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Jetzt glaubte er eine gewisse Höhe des Lebens erreicht zu haben, von welcher er, erfahrungsreich, mit grosser Beruhigung in die verlebten Jahre zurücksehen könnte, denn er hatte ja wirklich nicht alles das Böse getan, wozu ihn sein Reichtum und grosser Wirkungskreis aufzufodern geschienen hatte. Nie hatte er den goldenen Regen bei den Danaen gespart, und waren durch seine Sorglosigkeit die lebendigen Folgen seiner Unordnungen, der Dürftigkeit und Schande Preis gegeben; so gab er ja doch auch viele Taler an die öffentlichen Armenanstalten, wovon auch sie ihre Spende erhalten konnten; überdem beschenkte er ja seiner Schwester und Brüder Kinder mit allerlei entbehrlichen Kleinigkeiten.

Als ihn die Welt nun allmählich verliess, und die Tage eintraten, von welchen es heiss: "sie gefallen uns nicht!" als Gicht und Podagra den raschen Lauf seiner Füsse hemmten, wurde es ihm erinnerlich, dass er in seiner Jugend die Religion als ein Spezifikum in Leiden hatte anpreisen hören; er machte also einige schwache Versuche, sie aus der Rüstkammer seines Gedächtnisses hervorzusuchen. Er nahm eine Bibel zur Hand, freute sich, dass der fromme David beinahe eben so tolle Streiche gemacht hatte, als er selbst; las von der keuschen Susanna und der schönen Königin Ester, und vertiefte sich endlich so in das hohe Lied, dass er sich gar weltlich dabei gesinnt fühlte, und vor der Hand das Bekehrungswerk noch einmal wieder zur Seite legte.

Waren dergleichen Anfälle überstanden, so existirte der 48jährige Greis ganz heiter, in der Erinnerung abgeschiedener Freuden. Besonders hatte er sein eigenes Vergnügen, wenn Wassermann den Damen seines Hauses über die Hetären der Griechen demonstrirte, und was das für ein herrliches Leben gewesen sei, als noch nicht die kleinlichen gesetz eines kleinlichen Anstandes eingeführt waren, die, leider Gottes! auch bei den gebildetsten Frauen nur noch zu viel gälten. Da erinnerte sich dann unser Dämmrig recht lebendig an Phillis und Doris, und Lalage und Chloe, die er in seinem goldnen Frühling recht elegisch bewundert hatte; seine alten Frequenzen machten ihm jetzt noch recht herzliche Freude.

Stärker, als alles andere, mahnte ihn an seine Jugendsünden Madame R o s a m u n d W i n t e r g r ü n . In einer seiner bussfertigen Perioden hatte sich ihm die Vorstellung häuslicher Freuden und weiblicher Umgebung aufgedrungen Heiraten? Alles, nur das nicht; eine so kalte, langweilige Episode in sein Freudenleben schieben: nein; das ging nicht! Aber eine Herzensfreundin, die es mit der Ehre und dem ganzen weiblichen Plunder von gutem Namen und Wohlstand nicht gar zu genau nimmt, so eine besass er schon in Rosamund, einer der gewandtesten und leichtfüssigsten Schülerinnen Terpsychorens bei der grossen Oper. Auch sie hatte so reinen Moment der Zerknirschung zu überstehen, indem eine ihrer bedeutendsten Freundschaften in der Auflösung war. Zwar verachtete sie, die in Absicht des Ranges sehr verwöhnt war, von ganzem Herzen den bürgerlichen Amanten; doch waren ihre Aussichten in diesen Herbsttagen ihres Lebens zu trübe, als dass sie nicht ein freudiges Ja! gesagt hätte, als er das Anerbieten tat, sie zur unumschränkten Besitzerin seines üppigsten Wohlstandes zu machen. Weil sie es aber Ehren halber für ihren guten Namen bedenklich fand, bei ihm zu wohnen, entschloss er sich, ihr seine Schwestern Elise und Laurette als Ehrenretterinnen zur Seite leben zu lassen.

Rosamund war des Herrschens über eine Schaar demütiger Verehrer allzu gewohnt, als dass sie nicht sogleich versucht haben sollte, sich ihrer weiblichen Umgebung ganz zu bemächtigen. Mit Elisen, diesem süssen, geschmeidigen Wesen, gelang es ihr sehr leicht; schwerer machte Laurette ihr den Sieg. Doch erlag auch diese endlich dem feinen Gifte der Schmeichelei und dem steten Lobpreisen ihrer erhabenen Geistesqualitäten, so dass endlich dieses Kleeblatt so ungleichartiger Naturen, gleichsam in einander verwuchs und ein seltsames Ganzes darstellte, das mit vereintem Treiben, jedoch jedes sein besonderes Interesse der Eitelkeit durchsetzte.

Das Wohlleben und die Eleganz, worin sie einen guten Geschmack zu legen verstanden, zog bald ein leichtes Völkchen um sie zusammen, das so eben gut genug war, sie zu amüsiren, und auch wieder nicht gut genug, sich an dem etwas schwankenden Rufe seiner Gönnerinnen zu stossen; wie es denn überhaupt zum Amüsements-System der schönen Welt gehört in Absicht der Sittlichkeit alles fünf gerade sein zu lassen. Die trefflichsten Weiber werden dann nur erst bemerkt und vorgezogen, wenn sie einen notablen dummen Streich gemacht haben.

Diese Cotterie wurde bald ein Cirkel, und zwar anmasslich ein ästetischer, weil einige junge, Schöngeisterei treibende Herren hier ihre Schwungkraft übten, ehe sie sich in höhere Regionen wagten.

Wir haben unsre junge Freundin in diesen Kreis eingeführt gesehen, und müssen sie uns nun betroffen und mit gesenktem Blicke da sitzend denken. Ihr reines, ihr frommes Herz, ihr wahrhaft jungfräulicher Sinn, dem hier nichts zusagte, fand gleich bei ihrem Eintritte nur zu viel Anlass, den raschen, kecken Schritt zu bereuen, den sie getan hatte Von allen Seiten wurde sie mit fragen bestürmt, für welche sie keine Antworten hatte; oder sie zu geben, zu bescheiden war. Tante Elise, die überall dem Drange ihrer Göte's-Existenz nicht widerstehen konnte, fragte ganz zart und liebend, ob die liebe Nieçe diesen Gott unter den Dichtern wohl kenne? "Sie sind seltsam, Tante!" rief Laurette dazwischen, "Ansprüche der Art an unsere Verwandtin zu machen; sie hat auf ihrem dorf wohl schwerlich andere Poesie, als aus dem Gesangbuche der