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Du und musst Du bleiben, und mit uns leben, wie immer. Ich sage Dir, so wenig das den Verliebten eingeht; durch täglichen Gebrauch stumpft sich der Stachel ab, den die Abwesenheit und die, über die Verliebten waltende, Phantasie bis zum Unleidlichen schärft. Ich sage Dir, bleib bei uns! Du bist keines schlechten Streiches fähig und Albertine eben so wenig. Die feine Grenzlinie, welche ihr feiner Sinn zwischen dem Gatten und dem Freunde zieht, wird Dir einleuchten und Dich streng in Deinen grenzen beschränken. Albertinens unverhaltene Äusserung ihrer herzlichen Zuneigung zu Deinem Freunde, wird Dir keinen Augenblick der Verirrung gestatten. Wenn Albertinens lieblicher Reiz Dich entzückt, wirst Du daneben auch ihre kleinen Fehler bemerken; sie ist ein lieber Engel, der bestimmt ist, meinem Leben Glanz zu geben und klarheit; aber sie ist auch ein Weib. Dessen wird Dich der tägliche Umgang belehren. Albert, so wie ich Euch kenne, wäre es Neid, erbärmliche Missgunst, wenn ich das schöne, freundliche verhältnis, darin ihr ohne mich standet, zerreissen sollte. Lerne Dich selbst kennen und schätzen; Du bist nicht der, der in der Flucht seine Sicherheit suchen müsste. Denke Dir meinen Freund so, wie ich ihn mir denke. Unzerreissbar sei der Bund der Freundschaft mit Deinem

Lindenhain."

Albert gab sich nur nach langem Kampfe. Er wollte immer nicht zugeben, dass die Abwesenheit der Liebe günstiger, als das Beieinanderleben sei. Madame Euler sagte, als sie gefragt wurde, lächelnd: so viel sie davon erfahren, glaubte sie, der Hauptmann habe Recht. –

Jetzt machten die Freunde ernstliche Anstalt, über einen haltbaren Lebensplan übereinzukommen; und bald kam Folgendes zu stand.

Ulmenhorst bezog sein Gut; Lindenhain kaufte eins in der Nachbarschaft, und erstand zugleich den Landsitz, welchen der Onkel in seinem Wohlstande besessen hatte, worauf er ihn auch wieder einsetzte. Madame Euler, an die Adelaide sich unzertrennlich gekettet hatte, wohnte mit derselben in einem sehr eleganten Pavillon auf Lindenhains Gute; und Rehtal, der sich von seiner Frau schied, die er wegen des schlechten Streiches mit den untergeschlagenen Briefen, nicht wieder an seiner Seite leiden konnte, so viel Albertine die Strafbare auch entschuldigte und für sie bat, verkaufte sein Gut und wohnte bei Ulmenhorst. Da war denn immer Einer in und durch den Andern glücklich, und nur Laurette säete zuweilen Unkraut unter den Weizen.

Onkel Dämmrig fand den Plan so deliziös, lebte wieder von Neuem auf, und verjüngte sich ganz so an dem reinen Feuer aus Adelaidens Augen, dass er oft in der Freude seines aufgewärmten Herzens sein altes: "Damötas war schon lange Zeit" mit heiserer stimme anstimmte, und sich freute, wenn er es den Damen nach dreierlei Kompositionen, mit altväterischen Manieren verbrämt, vorsingen konnte.

Musik, Mahlerei, worin auch nun Albertine anfing vortrefflich zu werden, ernste Wissenschaft, leichter Scherz, kleine dramatische Übungen, landwirtschaftliches Treiben gaben dem, ohne den Umgang der Musen so einförmig häuslichen Landleben Mannichfaltigkeit und reichen Genuss. Eintracht pflanzte überall die Friedenspalmen hin, und selbst Laurettens Geist schien unter der Milde dieses himmels von seiner Schärfe zu verlieren, obschon dem ungeachtet Onkel sie oft seinen Pfahl im Fleisch und den Klotz an seinen Beinen nannte, und von Herzen wünschte, dass ein von Gott und allen Weibern Verlassener sich doch erbarmen und sie ihm abnehmen möchte. Ob irgend eine Hoffnung dazu für ihn und die arme Hartsinnige grünte, werden wir im folgenden Kapitel erfahren.

Fünf und zwanzigstes Kapitel

"Sagen Sie mir doch, Ulmenhorst, was ist's, dass Sie jetzt so häufig verstimmt scheinen, und oft mitten im frohen Gespräch sich einer eigensinnigen Laune überlassen, die uns Ihre Unterhaltung verkümmert?" fragte Henriette. Albert errötete, legte seine Hand sanft auf ihre Schulter. "Morgen sollen Sie's erfahren, wenn Sie mir helfen wollen?" – "Wenn ich kann, gern!" Und das Gespräch war abgebrochen.

Henriette hatte ganz andere Besorgnisse, und fühlte sich erleichterten Herzens, als sie folgendes Billet gelesen hatte. "Leiser berührt die weibliche Hand wunde Herzen; leihen Sie mir die Ihrige, meine Freundin, eines zurückzudrängen, das sich unaufgefordert zu mir hinneigt. Nie gab ich Lauretten Anlass, mich für Ihren Liebhaber zu halten; nie fühlte ich für diese niedrigste aller Weiber; das wäre sie mir, auch ohne die Nähe ihrer englischen Cousine! Und dennoch macht sie Anstalt, mich mit stürmender Hand zu erobern. Ich verschweige, wie weit sie, aller weiblichen Delikatesse trotzend, sich vergass. Das macht mich bei ihrem Eintritte still, weil ich mich in ihrer Seele schäme. Ihrer Zarteit, meine Freundin, traue ich es zu, dass Sie den verirrten Sinn sanft zurückführen werden. Zu hart wär's mit männlicher, mit meiner Hand. Überdem hat sie sich, meiner leisen Zurechtweisungen nicht achtend, mir nur frecher entgegen geworfen. Ungern würde ich Sie indessen dem Spotte des Onkels und der Verachtung Anderer ausgesetzt sehen. Sie ist ein Weib, Albertinens Verwandte und muss geschont werden. Nach meinem Gefühle darf ein Mann die Fehler nicht strafen, die er veranlasst. Leben Sie wohl! Von Ihnen hofft seine Befreiung

Ihr

Albert von Ulmenhorst."

Henriettens Verlegenheit war gross, nicht geringer Albertinens, als sie folgenden Brief von der verschollenen Tante Elise erhielt. "Bitte, bitte, sei nicht böse, Nichte Albertinchen, wenn ich unter den Wellen seligen Genusses, die