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Hoffnung leiht ihr glänzendes Grün dazu und ungern gibt die angeregte Phantasie solche Gebilde auf. Und hat nicht selbst das Helldunkel einer ungewissen Zukunft oft mehr Reiz und Interesse, als die gefälligste Gegenwart?

Albertine liebte, wie gesagt, den Bruder aus Herzensfülle. Seine Traurigkeit ging ihr nahe. Ihr Plan war ihr doch aber auch schon gar zu lieb geworden. "Ich möchte bei Dir, aber auch in der Stadt sein," wiederholte sie einige Male aus beklemmter Brust.

"Wäre es nur nicht eben bei Onkel Dämmrig, liebe Albertine!" – "O der Onkel ist, bei mancher Schwäche, doch gut und bieder und hat mich recht lieb." – "Auch die Madame Rosamunde Wintergrün?" "Sieh nur, lieber Ferdinand, an die habe ich freilich auch schon gedacht," fiel Albertine rasch ein, wobei sie recht weise aus ihren lieben Äugelchen blickte. "Sie ist freilich nicht die Beste und begegnet dem armen Onkel nicht aufs Beste, ist obendrein des Onkelswas man nicht gern sagt, aber dafür ist die Seelengute Tante Elise daUnd die Cousine Laurette. Laurette? Hm, mit der will ich mich schon vertragen. Zankt sie, so scherze ich und bringe ihre Sarkasmen in Liederchen."

"Möchtest du meiner Louise eine solche Nachgiebigkeit widerfahren lassen. Doch ich will dich nicht in Verlegenheit setzen; dein leichter Sinn mahlt dir jene Lage nur zu reitzend, deren bedenkliche und ernste Seite dir zu zeigen mir Pflicht ist."

Ernst und bedenklich! Das war es nun eben, wobei unsre junge Freundin gar nicht gern zu verweilen pflegte. "Ich bitte, lieber Ferdinand, erkläre dich; aberfügte sie leise hinzuschone ..."

"Louis! und der Respect für dich selbst, kann meiner Albertine beides je gleichgültig werden? Jene Weiber, welchen du dich zugesellen willst, machen von Seiten der achtung wenig Ansprüche an die Gesellschaft; sie geben und empfangen wenig. Ihre Losung ist, sich zu amüsiren; das erreichen sie ohne grossen Aufwand von Kräften; zu den momentanen Unterhaltungen reichen sie mit ein Paar bon mots, einem Paar gut erzählter Neuigkeiten des Tages aus, die sie hundertmal anbringen können. Sie haschen nach allem, was ihrem dunklen Triebe, sich selber zu entfliehen, entspricht. Es ist ihnen alles, zu diesem Ziele zu gelangen, gut genug. Deine jugendliche Unerfahrenheit werden sie mit hochtönenden Worten von gesellschaftlicher Toleranz, Humanität, Selbstständigkeit, Verachtung der öffentlichen Meinung, einwiegen; deine achtung für Zucht und Sitte werden sie eine pedantische veralterte Ansicht der Welt, blinde anhänglichkeit an conventionelle Formen nennen; sie werden dir von der reinen Menschheit der Alten vorreden, zu deren jugendlichem Weltzeitalter wir weder zurückkehren können noch dürfen."

Albertinen ging es, wie es mancher meiner Leserinnen bei Ferdinands Tirade gehen wird; ihr wurde sie zu lang und sie sagte ganz rasch: "ach du siehst auch alles gar zu schwarz, lieber Ferdinand; ich habe noch wenig von der Welt gesehen; aber ich denke sie mir weder wie ein Elysium, noch wie eine Hölle. Ich möchte gern Menschen sehen, möchte meiner Jugend mich freuen, möchte frei wählen können, da meine Lage mir es gewährt." – "O Albertine, und das alles kannst du bei mir nicht! Ich fühle, du hast Recht; aber Louis, der dich mir übergab, hat sein vielleicht unglückliches los, ihn um alle Rechte auf seine Zustimmung zu deinen Planen gebracht? oder meinst du, dass er sie billigen würde?" –

Albertine brach in helle Tränen aus. Sie warf sich ihrem Bruder um den Hals und weinte laut. Sie liebte ihren Louis treu und herzlich; aber er war doch nun. einmal nicht da; Albertine war noch nicht ganz neunzehn Jahr, und man sage was man will, Gegenwart und lange Abwesenheit ist so gänzlich zweierlei, auch für den, der mehr als achtzehn Sommer sah. – Ferdinand mochte die nemliche Reflexion gemacht haben; er ertrug überdem nicht leicht eine trübe Miene im lieblichen Gesicht der Schwester. "So wollte ich dein zartes Herz nicht brechen. Du hast meine Einwilligung und meinen Seegen, und dann so tröstet mich auch die Nähe deiner redlichen Freundin Euler, die dir alles ersetzen wird, was du in uns aufgiebst." Im Herzen hoffte Ferdinand, der Drang im jungen Gemüte sollte sich wohl legen, wenn seine Frau nur erst mit darein spräche.

Louise tat's bei Tische, aber ganz nach ihrer bittern Weise, bei der es recht merkbar wurde, dass sie ihre Schwägerin je eher je lieber los zu werden wünsche. Ferdinand sah leicht, dass er einen zwiefachen Kampf gegen geliebte Personen immer von neuem werde beginnen müssen; er resignirte sich also, da er sah, dass Widerstand nur mehr reitzen werde.

Bei dem nächsten Spatziergange flossen die Geschwister in herzlicher Wehmut über. Die Anstalten der Reise waren, wie man denken kann, emsig betrieben worden, und in wenig Tagen sollte sie vor sich gehen. Ferdinand sprach mit eindringender Innigkeit über Albertinens künftige Lage und Verhältnisse. Seine Ansicht des grossstädtischen Lebens, in dem auch er sich wacker umhergetrieben hatte, war freilich grell, aber zum teil richtig. Die Häuser der Grossen und Reichen, nannte er Treibhäuser, worin die Jugend zur Frühreife gezogen wird und meist vor der Reife abwelkt und verschrumpft; ihm waren sie das Grab zärterer Weiblichkeit, die Zerstörer jugendlicher Tugend. Er bat