Überwindung; nur was von schönen Lippen kam, fand er geistreich. Die Schärfe des Schmerzes stumpfte sich freilich mit der Zeit ab, ging aber in Verdruss und Abneigung gegen den Aufentalt in seinem haus über. Die Eifersucht stachelte ihn jetzt nicht mehr, und es war ihm eben recht, wenn Albert und der ganze Zirkel um Albertinen versammelt war, weil er sie dann unterhalten wusste und seine Gegenwart um so entbehrlicher war. Er wurde ein Jäger; und zwar so leidenschaftlich, wie er alles in sich aufnahm. Oft kam er erst heim, wenn die Andern den Abendtisch schon verlassen hatten, oder er blieb auch Nächte aus, worauf dann die sanfte Albertine nichts weiter, als seufzend sagte: "Ach, ich kann es ihm ja nicht verdenken!" –
Adelaidens zarter, herrlicher Sinn glänzte in seinem strahlendsten Lichte. Ihre Lage war delikat und ihr verhältnis zur Familie forderte eine feine Behandlung. In ihrem offnen, unbefangenen Betragen gegen Lindenhain veränderte sie nichts; es blieb sich gleich. Gleichwohl hatte sie ihn unsäglich geliebt und war zu einiger Erwiederung berechtigt. Jetzt hatte sie der hülfe bedürftigen Albertine alles zugewendet, was ihr schönes Herz zu geben hatte; und mehr noch, als kalte Principien, gab ihr ihre schöne natur ein, was sie dieser, da Finsterniss ihr Auge deckte, jetzt sein musste.
Nur ungern verstattete man dem Onkel Zutritt zu Albertinen; er weinte laut, wie ein Kind, und drückte sich so klagend über ihren Zustand aus, dass ihr Gemüt aus seinem Gleichgewicht kam, und wenn s i e ihn zu trösten bemüht war, oft laut in seinen Schmerz einstimmte.
Neun und zwanzigstes Kapitel
Die trübe Scene ein wenig zu erheitern, wollen wir einen Vorfall berichten, der alle in Verwunderung, einige in Freude, andere in Verdruss versetzte.
An einem schönen Morgen kam ein ärmliches Fuhrwerk, von lebensmüden Pferden gezogen, vor das Schloss. Aus Decken und Mänteln wickelte sich eine weibliche Gestalt heraus, die verschleiert, wie sie war, von Niemand sogleich erkannt wurde. Gerührt warf sie sich Albertinen in die arme, die sogleich am holden Lispeln, an dem warmen poetischen Ausruf, Tante Elisen erkannte. Die Gute weinte Albertinens Unglück die heissesten Tränen, und dann ging ihre Bewunderung wieder bis zur Anbetung, als sie Albertinens himmlische Resignation sah. Durch Henrietten erfuhr sie Adelaidens geschichte, und auch diese umfasste sie mit einer hohen Begeisterung, die der Vergötterung nahe kam.
Ihre eigne geschichte machte alle traurig; nur ein Gesicht verzog sich zum Hohn. Wer in dem Kreis der Guten das sein konnte, erraten wir nur zu leicht.
"Waren Sie denn nicht mit ihm verheiratet, liebe Tante?" fragte Albertine. – "Was man so recht eigentlich verheiratet nennen möchte," antwortete Elise, "waren wir nie. Wie möchte die Liebe dies erdrückende Joch tragen! – Kein Priester sprach den Seegen, kein Ringewechseln bestätigte den Bund der Liebe. Lasen Sie nie das Paradies der Liebe, mon Neveu?" fragte sie Lindenhain. – "O ja doch, ja!" antwortete dieser lachend, "ich fange an zu merken." –
"Nun" – fuhr Elise fort – "muss die Liebe, wie sie im Menschen das Höchste und Lieblichste, die schönste Blüte des Lebens ist, so auch das Freieste unter der Sonne sein. Keine Liebe gedeiht im Treibhause der Ehe. Warum trüge der Gott der Liebe Flügel, als zum Flattern?
'Dass er sich im Flattern übe,
Darum, darum trägt er sie!'
Wer mag ihn festalten? Und wie wohltätig ist die Trennung, wo er nicht mehr weilt!"
Nach einigem Weigern und mit sehr milderndem Ausdrucke kam es heraus, dass die gute, gar zu majorenne Elise über ihr Vermögen zu Gunsten ihres flatterhaften Amors Wassermann disponirt habe. Seine Sinnlichkeit, das Streben nach heimlichen Genüssen, und eine affectirte Geringschätzung jeder ökonomischen Rücksicht bei grosser Geldgier, hatte ihn in Verlegenheiten gesetzt, aus welchen er sich durch Elisens Gutmütigkeit zu ziehen hoffte, als Antonie ihn abwies. Elise gab, bis es an die letzte Obligation und ihre ziemlich kostbaren Juwelen kam; mit diesen im Koffer, hatte er sich von ihr entfernt, sie wusste nicht, ob zur grossen Nation hin, oder nach dem andern Freihafen für Leute seiner Art, nach Amerika; sie wusste nicht, wo er nun eigentlich die helle Leuchte seines Geistes werde aufgehen lassen. So viel wusste sie, dass sie arm, verachtet und ausgelacht zu den ihrigen zurück geflüchtet sei, aber reich beladen mit den Erzeugnissen Wassermannischen Geistes, womit sie nun einen Buchhändler zu beglücken und sich ein reichliches Auskommen zu verschaffen gedachte.
Dämmrig accompagnirte ihre Erzählung mit einem leisen Gemurmel zwischen Gesang und Rede, welches ihr höchst anstössig war. "Und sein Drama von Schafen und Böcken?" fragte Dämmrig. – "Erscheint!" – "Und dein übermenschlicher Roman, worin nichts natürlich zugeht, wo eine Komode die prima Donna ist?" – "Erscheint!" – "Spotte nur, spotte! Einen Schrank, einen Klotz kann man immer noch vernünftiger, als einen alten Ritter, worein ihr so verliebt seid, redend einführen. Im weiten Reiche der Phantasie, in ihren Schöpfungen ist alles Leben. Das heilige Dichterfeuer belebt Steine und versetzt, wie der Glaube, Berge."
Dreissigstes Kapitel
Lindenhains Vermögenszustand reichte für den Aufwand eines noch so vergrösserten Familienzirkels zu; und grossmütig, wie er war,