. Und nie hätte ich der französischen Lebhaftigkeit so viel Ausdauer zugetraut, als dieses treffliche Mädchen hier bewiess. Sie bestand jede probe. Nächte hindurch liess sie mein krankes Haupt an ihrer Brust ruhen, ohne sich in den beschwerlichsten Stellungen auch nur zu rühren. Ihre sanfte Hand kühlte meine brennende Schläfe; sie verband mit der herzlichsten Sorgsamkeit meine Kopfwunde, die sich unter ihrer Aufsicht sehr gut anliess, wie der Vater wohlgefällig bemerkte. Ich weiss, Albertine, du kannst nicht böse werden, dass ich diesem guten Mädchen von Herzen dankbar war, und aufrichtiges Wohlwollen für sie empfand."
"O nein, ich bin es ja auch nicht!" sagte Albertine etwas kalt. Doch schwankte ihr Ton. Laurette lachte ihr unverwandt in's Gesicht. Der Onkel schnitt Gesichter nach seiner Weise, die spasshaft sein sollten.
"Als mein Zustand erträglicher wurde, brachte
Adelaide ihre Harfe in mein Zimmer. Sie durchschwebte die saiten so leise und lieblich, dass die Melodie äterisch dahin lispelte, wie von einer Aeolsharfe. Ihr Gesang war rein und kunstlos."
"Sobald ich aufrecht sitzen konnte, verlangte ich
Schreibmaterialien, um dir, meine Albertine, Nachricht von deinem armen Invaliden zu geben. Adelaide brachte sie mir, mit einem so trüben Gesichtchen, als ich bei ihr noch nicht gesehen hatte. Hier, meine Albertine, wird deine ganze Grossmut aufgefordert werden; ich schrieb, ich schrieb oft, und meine Briefe sind nicht zu dir gekommen. Das geheimnis wird sich entüllen."
Albertine antwortete wenig und unverständlich. Sie
machte sich mit dem Tee, den eben der Bediente gebracht hatte, zu schaffen. Es war sichtbar, dass sie litte.
"So wie meine Genesung fortrückte" – fuhr Lin
denhain fort – "vermied Adelaide ganz unaffectirt, allein in meinem Zimmer zu bleiben. Eine ältliche Gouvernante, die mit ihr dem Hauswesen vorstand, war immer zugegen. Adelaide las uns vor, oder spielte und sang, oder beschäftigte sich mit irgend einer Handarbeit. Sie war immer gleich freundlich und sorgsam; doch hatte sie offenbar etwas auf dem Herzen, das bei ihrer sonstigen Offenheit sie drückte. Einst, als sie mir den Tee reichte, blieb sie wie zerstreut in meiner Nähe stehen und spielte mit einem Stückchen Papier, welches sie absichtslos in den Fingern zu rollen schien. Als sie mich verliess, sank das Papier aus ihrer Hand auf meinen Tisch und sie entfernte sich, merklich errötend. Es war beschrieben. Meine Neugier wurde rege. Ich las. Es entielt folgende Worte: 'Ich habe von einem Ihrer Landsleute gehört, dass Sie verheiratet sind. Ist das wahr? Adelaide.'"
(Albertine, die bis jetzt wieder emsig strickte, stand auf, dem Onkel etwas zu reichen, so dass sie der Gesellschaft den rücken zuwandte.)
"Adelaide kam diesen Tag erst zur Abendsuppe mit ihrem Vater und der Gouvernante in's Zimmer. Sie war verlegen, und wich meiner Nähe wie meinem Gespräch aus. Ich hatte sehr bald Anlass Adelaidens Frage zu beantworten, indem der Vater von dem Glücke sprach, das er an der Seite seiner verstorbenen Gattin genossen hatte. Da nannte ich dich, meine Albertine, und ein Strom des reinsten Gefühls deines Wertes, meine Liebe, ergoss sich von meinen Lippen."
(Albertine umarmte hier Lindenhain; doch schien es mehr Ehrenhalber, als aus dem Herzen zu sein. Laurette fragte gespannt: "Nun? Und I h r e Adelaide?")
"Adelaide schien von der Wärme meiner Schilderung ergriffen. Sie lächelte und wechselte die Farbe; bei den rührenden Situationen flossen ihre schönen Augen über. Sie wünschte sich deine Freundschaft, meine Albertine!"
("Hm! Ich möchte sie wohl kennen!" sagte Albertine nachlässig.)
"Sie ist deiner Freundschaft wert, Albertine! Sie erhielt dir deinen Gatten; ihre Pflege und Aufsicht hat alles getan."
"Meinen Gatten erhielt sie mir; aber auch sein Herz?" Es musste heraus. Albertine hielt sich nicht länger. Sie brach in Tränen aus, die sie gern verborgen und dem Hohne der Cousine nicht ausgesetzt hätte. Alle waren verlegen, und Lindenhain sagte schmerzlich: "ich darf nicht fortfahren, Albertine, wenn schon dies dich so erschüttert. Was ich noch zu sagen habe, setzt mich dann in die äusserste Verlegenheit!"
("Sieh nicht auf mich; ich bin ein albernes Ding. Es wird sich geben. Zeige mir deine achtung durch Wahrhaftigkeit!")
"Nach diesem gespräche fand ich Adelaidens Benehmen offner, herzlicher, zutraulicher, und fast möchte' ich's schwesterlich nennen. Sie sprach viel von meinem vaterland, von meiner Albertine, von dem Kummer unserer Trennung. Sie beschäftigte sich oft so unbefangen um mich her, als ob ich gar nicht zugegen gewesen wäre. Doch sah ich sie im Ganzen seltener, da ich schon im stand war, selbst wieder für meine Unterhaltung zu sorgen. Ich vermisste ihre Gesellschaft; denn die unschuldsvolle, sich selbst unbewusste Seele des Mädchens war mir sehr wert geworden."
"Es war mir gar nicht gleichgültig, als wir von unsern Wunden hergestellte Gefangene tiefer in Frankreich hinein geschafft wurden. So sehr sonst meine Wünsche mich in's südliche Frankreich versetzt hatten, so ungern ging ich jetzt dahin ab. Dem commissair ordonateur stellte ich vor, dass meine Dienstunfähigkeit mich nicht länger zum Kriegsgefangenen qualifizire; er gab mir aber den vielleicht schmeichelhaft sein sollenden