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sein. Das Vergangene sei vergessen. Mit dem gutmütigsten Ernst bietet Ihnen zu Ihrem redlichen Unterkommen die Hand

Ihr

Cyprian Vadius."

Laurette war braun vor Ärger; sie kochte Wut, und drohte eine fürchterliche Explosion, die denn auch bald erfolgte, und sich über die häuslichen friedlichen Fluren verderbend ergoss. Wie alle gemeine Gemüter, fand sie in allem ausser sich die Schuld, nur in sich selbst ahnete sie sie nicht. Sie war nicht klug genug, die derbe Weisung in sich selbst zu verarbeiten; so sehr die Freundinnen es zurück zu treiben sich bemühten, ward sie nicht ruhig, bis alle Hausgenossen, selbst die geringste Dienstmagd, mit in ihren Unmut stimmten und den Verbrecher mit entehrenden Namen nannten.

Wie sollten die Freundinnen es wagen, ihr von den beiden andern Briefen Kunde zu geben?

"Schwester Lieschen hat also den Wassermann wirklich geheiratet?" sagte Onkel über Tische. – "Ja!" sagte Albertine verlegen. – "Dass sich Gott erbarme!" rief Laurette keck. "Da muss die gute Tante recht heiratslustig gewesen sein! Man lege ihre Jahre mir noch zweimal zu, ich möchte den pedantischen Narren nicht. An ihm liegt es nicht, dass ich Tanten nicht zuvorgekommen bin!" – Dämmrig rückte auf dem Stuhl hier hin, dort hin, räusperte sich und fing an: "Nichte, es will doch verlauten" – Albertine erschrak, gab Adelaiden einen Wink, und dieser liebe Schalk brachte dem Onkel seinen alten Spruch: ce, que nous aimons! zu, in den er sogleich einstimmte. Die Stimmung wurde nun heiterer, das Gewitter verzog sich, und Laurette war für dieses mal losgelassen.

sechs und zwanzigstes Kapitel

"Was für mich denn nirgend vorhanden ist, sollen die Andern auch nicht haben!" sprach Laurette, und Satanas lächelte in seiner Hölle, und der freundliche Horizont über den Häuptern der Lieben, mit deren Schicksal wir uns beschäftigen, schien sich schon ob dem unglückschwangern Vorsatz zu schwärzen.

Laurette hielt Wort. Überall zurückgewiesen, wo sie unterzukommen suchte, im Gefühl ihrer Verächtlichkeit, warf sie, wo sie nur Brennstoff ahnete, die Funken des Argwohns und der Zwietracht, die in ihrem Busen einen Heerd hatten, bedächtig hinein, und bliess und schürte, bis alles in lichten Flammen stand.

Im ganzen Kreise nannte man die Familie Lindenhain und Ulmenhorst die Glücklichen oder auch die Guten, und jedem schien's Gewinn, in ihre Mitte eingelassen zu werden. Lange hiessen sie noch so für jeden nicht Vertrauten, als längst schon die Stützen jedes häuslichen Glücks, Liebe und Zutrauen, zu wanken anfingen. Schmerzvoll ist die Erwähnung einer wiederholt bestätigten Erfahrung, dass es unter dem mond nichts Beständiges gibt.

Als der Krieg Albertinen von ihrem Gatten schied, hatte sie, wie wir schon wissen, nur das rosenfarbene schöne erste Jahr der Ehe mit ihm durchlebt. Beide hatten sich nur im schönsten Lichte, im lachendsten Kolorit gesehen, dessen Interesse durch die schwankende Aussicht einer bevorstehenden Trennung durch den Krieg immer neu belebt wurde. Sie kannten im grund einander sehr wenig, und nur in dem Lichte, worin Liebende sich sehen, das heisst: im allerromantischsten. Lindenhain hatte in dem haus gewohnt, worin Albertine mit ihrer kränklichen Mutter, der Frau von Rehtal, Dämmrigs jüngster Schwester, sehr eingezogen lebte. Kaum, dass sie den Aufentalt des schönen Jünglings, den sie nur im Vorbeigehen durch die Jalousien gesehen hatte, in ihrer Nähe ahnte. Er hingegen hatte die umgebende Gegend genau rekognoscirt, und nicht sobald erfahren, dass eine leibhafte Liebesgöttin hier neben dem trübseligen Memento mori einer kranken Mutter trone, so liess er sich bei den Damen melden.

Er wurde sehr goutirt; und um irgend ein Band anzuknüpfen, schlug der junge Officier einen Kommerztractat vor, der eine Auswechselung geistiger Waare betraf, da beide Teile Besitzer guter Biblioteken waren, und überdem Lindenhain alles Neuste, woran die Damen ziemlich arm waren, herbeizuschaffen versprach. Der junge Nachbar frachtete, in Ermangelung der Domestiken, sein Waarenschifflein immer selbst in den Hafen und genoss seines Lohnes in dem schönen Erröten der süssen Albertine, die dem schönen Büchermann die Zufuhr immer selbst abnahm.

Um diese Zeit nahm eben Albertine Stunden in der Zeichen- und Malerkunst bei ihrer Henriette. Da traf es sich immer ganz besonders, dass Lindenhain eben aus irgend einem Kollegium kam, wenn Albertinens Stunde aus war; und da sie in einem haus wohnten, so war nichts natürlicher, als dass sie des Weges zusammen gingen. Albertine sagte das unverholen ihrer Mutter, und die Mutter, die keine Prüde war, lächelte und sagte: "Der Lindenhain wäre mir schon eben recht; dass er auch ein Officier ist!" – "Und warum keinen Officier, Mutter? gibt es, ausser diesem, einen Stand, in welchem der natürliche charakter und eine bestimmte denkart am meisten beibehalten werden kann? Kann der Soldat nicht so frei, so gerade, so kühn verbleiben, als die natur den Mann gemacht hat?"

"Wo haben Sie diese Philosophie her, mein fräulein?" sagte die freundliche Mutter. "Hast du so ernstlich über den Nachbar nachgedacht? Ich leugne dir nicht, dass der Stand in meinen Augen grosse Vorzüge hat; aber sieh nur, wie viel Wittwen macht nicht der böse Krieg! Wie viel Wittwen von lebenden Männern! Denn das, was du sagest, gibt dem 'Ein anderes Städtchen, ein anderes Mädchen' seine volle Kraft.