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ihm das geheimnis der ausgebliebenen Briefe abzufragen; denn sie hatte einen dunklen Argwohn gefasst, Adelaide könne sie unterschlagen haben. Ungern gestand ihr Louis, ihre eigene Schwägerin, ihres Bruders Frau, habe das Falsum begangen, sie los zu werden und sie mit ihrem Bruder zu entzweien. Sie hatte gehofft, Albertine werde als eine unabhängige witwe recht viel dumme Streiche machen und in Not und Verwirrung geraten. Die Briefe waren jederzeit unter der brüderlichen Addresse gekommen; da hatte Frau Louise stets schlau gewusst, sie auf die Seite zu bringen, indem sie das Briefgeschäft in der nächsten Stadt durch ihre Boten besorgen liess; und was vermag nicht ein listiges Weib, das seines Gatten unumschränktes Vertrauen usurpirt! eines Gatten, dessen Seele, rein von Betrug, am wenigsten die Schlange ahnet, die er an seinem Herzen erwärmt.

drei und zwanzigstes Kapitel

Die durchwachte und durchphantasierte Nacht gab unserer Freundin ein etwas kränkliches Ansehen, welches ihren Gatten um so mehr in Verlegenheit setzte, da der guten Albertine wahrscheinlich heute ein kampfvoller Tag, Adelaidens Ankunft, bevorstand. Albertine gestand, dass ihr Herz, sie wisse nicht bestimmt, weshalb, heute unruhiger, als noch sonst je klopfe. "Ist sie sehr schön?" fragte sie beim Frühstück, nachdem sie eine Zeit lang in Gedanken gesessen hatte. – "Mehr, als schön; sie ist hübsch!" sagte Lindenhain. "Die Schönheit, in so fern sie auf Regeln beruht, ist oft kalt. Hübsche Weiber gefallen immer. Du, meine Albertine, bist schön nach allen Erfordernissen der Kunst, und zugleich auch hübsch, durch den Geist, der so annehmlich aus jedem deiner von ihm belebten Züge spricht." – Albertine seufzte, ohne zu antworten, lächelte ihm du bout des Levres zu, und sprang bei jedem schwer daher rollenden Wagen ans fester. Louis bemerkte diese innere Unruhe der Geliebten nicht ohne Bekümmerniss.

Was oft in Fällen der Art begegnet, geschah auch hier. Albertine hatte nach ängstlichem Lauschen und Harren und immer gespannter Aufmerksamkeit nach aussen hin, den rechten Augenblick doch versäumt. Die tür ihres Zimmers ging rasch und weit auf; und plötzlich herein traten der Bruder und seine schöne Begleiterin; und dahin war Albertinens Fassung!

Die Wahrheit zu sagen, war in diesem seltsam entscheidenden Momente selbst Lindenhains festes männliches Herz nicht ganz in seinem Gleichgewichte. Wäre Albertine nicht so ganz mit sich selbst beschäftigt gewesen, würde ihr das Schwankende und Ungewisse in ihres Gatten Benehmen nicht entgangen sein; die ganze Scene bekam dadurch einen Anstrich von Steifheit und Zwang, welcher der Unbefangensten unter allen, Adelaiden, schmerzlich auffiel; ihre schönen Augen füllten sich mit Tränen; sie reichte ihrem Freunde die Hand und sagte mit unwiderstehlichem Ausdruck: "O mein Gott! ich bin hier nicht willkommen! Albertine nimmt mich nicht auf!"

Albertinens vortreffliches Herz fühlte sich schnell in die Lage des verlassenen Mädchens hinein, deren Tränen bis in ihr weiches Gemüt lebendig eindrangen. Mit unverkennbarer Gutmütigkeit drückte sie Adelaiden an ihre Brust und hiess sie von Herzen willkommen. "Die freudige Überraschung macht Ihren Freund stumm!" sagte sie, und zog Lindenhain zur Umarmung herbei. Er hatte sich indess gefasst, umarmte Adelaiden mit brüderlicher Herzlichkeit, und segnete sein Geschick, dass diese wirklich e r s t e Umarmung des schönen Mädchens in Gegenwart und auf Geheiss seiner Gattin geschah.

Adelaide war keine der gemeinen Französischen Schönheiten, die dem sinnlichen Mann durch dreisten blick und ein impertinentes Näschen gefallen. Sie hatte bei sehr sprechenden schönen Augen regelmässige Züge, eine schöne Farbe, schöne Zähne, eine gefallende Mittelgestalt, die, wenn nicht engelschön, doch höchst elegant und graziös war. Albertine hatte das alles im ersten Augenblick weg, und kam sich bei der Vergleichung, die sie in der Geschwindigkeit anstellte, ganz bescheidentlich wie gar nichts, wie ein kleines Landputchen vor. Adelaide fühlte den untersuchenden blick Albertinens mit einiger Verlegenheit, und ihn von sich abzuwenden, reichte sie ihr die Hand, und fragte: "Sie weisen mich also nicht von sich, schöne Frau? Sie wollen meine Beschützerin sein?"

Lindenhain hatte, weiss Gott, warum, gar keinen Mut, sich in das Gespräch mit einzulassen; er sass zerstreut da, und als Albertine mit der Antwort zu zögern schien, trat eilig der Bruder dazwischen, und gab in seiner Schwester Seele die bindendsten Zusicherungen, welchen Albertine gleich, ohne Zwang und unbedingt zustimmte.

Aber keiner fand die neue Hausgenossin so sehr nach seinem Geschmack, als Onkel Dämmrig. Er suchte in der Eile den ganzen Vorrat seines veralterten Französischen zusammen, sich in den galantesten Floskeln du bon vieux tems mit ihr zu unterhalten, wobei er die Nasentöne recht nationell zu accentuiren, nicht vergass. Es war eine Freude zu sehen, wie jung er wurde, wie er die Ohren spitzte und sich zusammen nahm.

Adelaide war die Höflichkeit und gefälligkeit selbst; sie lieh sich allem und allen. Nur in Lauretten schien ihr sonst so biegsamer Sinn nicht eingehen zu können. Laurette gab ihr zweideutige Seitenblicke und an Seitenhieben liess sie es auch nicht fehlen. Durch sie wurde die Konversation genirt, weil sie durchaus ihr fehlerhaftes Französisch unter dem Vorwand nicht wollte hören lassen, dass sie, eine Deutsche, es lächerlich finde, mitten in Deutschland Französisch zu sprechen; es sei höflicher, wenn die fremd angekommenen sich bequemten. Adelaide tat's mit leichter Art, und lachte dann selbst über ihr gebrochnes Deutsch.

Laurette beschwerte sich über die Unzulänglichkeit