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des weiblichen Umgangs für gebildete Geister. "Die Weiber im Allgemeinen" – sprach sie – "haben eine so erbärmliche kleine Ansicht der Welt, werden so breit über Dinge, die der Gebildetere liegen oder ganz fallen lässt, sind entweder zu gespannt, oder vegetiren in der traurigsten Schlaffheit; wie soll man mit ihnen auskommen?"

Adelaide nahm die Partie ihres Geschlechts, und behauptete, es sei demselben nicht zu verargen, wenn seine Ansicht der Welt und ihrer Verhältnisse nicht die Kraft und Eindringlichkeit des männlichen Blicks habe. "Bedenken Sie doch, Mademoiselle, in welchem Licht uns die Welt erscheinen muss, da unser Geist nur zu den infiniment petits gebildet wird, und wie jedes rechtliche Weib, das seinem Gatten oder seiner Familie nützlich werden will, sich zu den unedelsten Details des Hauswesens verstehen muss. Wer so sehen muss, der wird doch gewiss zuletzt ein moralischer Myops."

Laurette hatte, wie alle dickhäutige und erdfahle Weiber tun, jedes feinere Kolorit im Verdachte des Schminkens; sie liess es sich auf unfeine Art merken, dass sie die Fremde für geschminkt hielt. Adelaide antwortete ganz unbeleidigt: "Und warum nicht, Mademoiselle? Hätte die natur mir von d e r Seite einen Mangel gelassen, würde ich ihm ohne Bedenken nachhelfen, weil ich es für Weibespflicht halte, meine Erscheinung so hübsch als möglich sein zu lassen, und weil ich das Rotauflegen, in so fern es der Gesundheit unschädlich gemacht wird, für nicht sträflicher halte, als jedes andere Mittel, wodurch wir den Sinnen schmeicheln wollen. Erlaubte ich mir aber je eine moralische Schminke, wollte ich mehr scheinen, als sein; ich würde meinen Beschützern nie wieder in die gütigen Augen blicken können. Legen Sie ä u ss e r l i c h immer ein wenig auf, Mademoiselle; es würde Ihnen recht gut kleiden."

Unter dergleichen und andern noch erheiterndern Gesprächen wurde Onkel ganz begeistert, und fing wirklich schon an, der Gesellschaft in entferntere Zimmer nachzuschurren. Adelaide und Ferdinand von Rehtal, Albertinens Bruder, hatten allen neues, rascheres Leben mitgeteilt; nur Albert allein schien nicht ganz zwangfrei. Unbeobachtet war er still und düster, und in seiner Seele schien etwas zu arbeiten, das die Zeit erst daraus loswinden sollte.

Vier und zwanzigstes Kapitel

Lindenhain machte zuerst die Bemerkung, dass es Zeit werde, an einen bestimmten Lebensplan zu denken, und er schlug Albertinen vor: sie wollten mit dem kleinen Kreis der Freunde gemeinschaftlich darüber zu Rate gehen. "Aberwie ist's mir denn? Albert hat sich ja in einigen Tagen nicht sehen lassen; er wird doch nicht krank sein?" Die Weiber begreifen mit ihrem richtigen Takte sehr schnell. Albertine fühlte, dass etwas vor sei, wobei sie einbüssen würden. Sie redete Lindenhain zu, Albert um sein Ausbleiben zu befragen. "Wo steckst du Albert? Stelle dich ein; du sollst der Konferenz beiwohnen, die wir halten wollen, unsern gemeinschaftlichen Lebensplan zu entwerfen; denn dass unser Bleiben nicht hier ist und sein kann, weisst du. Wir wollen fort, Dich aber, der Du uns unentbehrlich bist, nicht zurücklassen. Siehe zu, wie Du das einrichtest. Es hoffet auf Dich und harret Dein

der Deine

Lindenhain"

An Lindenhain!

"O, dass Du so gut bist, dass Albertine so gut ist, dass ihr alle so vortrefflich seid! und ich doch einen Lebensplan entwerfen muss, der mich weit aus Eurem Kreise rückt!

Höre mich an, Lindenhain, zürne mir nicht, und gieb mir Freundesrat! Durch Henrietten weiss ich, dass Albertine Dir alle Folgen Deines vermeinten Todes mitgeteilt hat. Ich lernte sie kennen und hielt sie für ein Mädchen der Familie, bei der sie lebte. Mein los war mit dem ersten Worte, das sie sprach, geworfen. Sie wird Dir's gesagt haben, dass mein Betragen ihr die Geheimnisse meines Herzens auch nicht von fern ahnen liess. Es war nachher, als ich in ihr Deine witwe erkannte, nicht strafbar, sie zu lieben. Strafbar aber wäre es, die Gattin meines Freundes zu lieben; und würde' ich, müsst' ich das nicht, wenn ich mit jedem Tage neue Blüten dieses trefflichen Geistes, dieser herrlichen natur sich vor mir entwickeln sähe. Lindenhain, ich war berechtigt zu hoffen; sie war die Meine, erschienst Du nicht. Fühlst Du die Glut, zu der diese Hoffnung meine Liebe anfachte? Freilich habe ich sie tief in mein innerstes Herz zurückgedrängt; aber wird sie in jeder Minute sich nicht vordrängen wollen? Soll ich den Kampf in jeder Minute neu beginnen müssen? Werde ich in jedem Augenblick, indess so viel Liebenswürdigkeit vor mir her waltet, die Kraft haben, meine Gefühle mit Erfolg zu bekämpfen? Ich kenne mich selbst nicht genug; ich weiss nicht, was noch aus mir werden kann, darum lass mich Euch fliehen, wenigstens auf einige Jahre, weil ich Eurer achtung noch wert bin, während es noch in meiner Gewalt steht; im kurzen würde es vielleicht nicht mehr. Wer aufhören könnte, Albertinen zu lieben, hat nie die Liebe gekannt. Gehab Dich wohl!

Dein

Albert."

"An Albert!"

"Sei nicht wunderlich, du Guter! Ich weiss a l l e s ; und eben, weil ich alles weiss, musst Du, sollst Du bleiben. Ich kenne Dich und kenne Albertinen; und eben weil ich Euch Beide kenne, sollst