kümmerte es ihn wenig, ob das Kapital durch zurückgelegte Zinsen vergrössert wurde. Elise war überdem allen von Herzen willkommen; sie war eine so gute Art von einer Närrin, dass so leicht kein Spott über sie laut wurde. Albertine hatte nun eine neue liebevolle Seele mehr um sich, die das Vorleseramt ausschliessend übernahm. Sie fühlte, was sie vortrug, und ihr angenehmes Organ fügte sich in alle Modulationen des Ausdrucks leicht ein.
So gestaltete sich eine Form der Geselligkeit für den liebenden Kreis, der immer mehr an Festigkeit gewann. Obgleich für jeden besondere Wohnungen bestimmt waren, schloss sich doch der Kreis immer um Albertinen, der in ihrer Dunkelheit jeder gern die hülfreiche Hand reichen wollte. Henriette hatte sich eine Zeit her auf die Porträtmalerei, worin sie sehr glücklich war, gelegt; aber auf die Länge verdross es sie, ein glückliches Talent bloss im Dienst der Eitelkeit zu verwenden, und die Vorwürfe derer, die ihres Lebens Frühling in verschönter Gestalt hingezaubert haben wollten, wenn der Herbstwind schon über die kahlen Scheitel wehte, wurden ihr zum Ekel. Sie gab also das Porträtmalen wieder auf; und da sie überdem schon ein hübsches Kapital erworben hatte, so schränkte sie sich bloss auf einzelne grössere Sachen ein, die sie den Kabinetten der Freunde zum Andenken bestimmte.
Albertine wurde ihres Zustandes immer gewohnter und vergass beinahe des bessern. Lindenhains Launen sah sie als natürliche Folge ihrer Lage an, und ertrug sie still, ohne Widerrede. Denn selten sprach er mit ihr, dass er nicht, ohne es selbst zu wollen, ihr etwas Unangenehmes sagte. Er verfiel oft in einen wirklichen Sergeanten-Ton, der beim Befehlen zugleich drohend den Stock aufhebt. Dann seufzte sie still und dachte: er liebt mich nicht mehr! Wer weiss, wie entsetzlich ich auch aussehe! Sie waren es insgesammt nun schon gewohnt, dass er in ihrer Mitte fehlte; und Albertine war froh, wenn sie nur, wenn auch spät, seine stimme wieder hörte.
An einem düstern December-Abend sassen sie um ein schönes, freundliches Kaminfeuer versammelt. Draussen stürmte es mit Schnee und Regen. Schon einigemal war Albertine vergebens der tür zugeeilt, was sie in ihrer Trübsal doch nie unterliess, weil der anschlagende Haushund die Ankunft seines Herrn zu melden schien. Zweimal hatte sie sich mit einem banglichen: "Nein, er ist es noch nicht!" wieder zu ihrem Sitz begeben, als der Jäger verstört in's Zimmer trat und Albert etwas zuflüsterte, worauf dieser erschrocken aufstand und eilig das Zimmer verliess.
Blinde hören sehr scharf. "Was ist's mit dem Grauschimmel? Mein Mann pflegt ihn zu reiten!" und schon irrte sie zur tür hinaus. Unter den Domestiken war ein confuses Durcheinanderlaufen, und so erfuhr sie, der Grauschimmel sei allein zu haus gekommen; Sattel und Zeug sei nass und in Unordnung. Albert hatte ihn schnell wieder bestiegen, und war schon fort; alle männliche Domestiken waren ihm mit fackeln und Leuchten gefolgt. In dem Forst bei dem Förster fanden sie ihn nicht. Sie streiften in allen Richtungen durch die Gegend; aber nirgend fanden sie eine Spur.
Welche schreckliche Nacht Albertine zubrachte, wäre vermessen beschreiben zu wollen.
Mit kräftiger stimme rief Albert durch den Wald den Namen des Freundes; es blieb todtenstill, nur der Widerhall antwortete. Gegen Morgen kam er in eine entferntere, wenig gangbare Gegend; es war ein See, mit einem Kranz von Hügeln umgeben. Auch hier rief er den Namen; da schlug Perdrix, Lindenhains Lieblingshund, an, und kam von dem See her auf ihn zugestürzt. Eine fürchterliche Ahndung, was geschehen sein könne, flog Albert durch die Seele. Er folgte der Weisung des treuen Hundes, und – o des Jammers! – Lindenhain lag tot in dem See! – Vom jähesten Abhang des Hügels herunter war er vom stolpernden Pferde gestürzt; der entsetzliche Sturm hatte ihm den weiten Mantel so unglücklich um den Kopf gewickelt, dass er, der arme Einhändige, sich nicht hatte befreien können. Tief mit dem Kopf war er in's Moor gesunken, und so war der vollblütige Mann schnell am Schlage gestorben.
Hier ruhe die Feder, die schon zu viel Leiden schilderte. Dem Jammer Raum zu lassen, bleibe eine Lücke in dieser geschichte, die das Trauerjahr in sich fasst, das Albertinen ein wirkliches ernstliches Trauerjahr wurde.
Ein und dreissigstes Kapitel
Albertine hatte den langen, trüben Winter hindurch einem verzehrenden Nervenfieber fast unterlegen. Was Liebe, was Freundschaft vermag, gewährten ihr die seltenen Freundinnen. Das zarte Gemüt der Leidenden untergrub seinen Frieden durch unverdiente Vorwürfe, es habe nicht genug geliebt und dadurch den Gatten von sich entfernt, dessen Bild jetzt in unumwölkter klarheit in Albertinens Seele lebte. Alle seine kleinen Unarten und üblen Gewohnheiten waren ihr mit in die Gruft gesenkt; seine Tugenden nur, seine Grossmut, sein männlicher Sinn, seine frühere Liebe, sein Feuereifer für's Edle und Schöne, der gebildete Geist, die warme Vaterlandsliebe, standen in edler Schöne hoch emporstrebend um das Grab, das seine Fehler deckte. "Mein Unglück, meine darauf entstandene düstre Stimmung entfernten ihn, und darum – o Gott! darum – war sein Ende so unglücklich; darum ging er in der Kraft der Jahre zu grund. O, ich habe nicht genug geliebt! O, dass ich mit ihm stürbe!" rief sie oft verzweifelnd aus.
"Selten, meine Albertine, verdienen wir den Vorwurf