lieben Gemeine kennen gelernt. – Diese Menschen – ach Gott! sie dauern mich! – sie müssen sich an die trivialsten Trivialitäten halten! Diese rohen Naturkinder! und was gibt's gemeineres, als die rohe natur, mit der sie sich ganz umgeben, um in ihrer Platteit unterzugehen. Manches liesse man in der natur freilich so hingehen, in so fern nämlich ihre Kenntniss die Grundlage höherer Geisteskultur wird; aber gestehen Sie, Tante! gibt es zum Beispiel etwas Gemeineres, als dieses ewig einförmige Zirkeltreiben der Jahreszeiten! Was ist in diesen gemeiner, als der Winter? Wo ist ein krasserer Begriff, als ein Gewitter? – Sieht man nicht hier schon offenbar, dass die Welt nur ein erster Versuch von einem Etwas ist, das es nicht besser zu machen verstand?"
"Ganz anders wäre sie geraten, hätten w i r sie zusammengeknetet!" rief ein junger Herr, Lauretten persiflirend. – "Freilich!" entgegnete sie ganz feierlich; "denn es ist weder Philosophie, noch Geschmack in dem Dinge."
"Gott sei mir gnädig!" seufzte Albertine; "Sie rezensiren den Schöpfer!" – Indess wurde sie bald durch Rosamunden in ihren stillen Betrachtungen gestört, die zu viel Lebensart hatte, um in Gesellschaft zu beleidigen; daher nahm sie den Faden des Gesprächs wieder auf, und fragte Albertinen sehr freundlich, ob sie wohl etwas von dem Dichter, von welchem eben die Rede gewesen sei, gelesen habe? – "Ich weiss nicht, ob ich sagen darf, alles; aber sehr viel las ich von ihm, ehe ich zu meinem Bruder auf's Land ging. Meine liebe Cousine scheint nicht zu wissen, dass ich nur den kleinsten teil meines Lebens auf dem dorf lebte, und dass auch da mein Bruder und viele der Nachbarn schätzbare Biblioteken besitzen, aus welchen zu schöpfen, mir erlaubt war."
"liebes Kind! das Lesen a l l e i n tut's nicht!" sagte hier Laurette boshaft. "Verstandest du auch, was du lasest? möchte ich hier, wie Paulus den Kämmerer, fragen."
Wassermann schlug eine helle Lacht auf und rief: "O pfui! pfui! wie kann Jemand, der Anspruch auf Geschmack macht, aus der Bibel citiren! Pfui, Mademoiselle, wie können Sie uns das tun?" –
"Persiflirend ist's erlaubt," entgegnete Laurette. – "Ach Gott! ach Gott!" seufzte Albertine. Ihr liebes Herz erlag in Wehmut.
Tante Elise fühlte fein genug, sich in Albertinens Verlegenheit versetzen zu können. Sie machte sich also an sie, und indem sie das arme Kind vom allgemeinen Gespräch abzog, drang sie in sie, sich zu erklären, welches von Göte's göttlichen Erzeugnissen sie vorziehe, in welcher seiner herrlichen Schöpfungen sie sich ganz heimisch fühle. – Aus Albertinens Antworten fand sich's bald, dass sie mehr als einheimisch in diesen Schöpfungen war, dass ihr Sinn sie mit Geschmack und Geist durchdringe, ob sie gleich den grossen und liebenswürdigen Dichter nie zum Aushängeschilde ihrer Kultur missbrauchte.
Fünftes Kapitel
Albertinens leichter Sinn und trefliches Herz liessen freilich ihre Missbilligung nie in Bitterkeit übergehen. War aber die Verstimmung zu unleidlich, so flüchtete sie zu ihrer Freundin Euler. Neben so vielen verzerrten Physiognomien wird es uns wohl tun, die Bekanntschaft dieser angenehmen Frau zu machen.
Henriette war die einzige Tochter einer angesehenen bürgerlichen Familie. Mit ihres Vaters tod sank sie von ihrem Wohlstande, der sich nur auf ein hohes Gehalt gegründet hatte, so merklich herab, und der ganze Mückenschwarm der Tischfreunde, die der Sonnenschein des Glücks herbeigezogen hatte, verschwand plötzlich Henriettens Mutter überlebte ihren Unfall nicht lange, und die liebenswürdige Waise wurde zu einer alten, abgelebten Verwandtin gegeben, die sich um ihre Pflegebefohlne gar nicht bekümmerte, wenn diese sich ihre elende Kost durch den angestrengtesten Fleiss wohl verdient hatte.
Zur Zeit des Wohlstandes war die im elterlichen haus schön aufblühende Henriette der Gegenstand mancher flüchtigen Verehrung gewesen. Wenn diese Schmetterlinge aber inne wurden, dass sich ihnen die keusch geschlossene Blüte nicht üppig hinneigte, so flatterten sie von dannen; denn nie wird eine sittsame Schönheit, welche die laute Bemerkung vermeidet, zur unglücklichen Ehre, die Schönheit des Tages zu werden, gelangen. Sie hatte aber zu wenig Vermögen, als dass ihr heller, gebildeter Verstand und ihre erworbenen Talente ihr einen beständigen Verehrer hätten gewinnen können.
Indem dieses nicht geschah, wurden Henriettens heisseste Wünsche erfüllt. Sie hatte die Liebe ihres schönen Herzens einem Jünglinge zugewendet, der in der Tat auch so, wie wir ihn gekannt haben, ihre innigste Zuneigung zu verdienen schien. Seine Armut hatte ihn zu einer Schreiberstelle bei Henriettens Vater herabgewürdigt. Man sagt, körperliche Vorzüge pflegten junge Männer eben so eitel zu machen, wie junge Mädchen. Wenigstens war dies der Fall mit unserm Karl Euler, der seiner Schönheit mit aller Sorgsamkeit einer vollendeten Kokette pflegte. Diese Frivolität entging Henrietten um so mehr, da sie Karln nur immer in dem Verhältnisse eines Untergeordneten sah, da denn das Mitleiden dieser schönen Seele den Weg zur Liebe bahnte.
Nicht so entging Henriette dem gefährlichen Spiele seiner brennenden, schwarzen Augen, worin er vor seinem Spiegel ein Meister geworden war. Henriette beging den für ihr ganzes Leben entscheidenden Fehler, dieser unwürdigen Koketterie des Jünglings nicht jene kalte Würde entgegen zu setzen, womit sie so glücklich alle Geckerei aus ihrer Nähe verscheucht hatte. Der arme junge