1805_Klingemann_058_10.txt

, nie im Morden innehaltendes Schwerdt, auf dem Zifferblatte umherfliegt, nimmer durchschneiden soll, und der nicht eher vergehen kann, als bis ihr eisernes Räderwerk selbst zertrümmert. Nimm die Sache von der leichten Seite; denn es ist doch spasshaft und der Mühe wert, dieser grossen Tragikomödie der Weltgeschichte bis zum lezten Akte als Zuschauer beizuwohnen, und du kannst dir zulezt das ganz eigne Vergnügen machen, wenn du am Ende aller Dinge über der allgemeinen Sündflut auf dem lezten hervorragenden Berggipfel als einzig Übriggebliebener stehst, das ganze Stück, auf deine eigene Hand, auszupfeifen, und dich dann wild und zornig, ein zweiter Prometeus, in den Abgrund zu stürzen."

"Pfeifen will ich," sagte der Mann trozig, "hätte mich nur der Dichter nicht selbst mit ins Stück verflochten als handelnde person; das verzeih ich ihm nimmer!"

"Um so besser!" rief ich, "da gibt es wohl gar noch zu guter lezt eine Revolte im Stücke selbst, und der erste Held empört sich gegen seinen Verfasser. Ist das doch auch in der, der grossen Weltkomödie nachgeäfften kleinen nicht selten, und der Held wächst am Ende dem Dichter über den Kopf, dass er ihn nicht mehr bezwingen kann. – O ich hätte wohl Lust deine geschichte anzuhören, du ewig Reisender, um darüber mich auszuschütten vor lachen; wie ich denn oft bei einer ächten ernsten Tragödie brav zu lachen pflege, und im Gegenteile beim guten Possenspiele dann und wann weinen muss, indem das wahrhaft Kühne und Grosse immer zugleich von den beiden entgegengesetzten Seiten aufgefasst werden kann!" –

"Ich verstehe dich, Spassvogel," sagte der Mann! "Bin auch gerade jetzt wild genug um zu lachen, und dir meine geschichte zu erzählen. Doch, beim Himmel, lass dir keine ernste Miene dabei entwischen, sonst machst du mich in dem Augenblicke stumm!" –

"sorge nicht, Kamerad, ich lache mit," antwortete ich, und jener sezte sich unter eine steinerne, am grab betende Ritterfamilie, und hub an:

"Es ist, du wirst mir's zugeben, verdammt langweilig, seine eigene geschichte von Perioden zu Perioden, so recht gemütlich, aufzurollen; ich bringe sie deshalb lieber in Handlung, und führe sie als ein Marionettenspiel mit dem Hanswurst auf; da wird das Ganze anschaulicher und possirlicher.

Zuerst gibt es eine Mozartsche Symphonie von schlechten Dorfmusikanten exekutirt, das passt so recht zu einem verpfuschten Leben, und erhebt das Gemüt durch die grossen Gedanken, indem man zugleich bei dem Gekrazze des Teufels werden mögte. – Dann kommt der Hanswurst, und entschuldigt den Marionettendirektor, weil er es wie unser Herrgott gemacht, und die wichtigsten Rollen den talentlosesten Akteuren anvertraut habe; er leitet grade daraus aber auch wieder das Gute her, dass das Stück rührend ausfallen müsse, eben wie es bei grossen tragischen Stoffen der Fall sei, die durch kleine gewöhnliche Dichter bearbeitet würden. Über das Leben und den Zeitkarakter macht er die höchst albernen Bemerkungen, dass beide jetzt mehr rührend als komisch seien, und dass man jetzt weniger über die Menschen lachen als weinen könne, weshalb er denn auch selbst ein moralischer und ernstafter Narr geworden, und immer nur im edlen Genre sich zeige, wo er vielen Applaus bekäme.

Darauf treten die hölzernen Puppen selbst auf; zwei Brüder ohne Herzen umarmen sich, und der Hanswurst lacht über das Zusammenklappern der arme, und über den Kuss, wobei sie die steifen Lippen nicht bewegen können. Der eine hölzerne Bruder bleibt im Marionettenkarakter, und drückt sich unendlich steif aus, macht auch lange trockene Perioden, worin gar kein Leben hinein kommen will, und die deshalb Muster im prosaischen Style abgeben. Die andere Puppe aber möchte gern einen lebendigen Akteur affektiren, und spricht hin und wieder in schlechten Jamben, reimt auch wohl gar zu zeiten die Endsylben, und der Hanswurst nikt dabei mit dem kopf, und hält eine Rede über die Wärme des Gefühls in einer Marionette, und über den eleganten Vortrag bei tragischen Gedichten. – Darauf geben sich die Brüder die hölzernen hände und gehen ab. Der Hanswurst tanzt ein Solo zur Zugabe, und dann redet im Zwischenakte Mozart wieder durch die Dorfmusikanten.

jetzt gehts weiter. Zwei neue Puppen treten auf, eine Kolombine mit einem Pagen, der den Sonnenschirm über sie ausspannt; die Kolombine ist die prima donna der Gesellschaft, und ohne Schmeichelei das Meisterstück des Formenschneiders. Wahrhaft griechische Konture, und alles an ihr ins Ideale hinübergearbeitet. Der eine Bruder kommt, derjenige, der vorher in Prosa sprach; er erblickt sie, schlägt sich auf die Stelle des Herzens, redet darauf plözlich in Versen, reimt alle Endsylben, oder bringt die Assonanz in A und O an, dass die Kolombine darüber erschrickt, und mit dem Pagen davon läuft. Jener will ihr nachstürzen, rennt aber, weil der Marionettendirektor hier ein versehen macht, sehr hart gegen den Hanswurst, der nun, aus dem Stegreife, eine sehr boshafte satirische Rede hält, worin er ihm dartut, dass es seinem Schöpferdem Marionettendirektor nämlichnicht gefalle, ihm die Dame zu bestimmen, und dass dadurch eben das Stück recht toll und komisch werden würde, indem ein melancholischer Narr die possirlichste person in einem Possenspiele abgäbe. – Die andere Puppe stösst Flüche aus, lästert sogar in Verzweiflung auf den Direktor, wobei den Zuschauern vor lachen die Tränen aus den Augen stürzen. Zulezt fasst sie aber doch noch Hoffnung die Dame