."

"Tausendmal sezte ich den Giftbecher an die Lippen, und tausendmal entstürzte er der Hand, ehe ich ihn leeren konnte. Zu jeder Mitternachtsstunde trete ich, wie die mechanische Figur an dem Zifferblatte einer Uhr, aus meiner Verborgenheit hervor, um den Todesstoss zu vollführen, gehe aber jedesmal, wenn der letzte Schlag verhallt ist, wie sie, zurück, um so fort ins Unendliche wieder zu kehren und abzugehen. O wüsste ich nur dieses immerfort sausende Räderwerk der Zeit selbst aufzufinden, um mich hinein zu stürzen und es auseinander zu reissen, oder mich zerschmettern zu lassen. Die sehnsucht diesen Vorsaz auszuführen bringt mich oft zur Verzweiflung; ja ich mache selbst wie im Wahnsinne tausend Plane es möglich zu machendann schaue ich aber plözlich tief in mich selbst hinein, wie in einen unermesslichen Abgrund, in dem die Zeit, wie ein unterirdischer nie versiegender Strom dumpf dahin rauscht, und aus der finsteren Tiefe schallt das Wort ewig einsam herauf, und ich stürze schaudernd vor mir selbst zurück, und kann mir doch nimmer entfliehen." –

Hier endete der Mann, und in mir stieg die heisse sehnsucht auf, dem armen Schlaflosen das wohltätige Opium mit eigener Hand zu reichen, und ihm den langen süssen Schlaf, nach dem sein heisses überwachtes Auge vergeblich schmachtete, zuzuführen. Doch fürchtete ich, dass in dem entscheidenden Augenblicke sein Wahnsinn von ihm weichen könnte, und er, sterbend, das Leben, eben um der Vergänglichkeit willen, wieder liebgewinnen mögte. O, aus diesem Widerspruche ist ja der Mensch geschaffen; er liebt das Leben um des Todes willen, und er würde es hassen, wenn das, was er fürchtet, vor ihm verschwunden wäre.

So konnte ich nichts für ihn tun, und überliess ihn seinem Wahnsinn und seinem Schicksale.

Fünfte Nachtwache

Die vorige Nachtwache währte lange, die Folge war, wie bei Jenem, Schlaflosigkeit, und ich musste den hellen prosaischen Tag, den ich sonst meiner Gewohnheit gemäss, wie die Spanier, zur Nacht mache, durchwachen, und mich in dem bürgerlichen Leben und unter den vielen wachen Schläfern langweilen.

Da konnte ich nun nichts bessers tun, als mir meine poetisch tolle Nacht in klare langweilige Prosa übersetzen, und ich brachte das Leben des Wahnsinnigen recht motivirt und vernünftig zu Papiere, und liess es zur Lust und Ergözlichkeit der gescheuten Tagwandler abdrucken. Eigenlich war es aber nur ein Mittel mich zu ermüden, und ich wollte es in dieser Nachtwache mir vorlesen, um nicht zum zweitenmale mit der Prosa und dem Tage mich einlassen zu müssen.

Das geschieht denn auch nun jetzt ganz plan, wie folget:

"Don Juans Vaterland war das heisse glühende Spanien, in dem Bäume und Menschen sich weit üppiger entfalten und das ganze Leben ein