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empfahl sich zögernd, immer noch etwas von Albertinen erwartend; sie war aber merklich stiller geworden, als ihre unholde Cousine Laurette einigemal mit schnöden Reden scharf über sie hingefahren war, und so musste er endlich wohl gehen.

Unterwegs überdachte er dies artige Abenteuer und tat den kleinsten Vorfällen desselben Gewalt an, irgend etwas wohltuendes für sein Herz heraus zu grübeln. Aber immer war es nichts weiter, als dass Albertine seinen Tiras gestreichelt, und da er jetzt gegangen war, das Fenster geöffnet hatte; ob, ihn noch mit den Augen zu begleiten, oder des Mondhellen Abends zu geniessen, war und blieb dem angehenden Verliebten die grosse, ihm lange unbeantwortete, Frage.

Drittes Kapitel

Und Albertine? hatte sie nur in den Mond, nicht nach dem schönen Jäger gesehen? Wir wissen es nicht, und ihrer Freundin, mit der sie sich vor Schlafengehen ganz ruhig unterhielt, hat sie nichts davon vertraut. So gar kein armes Wörtchen sollte sie über eine neue interessante Bekanntschaft zu der Freundin ihres Herzens gesagt haben? Da wäre sie ja die einzige junge Dame auf Erden, die nicht Stunden lang Bemerkungen über so etwas mitzuteilen hätte. Albertine liess sich aber wirklich nichts weiter verlauten, als dass Ulmenhorst ein sehr rechtlicher junger Mann zu sein schiene und durch sein Ausseres vorteilhaft für sich einnähme. Das war es alles, guter Albert. Deine reizende neue Bekanntschaft hatte kein Herz und keine Hand mehr zu verschenken, wärest du auch der heilbringende Engel Gabriel gewesen. Hand und Herz gehörten ihrem Louis, dessen Gattin sie schon in ihrem siebenzehnten Jahre geworden war. Der über Deutschland losgelassene Krieg hatte ihn seit zwei Jahren von ihrer Seite gerissen und seit dem die Deutschen Armeen sich Frankreichs Grenzen genähert hatten, waren alle Nachrichten von ihm ausgeblieben; sie schwankte zwischen der grausamen Alternative, ob er gefangen oder bei dem Überfall von Bitsch geblieben sei? Sie konnte das tödtende Schweigen nicht erklären. Da alle Erkundigungen fruchtlos blieben, musste sie sich beinahe für eine Witwe halten, wogegen ihr Gefühl allmächtig strebte und ihr ganzer jugendlicher Frohsinn nicht Stich hielt.

Bei seinem Ausmarsch hatte er Albertinen, sein Liebstes auf Erden, gebeten, ihrer grossen Jugend wegen nicht allein in dem grossstädtischen flutenden Leben zu bleiben, sondern sich zu ihrem Bruder, der ein artiges Gut besass, auf das Land zu begeben. In diesen Augenblicken höchster Wehmut hätte Albertine in einen Aufentalt bei den Kamtschadalen gewilligt; auch erschien es dem jungen zarten Gemüt so idyllenhaft süss, im stillen Hain einsam um den Geliebten zu trauern. An den Winter hatte sie nicht gedacht; auch war es ihr in der ersten bangsten Periode der Trennung, köstliche Nahrung ihres Grams, allein in den weiten Fluren umher zu irren und auf Philomelens Klagetöne zu lauschen. Wie sich in der Welt aber alles abnutzt, so auch durch zu häufige starke Anspannung der finstere Gram des jungen achtzehnjährigen Weibes. Der Hain wurde ihr zu still; die Fluren zu öde und Philomelens ewiges Klaglied zu eintönig. Kurz, sie sehnte sich zu Menschen zurück. So fand sie sich, halb beschämt, dass es so war, nach und nach wieder bei der Gesellschaft ein, die ihr dann auch bald gar zu beschränkt, zu einförmig, doch gar zu still häuslich erschien.

Dem liebenden Bruder entgingen diese Übergänge nicht, so leise sie auch angedeutet wurden. Er bemerkte sie um so mehr ungern, da seine übellaunige Gattin das ihrige dazu beitrug, Albertinen ihre Lage bei ihm zu verleiden.

Überdem hatte Albertine durch den frühen Verlust ihrer Eltern, zeitig die Vorzüge der Unabhängigkeit kennen gelernt; sie war ihrer regsamen natur, die sich nirgends gehemmt fühlen wollte, Bedürfniss geworden, und jede Beschränkung dünkte ihr ein Leiden zu sein, dem sie sich notgedrungen unterwarf. Von ihrer Ehe hatte sie nur erst das Flatterjahr genossen und noch wenig von dem, in der natur der Sache gegründeten, Übergang des unterwürfigen Liebhabers zum despotisirenden Eheherrn erfahren, in welcher Periode der schöne Jugend-Traum des Lebens seinen poetischen Schwung einbüsst und bei einem höchst prosaischen Erwachen zerflattert. Die schöne jugendliche Schwärmerin war durch die frühe Trennung vom Geliebten, auf ihrer Höhe erhalten worden, und jetzt war sie durch eine frostige Häuslichkeit im Sinken begriffen. Albertinen war die Vorstellung eines so entseelenden Zustandes unerträglich; deshalb hatte sie in ihrem Köpfchen einen neuen Lebensplan ausgebrütet.

Der Verstellung unfähig, erklärte sie ihrem Bruder ganz unverholen, dass die Einförmigkeit des Landlebens und der üble Humor seiner Frau zwei Dinge wären, die, durch ihren Verein, ihr das Leben verbitterten. Sie wünsche zum Onkel in die Stadt zu ziehen.

Ferdinand hatte eine solche Eröffnung längst gefürchtet, und doch fühlte er sich jetzt, wie so ganz unvorbereitet; er sah die Schwester schweigend und gerührt, fast bis zu Tränen gerührt, an. Süss schmeichelnd schlang sie ihren Arm um ihn. "Siehst du es nicht gern?" fragte sie, ihn freundlich ins Auge blikkend. "Mir wird die Zeit gar zu lang und deine Louise ist den lieben langen Tag durch immerfort so knurrig. Dich habe ich herzlich lieb, und nähme dich gern mit."

"Albertine, so entschieden sehe ich dich, uns zu verlassen!" – Sie sah ihn betroffen und unentschlossen an. Ihr kleiner Lebensplan war entworfen und ihr durch Aussichten und Verhältnisse mancher Art, die sie künstlich genug hinein gewebt hatte, lieb geworden. Bei dieser Malerei bedient sich der feine weibliche Sinn, gewöhnlich der hellsten Rosenfarbe, sich seine Zukunft zu decoriren, die jugendliche