– "erzählen Sie doch vom Kriege; ich höre für mein Leben gern davon. Ich war schon ein grosser Bengel, als Mama, selige, immer noch dafür hielt, ich werde wohl dem Kalbfelle folgen. Erstlich: weil ich so eine Art von einem kleinen Taugenichts war; und dann: weil ich als ein beinahe grosser Mensch noch immer mit bleiernen Soldaten spielte, mir Festungen von Marzipan baute und sie dann mit stürmender Hand einnahm. Ich gedenke immer noch eines tausend Spasses" – Albertine fiel schlau genug ein, als sie den Onkel Anstalt machen hörte, eine schon hundertmal erzählte Kinderei wieder aufzuwärmen. "Lieber Onkel, der Arzt befiehlt, Sie sollen sich durchaus schonen!" Denn Albertinens Herz klopfte hoch vor ängstlicher Erwartung, was Louis zu erzählen habe, und darum mochte sie den Alten, den sie sonst mit der grössten gefälligkeit radotiren liess, diesmal nicht anhören.
"Meine Kriegstaten" – begann Lindenhain – "wenn der Diensteifer der Subalternen je diesen Namen verdient, haben hiermit, (auf seinen abgenommenen Arm deutend,) ihr Ende erreicht. Aber leicht wurde es mir nicht, dieses Ehrenzeichen zu verdienen. Der merkwürdige Tag, an welchem ich zum einhändigen Bettler wurde, verdient eine Schilderung, die ich meinem beschränkten Talent nicht zutrauen darf."
Laurette fasste das Wort B e t t l e r auf, und brachte auf ihre Weise zur Erörterung, was so lange zu erwähnen, von allen Seiten vermieden wurde; nämlich den Verlust von Albertinens Vermögen. "Wussten Sie das damals schon?" fragte sie schneidend. – "Nein," sagte Lindenhain, halb scherzend, "es gab da keine Lauretten. Wenn diese Vorstellung aber irgend einem guten Gemüte kränkend ist, dann kann ich die tröstende Nachricht geben, dass das Schicksal mir und meiner Albertine mehr als zehnfachen Ersatz in der Erbschaft meiner alten Tante, der Gräfin Bodenheim, deren Universalerbe ich bin, gegeben hat."
Alle stürmten nun glückwünschend auf ihn ein. Ulmenhorst sagte herzlich und anspruchslos: "Auch ohne diese Erbschaft warest du noch reich; du hattest Albertinen und deinen Albert, der für euch alle reich genug ist." – Laurette konnte nicht aufhören, Albertinens unerhörtes Glück zu preisen; und ganz leise, doch so, dass Albertine es deutlich vernehmen musste, setzte sie noch den Gellertschen Spruch hinzu: "Für Gürgen ist mir gar nicht bange, der kommt gewiss durch seine Dummheit fort."
Jetzt ersuchten alle, Lindenhain möchte ihnen die Art seiner Gefangennehmung erzählen. Und Lindenhain begann:
"Sie werden sich erinnern, dass unsre vortrefflichen Truppen, und mit ihnen das Regiment, zu welchem ich gehörte, sich durch Mühseligkeiten vielfacher Art und die äussersten Anstrengungen um ruhige Winterquartiere wohl verdient gemacht hatten. Indess war eine schwere Winterkampagne vorauszusehen. Die rauhe Witterung, gegen welche uns weder Zelte noch Hütten mehr Schutz gaben, und die ernstlicheren Anstalten der Feinde zum Angriff, machten die Lage unserer Armee immer bedenklicher, und unsern Wunsch, uns durch irgend etwas Entscheidendes herauszureissen, immer heisser. Nie hatten bejahrte Krieger mehr guten Willen und mehr wahren Heldensinn gesehen, als da ein Detaschement von 1600 Mann aus verschiedenen Bataillons ausgehoben wurde und Befehl erhielt, sich bei Nusweiler zu versammeln."
"Friedrichs und des edlen Braunschweigers Geist ruhete auf der auserlesenen Schaar, die von ihrer Bestimmung nichts wusste, so wie auf den Zurückbleibenden, die sich laut darüber beklagten, dass sie ihre tapfern Kameraden den Weg zur Ehre allein antreten sähen."
"Ohne an's Sentimentale zu streifen, darf ich sagen, dass die ganze Scene sich ganz zum RomantischSchauerlichen eignete. Voll des entschlossensten Heldenmutes, der sich nicht in rohe, wilde Flüche, sondern in ruhigen Vorsatz, das Äusserste zu tun, ausliess, schritt mit kühnen, wiederhallenden Tritten die edle Schaar vorwärts. Das soldatisch-freundliche Lebewohl des Bruders oder Vetters, das ihnen die Zurückbleibenden nachriefen, hatte ihren Mut mehr angefeuert, als erweicht. Es sollte ein schwerer Kampf mit dem eisernen Schicksale beginnen. Jeder ahnete es; keiner wusste bestimmt, was ihrer harrte. Es war eine feierliche Nacht, in der der Todes-Engel eine reiche Erndte hielt. Sie war herbstischkalt. Leichte Wolken streiften über dem aufgeklärten Himmel, und machten, dass der Mond den Kriegeszug nur dämmernd beleuchtete, und d i e weisse Binde, die jeder der Unsrigen am arme trug, sichtbar werden liess."
"In feierlicher, furchtbarer Stille näherten sich unsere Detaschements der Bergfestung Bitsch, umgingen sie, und kamen auf der Strassburger Strasse, eben um Mitternacht, bei dem bedeckten Gange an. Unbesorgt pfiff sich die Schildwache an den ersten Pallisaden ihr: ça ira, und schien nicht an die Möglichkeit eines feindlichen Besuchs zu denken. Man hörte unten ihr gewöhnliches: sentinelle, prennez garde à Vous! und beides diente zur Richtschnur."
"In schauerlichem Schweigen kletterte nun die Kolonne den Berg hinan. Die Schildwache gewahrte den Feind erst, als er nur noch zwanzig Schritte von ihr entfernt war, und rief zweimal ihr: qui vit? worauf sie die Antwort: republique francaise! erhielt. Als sie ihren Irrtum einsah, warf sie das Gewehr hin und lief davon. Wir überstiegen die Pallisaden und eilten dem bedeckten Gange zu."
"Jetzt wurde in der Stadt Lärmen, nachdem zwei Posten Feuer gegeben hatten. Ein schrecklicher Tumult verbreitete sich; allentalben erscholl: aux armes! aux armes! de ce coté, citoyens!