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eben Adelaide das Depot der beiderseitigen Beschwerden wurde. Als Schiedsrichterin war sie viel zu schön und zu jung.

Für Lauretten waren diese Verhältnisse wahrer Genuss. Sie lebte wie von neuem auf, und wusste bald Albertinen auf Lindenhains Vertrauen zu Adelaiden, bald Lindenhain auf Albertinens erheiterte Laune, wenn Albert zugegen war, geschickt aufmerksam zu machen. Lindenhain war nicht eifersüchtig; aber der oft Betrogene war misstrauisch; auch misstrauisch gegen seine Albertine, gegen Albert, gegen den besten Menschen; und dies war ein Zug in seinem charakter, den Albertine noch nicht kannte, den er nie Anlass gehabt hatte, gegen sie zu entwickeln, und den er selbst nicht kannte, als er Alberts Entfernung hintertrieb. Mass sich Lindenhain mit Albert, so fiel ihm sein fehlender Arm schmerzlich auf's Herz. Mass sich Albertine mit Adelaiden, so sah sie in sich die gewohnte Ehefrau, bei der alles Pflicht und Schuldigkeit, wie bei jener alles freier Antrieb und Edelsinn war. Noch waren aller Herzen rein; aberwas sollte in der Folge daraus werden?

Was daraus werden musste. Ein verstimmtes Instrument, das nur noch Misslaute von sich gab. Henriette, die es lange nicht hatte bemerken wollen, mischte sich endlich, von Albertinen aufgefordert, darein. Sie redete Lindenhain an's Herz, der ihr eine kecke Antwort gab, und unter andern sagte: "er wisse sich zu bescheiden; ein Krüppel könne freilich nicht viel Ansprüche machen; er fände es endlich nicht unnatürlich, wenn ein schönes, junges Weib einen bildschönen Mann, dessen Gattin sie ohnehin hätte werden wollen, vorzöge."

"Lindenhain, nehmen Sie mir es nicht übel, jetzt sind Sie gemein. Eifersucht würde ich der Liebe verzeihen; aber Misstrauen in die edelsten Menschenpfui! schämen Sie sich! Und wer dürfte es Albertinen verdenken, wenn sie des ewig vorwerfenden, zurechtweisenden Umganges, der die arme zur Marionette herabsetzt, überdrüssig, sich in der Gegenwart eines sanfteren, heitern, geistreichen Freundes erheitert fühlte? Wenn dies in ihrem Betragen nicht sichtbar würde, müsste sie eine Heuchlerin sein?"

Lindenhain schwieg, schien in sich zu gehen, und versprach, sich zu bessern. Bald flüsterte Satan Laurette ihm zu: sie hat dich verklagt; das war unrecht. Und es blieb, wie es war. Oft, wenn er Albertinen mit gesenktem kopf, wie ein dahinwelkendes Maienblümchen sah, und überdachte, mit wie edlem Zutrauen sie sein verhältnis zu Adelaiden aufgenommen hatte, ward er innig erweicht, drückte sie ungestüm an sein Herz und gelobte sich, den reinen Engel ganz glücklich zu machen.

Bald aber gewannen wieder die Miseren des häuslichen Lebens, so wie sein Hauptlaster, die böse Laune, die Oberhand, die durch das immerwährende schmerzliche Entbehren seines Armes geschärft wurde. Die arme Albertine wurde für alles, was im haus misslang, auch für Zufälligkeiten, verantwortlich gemacht, und Onkel Dämmrig, dem die Dissonanzen schmerzlich im Herzen wiederhallten, weil er Albertinen sehr liebte, sagte oft halb scherzend, halb traurig: "heute kriegt die arme Albertine gewiss wieder Schelte; der Barometer steht auf Regen."

Albertine hatte drei kleine Narben am Kinn, deren Dasein sie und die Ihrigen bei jeder Pocken-Epidemie beruhigten; sie glaubten, dass sie sie in früher Kindheit gehabt habe. Die Pocken wüteten im dorf, und Albertine ging unbesorgt in allen Hütten umher, ihre hülfe zu verteilen. Sie erkrankte ob der Mühwaltung, wie man glaubte; aber sie hatte sich Blattern und zwar von der giftigsten Art geholt. Schrecken und Jammer überfiel die Ihrigen; keiner wich von ihrem Lager; selbst der kränkliche Onkel trippelte an ihr Bett hin und bejammerte das entstellte Engelsbild. Lindenhains Feuerseele schlug jetzt, durch die Gefahr der Leidenden angefacht, in helle Flammen auf. Nie glaubte er sie inniger geliebt, nie ihre sanfte Duldsamkeit mehr bewundert zu haben. In der Hitze der Trübsal gelobte er mehr zu halten, als er seiner natur nach vermochte. Albertine reichte ihm freundlich die Hand, und gab vor, sich an einem blick auf eine glücklichere Zukunft zu laben, an den sie längst nicht mehr glaubte.

Aber wer begreift, wer schildert Adelaidens Edelmut! Die schmerzliche Lage der jungen Frau, wenn sie nun aller Schönheit beraubt, entstellt von diesem Lager aufstände, entging ihrem schnellen, richtigen Blicke nicht. S i e sollte schön, und ihre beschützende, grossmütige Freundin eines so einnehmenden Vorzugs beraubt sein? Lindenhain sollte einen Vorwand gegen die arme Albertine haben? Das ertrug das edle Mädchen nicht; sie wollte mit ihr zugleich hässlich werden, wollte keinen Vorzug an sich dulden, wollte auch die Blattern haben, die sie noch nicht gehabt zu haben glaubte. Sie lehnte ihr Gesicht an Albertinens, ass von ihrem Bissen, trank aus ihrem Becher, und was auch eingewendet werden mochte, schlief an ihrer Seite. Nie gab es eine Wärterin, wie diese; nie wurde ein Kranker gepflegt, wie Albertine.

Aber das Gift teilte sich ihr nicht mit. Sie bekam einen unschädlichen Ausschlag, und das war alles. Ihre erhaltene Schönheit und die Verehrung und Liebe Aller waren der gerechte Lohn ihres Edelsinns und ihrer unerhörten Aufopferung.

Acht und zwanzigstes Kapitel

Albertinens Leben war zwar gerettet; aberwer fasst den Jammer! – sie blieb des Lichtes ihrer Augen, ihrer wunderschönen blauen Augen beraubt! – Der unwiederbringliche Verlust ihrer Schönheit wurde gegen dieses schwere Unglück kaum bemerkt. In dem Frühling ihrer Tage, in