erbleichend zurück und schob fast mechanisch den Hut vor die Augen. Albert war zu glücklich, um einen verjährten Streit aufzufrischen, und zu gastfrei, jemand unter seinem dach zu beleidigen; um so weniger, da die Fremden sagten, sie gingen in einer Stunde weiter, und Petersburg sei das Ziel ihrer Reise, wo sie sich mit ihrem Vermögen niederzulassen gedächten. Die Wahrheit war, dass sich das Hochfreiherrliche Paar auf der dortigen Bühne engagirt hatte.
"Mademoiselle sind noch unversagt?" fragte Rosamunde, sich an Lauretten wendend. Ergrimmt erwiderte diese, zu Aller Erstaunen: "Es ist heute mein Verlobungstag, und hier ist mein Verlobter!" indem sie den Herrn Pastor Ehrich, der die Trauung verrichtet hatte, bis mitten in's Zimmer zog. Der zögernde, hocherrötende Mann stammelte unvernehmlich ein Kompliment an seinen Gutsherrn, das eine Bewerbung um die Cousine vorstellen sollte, der aber der Braut in dieser desperaten Situation kräftig nachhalf. – Die Hand der Dame wurde dem notgedrungenen Bräutigam unverweigerlich zugestanden, und der Onkel, dem die gute Laune zurückgekommen war, sang in seinem gewöhnlichen heisern Falsett:
"So werde' ich armer Erdenkloss
Mit Ehren meine Nichte los!"
Laurette nahm die Glückwünsche an; der Bräutigam, der nicht wusste, wie ihm geschehen war, erwiderte sie mit stillen Bücklingen und niedergeschlagenem Auge, und wenn ein laut aus seinem mund kam, war er so weinerlich, dass jeder, der die Dame kannte, sich den Zusammenhang der Sache lebhaft dachte.
Damit wir nicht nötig haben, die schon zu häufig vorkommende Laurette wieder einzuführen, sei sie hiermit abgefertigt. Sie freiete und liess sich freien; war ihrem mann, der ihre Keckheit ganz treuherzig für Verstand hielt, eine wahre Megäre; ihren Stieftöchtern – denn der Mann war Wittwer – alles, was Wahrheit und Dichtung je von Stiefmüttern gesagt hat, und ihrem Gesinde ein Schrecken. Die Geburt eines Kindes kostete ihr das Leben. Sie starb unbedauert und über ihre Gruft weht der Wind in Nesseln und Dornen, die keine Freundeshand davon hinwegpflückt. –
drei und dreissigstes Kapitel
Fried' und Freude wohnte mit den edlen. Keiner gewahrte, dass die, von der alles Glück ausging, selbst des schönsten beraubt war. Alberts unablässiges Streben war, einen Kreis von immer jungen Freuden um seine Teure zu ziehen, so dass sie, ihres Unglücks vergessend, ganz in seiner Liebe lebte, die nicht vulkanischer natur, sondern ein ewiges ruhiges Feuer, wie jenes, das allen Dingen Leben und Gedeihen gibt, war. Ihren Nachbarn, auch den fernern, sich mitzuteilen, stifteten sie einige Feste, die sie Volksfeste nannten, woran alles, auch der Hüttenbewohner, auf der Güterbesitzer Kosten teil nahm. Z.B. wenn der erste Schnee fiel, wenn das erste Gewitter war, wenn die Bäume blühten; die heute, die Kornerndte: dann war den Sonntag Tanz, und Bier und Braten im Herrschaftshause für die Gemeine, und Tee und Musik für die herrschaft. Den Tee nannten sie die wasser-Feten, der aber freilich mit allem verbrämt wurde, was der Wohlstand zulässt.
Als sie eines Tages im traulichen Zirkel versammelt sassen, forderte Albert den Onkel und die Tante auf, ihm etwas aus den Kinderjahren seiner lieben Albertine zu erzählen. Beide begannen zugleich und jeder bestritt die Erzählung des andern und berichtigte sie nach seiner Weise, bis Elise ihrem Bruder mit komischem Zorn ein an ihrem Busen abgewelktes Blümchen an den Kopf warf (denn auch im Zorne war sie zart) und sie die Erzählung allein über sich zu nehmen verlangte. "Albertine" – sagte sie – "war uns allen ein kleiner, vom Himmel gesandter Engel; aber schon als Knöspchen war sie einst dem Welken nahe; eine ruchlose Amme, die – ganz ungesund war – – die arme Albertine musste mit dem unseligen Geschöpfe zugleich mediciniren, und dann ohne die natürliche Nahrung der Kinder aufgezogen werden" –
Albert sprang mit ungewöhnlichem Feuer von seinem Sitze, umarmte plötzlich die Tante mit dem Ausruf: "Vortrefflichste Tante! ist das wahr? Wissen Sie das gewiss?" Elise erschrak zum Erblassen und beteuerte die Wahteit ihrer Erzählung, die dann auch Dämmrig bestätigte. Nun verlangte sie den Grund zu Alberts Freude zu erfahren. "Wie!" rief er, wie ausser sich; "dann ist ja noch Hoffnung, freudige Hoffnung für meine Geliebte. Ein Mädchen meiner Familie befand sich im nemlichen Fall und wurde im drei und zwanzigsten Jahre von ihrer Blindheit hergestellt. Fort, fort zum arzt, der dies Wunder bewirkte!"
Albertine hoffte nicht, aber sie ergab sich allem, was der sorgsame, liebevolle Gatte beschloss. – Sie reisten zum Arzt; er sah, untersuchte und verzweifelte nicht. Die Schuldlose, die Reinste unterwarf sich einer Behandlung, wie das sich selbst bestrafende Laster sie erfährt, und in vierzehn Wochen – o, des schönen Lohnes ihrer frommen Resignation! – sah sie den ersten Lichtschimmer wieder. Still betend, begrüsste sie das ihr wieder auflebende Licht. laut jubelnd trat Albert vor sie, als sie zuerst wieder sein Antlitz dämmernd erblickte. In einem halben Jahre kam sie sehend aus zwei recht schönen gestärkten Augen zurück. Ihr Dank, ihre Freude, als sie an den Busen der Freundinnen sank, grenzte an Verzückung; sie erlag beinahe der Stärke ihres Gefühls. Zögernd aber und bänglich nahte sie sich dem Spiegel, den scheuen blick kaum auf ihre Gestalt wagend.
Albert gab es nicht zu