, dass wir zu wenig lieben," sagte Adelaide tröstend. "Ach, wir lieben viel zu viel, kommen den Männern mit viel zu viel ermüdender Liebe entgegen. Mit viel zu viel Liebe tragen wir ihre Unarten. O, wären sie unsrer nicht so bis zum Übermass gewiss, die Geschlechtsverhältnisse würden selbst noch in der Ehe zarter und pikanter sein. Die Launen einer Ungetreuen, die Bizarrerien einer Maitresse fesseln das grillenhafte Wesen des Mannes stärker, als die ausharrendste Liebe der Gattin. Nein, Albertine, ihre Freunde, ihr innigstes Bewusstsein geben Ihnen das zeugnis, dass Sie nicht zu wenig liebten. Auch wäre es schrecklich, wenn unserm Menschen-Elende noch die Verantwortlichkeit für alle zufälligen Folgen unsrer Worte und Handlungen aufgebürdet würde."
Der Frühling kam in aller seiner Glorie herbei. Albertine sass in ihrer Laube am Rosengeländer und wagte zum Erstenmale wieder ihre Seele auf den Schwingen schwermütiger Harmonie zu erheben. Sie hielt es beinahe für Versündigung an dem Verstorbenen, sich erheitern zu wollen; nur Klagetöne hauchten ihre Lippen in die Harfe oder das Klavier.
Albert war ihr Führer, ihr Begleiter. Die Liebe, die er gewaltsam in sich zurückgedrängt hatte, erhob sich jetzt, ungebunden von Pflicht, allgewaltig wieder in seiner Seele; die reinste, die geistigste. Doch hielt er schonend der Traurenden auch die leiseste Äusserung zurück.
Einst kam er frühe zur ungewöhnlichen Stunde. "Albertine, meine Freundin!" rief er in den Vorsaal, worin sie eben war, hinein; "ich bin sehr glücklich gewesen. An dem Ufer des Baches, wo mein Glück mich zuerst zu Ihnen führte, warf ich mich ermüdet an eben der Stelle hin, eine kleine Blumenpflanzung, die ich dort anlegte, zu besehen. Mein alter Tiras, der mich an dem glücklichsten Tage meines Lebens auch begleitete, grub sich neben mir ein Lager in das Moos. Da sah ich, da fand ich – raten Sie einmal, was?" – "Trüffeln oder Pilze!" sagte Albertine heiter. – "Nein, meine Teure, den Ring, der dazumal der Gegenstand ihres Spatzierganges war. Albertine, er ist in jedem Bezuge ein teures, teures Andenken!" – Albertine streckte die Hand hastig darnach aus. "Ach, ich kann ihn nicht sehen!" sagte sie schmerzlich; "ich werde fühlen, ob er es ist?" – "Albertine, dieser Augenblick sei mir der feierlichste und heiligste meines Lebens! M i r sind Sie noch ganz so schön, als Sie es mir in den ersten Blütetagen meiner Bekanntschaft waren; aber noch unendlich liebenswürdiger erscheinen Sie mir durch die Schönheiten Ihres Gemüts, das ich in jener Zeit nur ahnete. Albertine, Sie bedürfen eines Führers, eines Beschützers in den mancherlei Verhältnissen Ihrer Lage. Und – darf ich mahnen an jene Zeit, als Sie witwe zu sein wähnten, was Sie dem Überglücklichen zudachten? Albertine, ich liefere den Ring nicht aus, er werde denn ein Verlobungsring!"
Albertine schwieg betroffen; häufige Tränen drangen aus den geschlossenen Augen. Sie kannte Alberts feste, ruhige Besonnenheit; es war gewiss nicht der Entusiasmus des Mitleidens, der ihn bestimmte; aber dem teuren Andenken des im grab Ruhenden tut es Abbruch, sagte ihr Zartgefühl. Albert fühlte sich in das Herz, dessen innerste Regungen er kannte, hinein, und begegnete fein und schonend den Einwürfen, die sie nicht sagte. Henriettens Dazwischenkunft entschied für Alberten. Albertine war in Liebe und Dankbarkeit aufgelöst, als der schöne Bund der Vernunft und Liebe an dem Altare ihrer eigenen Kirche, umgeben von ihren Lieben, rührend und feierlich geschlossen wurde.
Zwei und dreissigstes Kapitel
Der Tag sollte im stillen Kreise der Freundschaft zugebracht werden. Henriette und Adelaide feierten ihn durch Gesang, den die eine gedichtet, die andere componirt hatte. Albertine setzte sich an's Fortepiano und überraschte alle durch einen Gesang, der aller Herzen in Tränen auflöste. Er war Todtenfeier und Brautweihe, im rührendsten Verein. Sie hatte ihn in der Stille der Nacht vor ihrem Vermählungstage gedichtet, und ihr glückliches Talent hatte schnell die rechten Töne dazu gefunden.
Der Tag sollte aber noch in mehrerer Rücksicht mit Ereignissen bezeichnet werden. Die stille Feier wurde durch die Ankunft zweier Fremden unterbrochen, die sich als der Baron und die Baronin Rotensee melden liessen. Sie sollten nicht angenommen werden, waren aber schon in Vorsaal eingetreten. Albert ging ihnen entgegen, und führte bald, zum Schrecken aller, wen anders, als die Frau Rosamund und den Baron Weissensee herein. –
Mit edler Unverschämteit näherte sie sich ihrem beleidigten alten Freunde, der kein Wort zu sagen wusste und das Haupt tief auf die Brust herabsenkte, als sei er der Beleidiger. "Sie haben es mir wahrscheinlich gedankt, dass ich Sie von einer lästigen Hausgenossin befreite. Mein Gemahl, der Baron, ist im stand, Ihnen jeden, mir zu Gunsten gemachten Aufwand zu ersetzen. Aber – ich sehe Sie alle versammelt; nur Ihre Albertine fehlt!" – "Hier, hier!" sagte Dämmrig, aus seiner Verlegenheit hervortretend und Albertinen bei der Hand fassend. "Gott im Himmel!" Rosamund wäre beinah einmal im Ernste ohnmächtig geworden; sie drückte die arme heiss weinend an ihr Herz. Albertine erkannte des baron stimme, fasste seine beinahe vor Schrecken erstarrte Hand und sagte sanft: "Sehen Sie mich doch jetzt recht an, Herr Baron! Dies einzige sei meine Rache!" – Der Baron trat