Bescheid: der Arm mache nicht allein den Feind gefährlich; der Kopf wär's. Er wusste wohl nicht, dass die Unsrigen erst zur öffentlichen Wirksamkeit gelangen, wenn sie schon wieder ergrauen."
"Auf einem ziemlich anständigen Fuhrwerke traten wir unsere Reise nach der Gegend von Toulouse an."
"Und Ihr Abschied von Adelaiden?" unterbrach ihn hier der Onkel. "Ich bin ganz verliebt in das allerliebste Mädchen."
"War herzlich und meiner Seits von Dankbarkeit überfliessend. Wie hätte ich anders gekonnt?" – fuhr Lindenhain fort. "Noch aus Bouquenon schrieb ich einen langen, umständlichen Brief an dich, meine Albertine, dem ich die kleine Summe beifügte, die mir, wie durch ein Wunder, erhalten war. Da ich in die Todtenlisten des Regiments eingetragen war, so darf ich mich nicht wundern, wenn Ihr, meine Teuren, weiter keine Schritte tatet, etwas von mir zu erfahren."
"Adelaide hatte sich viele Tage emsig mit meiner Reiseanstalt beschäftigt. Wie hatte das edle Mädchen für Alles gesorgt! Was die sorgsamste Aufmerksamkeit auf alle kleine Bedürfnisse nur ersinnen kann, fand ich hier bei einander. In einer kleinen bonbonniere fand ich zwanzig Louisd'or und diesen Ring von ihrem Haar, mit dem Zettelchen: pour la charmante Albertine! – Hier, meine Albertine, ist er; trag' ihn diesem würdigen Mädchen zum Andenken!"
Alle machten jetzt grosse Augen, als Lindenhain den Ring hervorzog und ihn der sich halb weigernden Albertine an das Fingerchen schob. "Das ist ein stark Stück, das!" sagte Onkel, die hände reibend. Albertine, auf die aller Augen teils boshaft neugierig, teils mitleidig teilnehmend gerichtet waren, sprang auf, umarmte ihren Gatten weinend, und sagte unter Schluchzen: "Dein edles Zutrauen, mein Louis, reisst mich hin; du erhebst mich über mich selbst! Wie ehrst du mich! Vergieb den Kampf in meinem inneren! Ich habe gesiegt; ja, ich hoffe, ich habe gesiegt!"
Kein Auge blieb trocken. Selbst Lauretten entwischte ein unwillkürliches: "recht brav!" Doch wollte Ulmenhorst das Wort Drama nachtönen gehört haben.
"Trage diesen Ring zum Zeichen dieser Stunde, meine gute, edle Albertine! Mein Glaube an dich hat mich nicht getäuscht. – Doch, ich eile zum Schluss meiner Erzäh lung!"
"Mein neuer Aufentalt war an sich viel reizender und gab meinen Beobachtungen reichen Stoff. Doch fehlte mir ein verwandtes Herz; wenn ich es mit einem Worte sagen soll, eine Deutsche natur, nach der ich mich nun schon mit aller Kraft sehnte. Der geringste unserer Landsleute interessirte mich deshalb innigst; ich habe Denkarten unter ihnen getroffen, die den gebildetsten Ständen Ehre machen würden; auch bemerkte ich mit Vergnügen, dass ihre Gradheit, ihre ehrliche Treuherzigkeit, ihr Fleiss von den Landesbewohnern auszeichnend bemerkt wurden.
Einst kam ich von einem Spaziergange zu haus; da hiess es: ein junger, schöner Knabe habe nach mir gefragt; er sei, um meiner zu warten, in die nahe Kirche eingetreten. Wer konnte hier nach mir fragen! Nach einer halben Stunde erschien wirklich ein sauber gekleideter Knabe in Bediententracht, in dem ich, beim ersten Anklang seiner Sprache, Adelaiden erkannte."
"Nun, nun, den Braten merkt' ich!" sprach der Onkel. Alle andere schwiegen betroffen.
"Um Gotteswillen!" rief das Mädchen, "denken Sie nicht unrecht von mir! Stossen Sie mich nicht aus! Ich bin eine Waise, bin emigrirt, und würde hülflos ohne ihren Schutz umher irren müssen!" – Ich stand versteinert, und auf Ehre kann ich bezeugen, dass ich nichts weniger, als erfreut war. Sie bemerkte es, und erzählte mir schnell, dass bald nach meiner Abreise ihr armer Vater angeklagt, in's gefängnis geschleppt und schnell guillotinirt worden sei, weil er durch seine Teilnahme an den Preussen verdächtig geworden wär. Ihr habe ein ähnliches Schicksal gedroht; sie habe sich daher diese Kleidung zu verschaffen gewusst und sei mit einer Dame hierher gekommen. Jetzt wolle sie mein Bedienter sein; sie habe von einer Auswechselung der Gefangenen gehört; sie müsse nun doch fort und wolle bei mir und Albertinen leben."
"Sie ist dir ganz nahe, Albertine! Wirst du sie, willst du sie aufnehmen? Dein Bruder, der Treffliche, der mich aufzusuchen reisete, führt sie dir zu!"
"Erstehen wir das grosse Himmelbette des Grafen von Gleichen," sagte der Onkel lachend. "Das gibt eben so eine geschichte. Auf meine Ehre!"
Albertinens Gemüt hatte sich aber nun einmal einen Schwung gegeben; sie blieb sich gleich und sagte edelmütig: sie solle ihr willkommen sein! Doch schien ihr der Ausweg nicht missfällig, als ihre kluge Freundin Euler sagte: dass die Vorsehung wohl vielleicht ihrer Einsamkeit eine Gefährtin in Adelaiden bestimmt habe. – Alle, auch Lindenhain, stimmte diesem Gedanken von Herzen bei, ausser Laurette, die sich höhnisch lächelnd auf die Lippen biss.
Jede Erwartung führt etwas Bängliches mit sich. Es ist Albertinen nicht zu verdenken, wenn sie diese Nacht wenig schlief und sich ihrer nur zu geschäftigen Phantasie überliess. Doch konnte sie weder in ihres Gatten, noch in des wackern französischen Mädchens Betragen etwas Sträfliches ergrübeln; und da sie denn nichts eingebüsst zu haben hoffte, erschien sie sich in ihrer eigenen Grösse um so wohlgefälliger.
Ganz frühe schon weckte sie ihren Louis,