1804_Unger_100_4.txt

ein Ende machte.

nachher bemerkte Madame Rosamund, die den Einfall mit dem Drama und dem Intermezzo sehr übel empfunden hatte, mon cher werde besser tun, sich auf sein Zimmer zu begeben, als die Unterhaltung so ungeziemend zu unterbrechen. Mon cher, der je und je seinen Witz in platten Ausfällen gegen die Ehe und den Hausstand ergossen hatte, war gut genug erzogen, dem Winke einer gebietenden Maitresse sogleich zu gehorchen. Er rief einen Bedienten, der ihn wegführte, indess er noch immer beteuerte, dieser Auftritt sei die artigste kleine Falschheit, die drolligste Plaisanterie, die ihm je vorgekommen sei.

Mit allerliebst freundlichem Gesicht folgte Albertine ihrem Onkel und trug ihm Tabatiere und Arzneiglas nach.

"Dem kind wird die Zeit unter uns lang," sagte Wassermann, Albertinen bedeutend nachwinkend, den andern Weibern die Cour zu machen. – Im Herzen hielt er Albertinen weder für ein Kind, noch seiner Bemerkung unwert. – "Es ist natürlich," entgegnete Rosamunde. "Wo soll sie's herhaben? Das ist vom land und kennt nur seinen Gellert und seinen Haushaltcalender." "Um Verzeihung, liebes Tantchen," gellte Laurette dazwischen, die, um sichs recht wohl sein zu lassen, vor Rosamunden kroch, und sie Tante nennte; – "um Verzeihung, sie hat wirklich auch die schöne Genoveva und den Kaiser Octavian gelesen; ja wahrhaftig das hat sie." "Lassen sie mir das gute Kind mit Frieden," sagte Elisa gutmütig; "es liegt recht viel in ihr und sie betreibt sehr ernste Studien mit ihrer Madame Euler."

Albert hatte in diesem Augenblick die Tante recht lieb, um des Guten willen, das sie von Albertinen sagte; er hoffte jetzt mehr von ihr zu erfahren, aber das Gespräch wendete sich, als von einem zu gehaltlosen Gegenstand, wieder von ihr ab und auf literarische Erörterungen, die, weil sie alle von einem Schlage waren, unserm Albert so wenig zusagten, dass er sich empfehlen wollte. Das gaben aber die Damen schlechterdings nicht zu, und die Wahrheit zu sagen, liess er sich auch recht gern erbitten. Albertine war ihm in den flüchtigen Augenblicken seiner Bekanntschaft mit ihr sehr wert geworden. Die Feinheit und Grazie ihres Benehmens war ihm nicht entgangen; er wünschte von ihren Verhältnissen zu diesem seltsamen Geschlechte mehr zu erfahren; sie schien ihm keinem unter allen diesen durch Liebe anzugehören, und die natürlichen Bande ziehen nicht stark genug, entgegenstrebende Naturen einander näher zu bringen.

Die stürmische Szene mit Antonien hatte alle Fäden der Unterhaltung zerrissen; es war nicht möglich, für diesen Abend zu einem erträglichen Ton zu gelangen, und Wassermann raffte hastig und unter mürrischen Äusserungen seine Hefte zusammen. Die Damen waren untröstlich über den Misston, der die reine Harmonie der Gesellschaft gestört hatte, und hofften in künftiger Session alles wieder in Einklang zu bringen. Und dann waren sie doch auch wieder so hoch erfreut, dass ihr Kranz durch eine so hoch und hehr blühende Blume, an deren Wohlgeruch sie sich künftig noch erquicken würden, erweitert sei; nämlich sie freuten sich, dass Albert ein Genosse würde; doch machten sie es zur Bedingung, dass Albert in den nächsten Sitzungen etwas von seinen geistigen Erzeugnissen vorlesen müsse.

"O ja, tun Sie's ja," fügte Wassermann hinzu: "vermutlich haben Sie sich auf Ihren Reisen nach grossen Mustern gebildet, und in dem, was der Mensch, der ein Ganzes ist, producirt, spricht er sich ganz aus." Diese Rede begleitete er mit einer unerträglich hämischen Pantomime und einem lachen, das nicht beleidigender sein konnte.

"Ich werde I h n e n etwas vorlesen, wenn die Damen es mir vergönnen wollen; übrigens danken Sie es diesen, wenn ich Ton und Geberde bei ihren Reden ungerügt lasse und d i e s m a l mit dem geziemenden Stillschweigen verachte."

Elise, die süsse Seele, warf sich mit einem "Bitte, Bitte, Herr von Ulmenhorst," dazwischen, legte ihren Arm in seinen, die andern folgten und sie schlenderten friedlich zum Speisesaal hin.

Herr Dämmrig sass schon an der obern Ecke des Tisches, sein restaurirendes Kraftsüppchen geniessend. Albertine war im Gespräch mit einer Dame begriffen, die Albert vorher noch nicht gesehen hatte, deren geist- und gütevoller Ausdruck auf einem nicht mehr ganz jungen Gesicht, in dem alles sprach, was reichlichen Ersatz für verblühte Jugend gibt, ihn aber unbeschreiblich anzog. An der liebevollen Hinneigung zu Albertinen begriff er, dass es die Madame Euler sein müsse, mit der die junge Schöne sich im Stillen so ernstaft beschäftigen sollte.

Bei Tische war die Unterhaltung allgemein. Albertinen in ein b e s o n d e r e s Gespräch zu ziehen, gelang Alberten diesen Abend weiter nicht, und so rückte die Stunde des Aufbruchs herbei, ohne dass er erfuhr, ob Albertine ihn genug auszeichne, um sein wiederkommen zu wünschen. Denn als die Hauptacteurs des literarischen Klubs ihn zur nächsten Session einluden, gab sie durchaus kein Zeichen von Teilnahme; doch dünkte ihm, in ihrem lieblichen Gesicht sei ein holdes zustimmendes Lächeln aufgegangen, als der Onkel ihm treuherzig sogte: "ja kommen Sie, ich bitte, recht bald; da wollen wir den Andern einen Schmauss von unsern Reiseabenteuern auftischen. Ich bin weit gewesen, mein Herr von Ulmenhorst, und habe viel, viel gelebt. Ecce signum," indem er mit gellendem Gelächter auf sein verfallenes Postament hinwiess.

Albert