" – "Ach, Mutterchen, der Nachbar vereint in sich die Vorzüge seines Standes mit der Kultur der friedlicheren Klasse." – "Nun, Albertine, wenn er käme, es wäre mir nicht zuwider; aber ein Unglück, dass diese edle Klasse nur erst Brod bekommt, wenn sie es nicht mehr beissen kann!" – Albertine sagte lustig: "Mag's!" und hüpfte, froh, so viel schon bei der Mutter gewonnen zu haben, an ihre Arbeit.
Und es geschah, wie sie gewünscht hatten. Nach einem kurzen Urlaub, wo Lindenhain die Erbschaft seines Vaters übernommen hatte, erschien er mit einer offnen, ungekünstelten Bewerbung um die schöne Nachbarin, und erhielt, ohne Ziererei und Bitte um Bedenkzeit, ein herzliches Ja!
Die verwelkliche Rosenkette umschlang Beide; sie taumelten in ihrem süssen Duft dahin. Die gute Mutter starb bald nachher, und ihr ansehnliches Vermögen, das, wie wir wissen, leider! bei ihrem Bruder stand, machte Albertinen auch von dieser Seite zu einer sehr guten Partie.
Nach einem im seligsten Genusse verlebten Jahre, bekam das Regiment Ordre zum Aufbruch. Das junge Paar war untröstlich. Albertine zog, wie wir wissen, zu ihrem Bruder und ihr Gatte in den Krieg, der, wir können es nicht leugnen, bei weitem mehr sein Element war, als die Mirtenlauben von Paphos. Als seine Albertine, wie es ihm schien, in Sicherheit war, zog er mit hoch aufklopfendem Herzen und den hell lodernden Flammen der Kriegslust, seinen Fahnen nach.
Sieben und zwanzigstes Kapitel
Man sage, was man will, der Krieg, zu wasser oder zu land, verwildert die Naturen, gibt dem Hange zum unstäten Leben Nahrung, erhält in steter Spannung und befriedigt nur durch grosse, entscheidende Katastrophen; nur das Grosse und Riesenmässige genügt den Mitwirkenden. Dass Lindenhain, der von der natur so ganz zum Soldaten geeignet war, sich eine Zeit lang in der ländlichen Stille, in friedlicher Tätigkeit, in zweier lieblichen Weiber Mitte gefiel, war mehr der Neuheit und Seltenheit wegen, als dass es seinem inneren Geschmack zugesagt hätte. Bald wurde es ihm zu enge; er schnappte nach Luft; ihm war nur wohl, wenn er des Tages ein paar Pferde müde geritten hatte; und endlich war's auch Albertinen wohl, so herzlich sie ihn liebte, wenn sich das liebe Ungetüm vom haus entfernte.
Angefeuert durch das Beispiel der Freundinnen, ergab sich Albertine jetzt mehr, als je, den Künsten; es freute dann Lindenhain wohl, wenn unter ihrem Pinsel etwas Meisterhaftes entstand, aber er schalt doch auch, wenn etwas Wirtschaftliches versäumt oder aufgeschoben war. Er bedachte nicht, dass es in der natur der Dinge liegt, und dass es unbillig ist, vom weib zu fordern, was der s e l t n e Mann nur vermag: allem zu genügen. Würde sich weibliches Talent im Wettstreite mit dem männlichen nicht ungehemmter entwickeln, müsste sich das Weib nicht zugleich hundert zeitversplitternden arbeiten hingeben? Und die Hand auf's Herz, ihr Künstlerinnen, und schriftstellerischen Weiber, wenn ihr den Pinsel aus der Hand legt, wenn euch eben ein Reim oder lebhaftes Bild auf der Zunge schwebt, gehet ihr dann mit eben so lebhaftem Interesse in die Küche oder an den Wäschschrank, als ihr euch an euren Schreibetisch oder an die Staffelei setzet? Ich sage nein! und der Mann, der es von euch fordert, dass die Geistesunterhaltung untergeordnet bleiben soll, ist ein unbilliger. Wer wird, wenn er Nectar haben kann, noch gern sauren Landwein trinken! Aber das Weib, das im Gefühl ihrer Pflicht und Würde, eines tut und das andere nicht lässt, ist das beste.
Albertine hatte nie in einem grösseren Kreise gewirkt; sie musste sich erst hineinstudiren. Die Erfahrung macht die Wirtin, und jene wird oft mit Schaden erst erlangt. Dadurch wurde sie unmutig; es wurde ihr schwer, mancher Kleinigkeit, die es in ihren Beziehungen freilich nicht ist, Interesse abzugewinnen, und Lindenhains Vorwürfe verleideten ihr das Ganze. Das versäuerte die Masse um so mehr, da Laurette gewöhnlich bei den Vorwürfen, die Albertine oft, indelicat genug, im Beisein mehrerer erhielt, laut lachte oder bejahend einstimmte.
Bei der kränkelnden Mutter hatte Albertine eigentlich sehr wenig gelebt, und ihre Phantasie hatte sich durch Lesen und in sich selbst eine Welt gebildet, die nur wenig Ähnlichkeit mit der wirklichen hatte. So hatte sie Freundschaft, Liebe und Ehe kennen lernen, und so war sie untröstlich, dass besonders die Ehe ihrem Ideale, aus Dichtern und Romanen geschöpft, so wenig entsprach.
Lindenhain war, wir haben es schon selbst gestanden, durch den Krieg in etwas verwildert; doch schrieb Albertine diesem mehr auf die Rechnung, als darauf gehörte, und auf die des zum Ehemann gewordenen Liebhabers zu wenig. Der Genuss des zur G e w o h n h e i t gewordenen Guten, kam auch nicht in Anschlag. Es kam Mislaut in die schöne Harmonie des Ganzen. Albertine härmte sich im Stillen. Adelaidens liebenswürdige Munterkeit wehrte dem Unwesen eine lange Zeit; aber endlich wurde auch sie mit angesteckt. Sie warf Lindenhain bald scherzhaft, bald ernstlich seine ehemännische Laune vor. Sie sagte zuweilen drollig: "Capitaine, Capitaine! Ich habe Ihre Kopfwunde schlecht geheilt; Sie phantasiren noch." Da kam es denn zu Erörterungen, zu Mitteilungen von allen Teilen, und es konnte Albertinen nicht angenehm sein, dass