zugeeilt. Ihre Zofe hatte für diesen Fall längst ihre Anweisungen. Auf den verabredeten Wink hatte sie sich eilig mit den Kostbarkeiten ihrer Gebieterin auf den Weg gemacht; in der Geschwindigkeit verfehlte sie aber des rechten, woran freilich Monsieur George, Weissensee's Kammerdiener, Schuld sein mochte, der, als ein Fremder, die rechten Wege nicht alle in dem Kopf haben konnte. Die herrschaft ging durch Sachsen nach Frankfurt am Main zur Messe, und die Dienerschaft kam auf dem allernächsten Wege in Hamburg wohlbehalten an, wo Minette lange untröstlich weinte; denn Monsieur George war mit Wechseln und Juwelen gleich in den ersten Tagen verschwunden.
In Laurettens natur lag etwas, wodurch sie sich unwiderstehlich angereizt fühlte, Hiobsposten zu überbringen; auch diese brachte sie dem Onkel ohne alle Schonung, im dürren Tone eines Gerichtsdieners, der sein Amt tut. Der arme Mann entfärbte sich, sank zurück, und als er in sein Zimmer geschafft war, fand sich's, dass er vom Schlage gerührt war. Doch hielt der Arzt den Zufall für diesen Augenblick nicht tödtlich.
Indess Albertine mit der herzlichsten Gutmütigkeit um ihren Verwandten bemüht war, und sich kaum abmüssigte, zuweilen ihr niedliches Amorköpfchen in die tür herein zu stecken, ihrem Louis zu zuwinken oder ihm einen Kuss zu zuwerfen, war Laurette ihrer Seits bemüht, die Freuden des Wiedersehens zwischen den beiden zu verbittern. Sie gab Lindenhain mancherlei Winke über Albertinens Aufführung und ihre Verhältnisse zu den Männern ihrer Bekanntschaft; aber nie gab es eine untreuere Übersetzung, nie ein boshafteres Unterschlagen des Textes, als in dieser höllischen Erzählung, der Lindenhain ganz ruhig zuhörte.
Als sie geendigt war, entgegnete er sehr kalt: "Ihr Gemälde hat viel Schatten, Cousine! Indess habe ich es von Ihrer Hand so erwartet. Mein Weib, meine engelgute Albertine, hat gleich in den ersten Stunden unserer Wiedervereinigung ihre ganze beichte mit der Offenheit, die keine Zweifel gestattet, bei mir abgelegt, und ich habe sie mit der vollsten Zustimmung meiner Vernunft absolvirt. Gebe Gott, dass sie meiner beichte eben das könne angedeihen lassen!"
"Die ist klug gewesen, wahrhaftig!" tief Laurette, indem ein gallichtes Rot ihre dickhäutige Wange überzog. "Die Dummen haben doch immer eine eigene Schlauheit, ihr Interesse wahrzunehmen!"
Albertine hatte in der Tat aus dem edelsten Antriebe ihres ehrlichen Gemüts ihrem mann jegliches ihrer Verhältnisse erzählt, so ohne alle Selbstschonung, als es bei Menschen möglich ist. Mit der grössten Naivetät schilderte sie ihre aufgeregte Eitelkeit, und den flüchtigen Reiz, den Weissensee dadurch für sie gehabt hatte; sie gestand, dass sie Ulmenhorst allen Männern vorgezogen haben würde, hätte das gütige Schicksal ihr nicht den Gatten wieder zugeführt. – "Aber" – setzte sie strafend hinzu – "warum musste ich eine witwe heissen? Warum gab mein Louis zu, dass ich mich selbst dafür halten musste?"
Lindenhain lauschte mit brennender Wange und tränentrübem Auge der banglichen Erzählung, bei der er oft unwillkürlich seine Stirne rieb. "Ach, Albertine!" rief er endlich, als sie schon einige Zeit schwieg, "Albertine, du bist ein Engel! In diesem haus der Üppigkeit und des Wohllebens hast du die Feuerprobe bestanden. Wohl dir und wohl mir, dass der edle Albert der Mann war! Ach, Albertine, möchte ich dir nicht strafbarer erscheinen, möchten meine Bekenntnisse das Engelsherz nicht von mir wenden! Dir war ich ein Todter; mir lebte meine Albertine; lebte mir in allen ihren Reizen, in der Ausübung teuer verheissner Treue." –
"Was hast du mir zu beichten? Ich fürchte mich, zu hören," sagte Albertine, ihm unruhig in's Auge schauend. "Du wirfst einen Pfeil in meine Seele, der meine Freuden tödtet."
"Du sollst alles hören; ihr alle, der ganze Kreis der Freunde sollt hören; ihr sollt zu Gericht über mich sitzen, und ich will ehrlich sein, wie du es gewesen bist!" –
Zwei und zwanzigstes Kapitel
Viele Tage waren verstrichen, wo die Familie einzig mit der Krankheit des alten Herrn beschäftigt war, der sich nach gerade wieder erholte, die Bübin Rosamunde, wie er sie nun selbst nannte, bei allen Teufeln wünschte, sich seiner Befreiung von dem unleidlichen Joche freute, und den Kreis seiner Freunde, die er nun erst recht unterscheiden lernte, um sein Bette versammelt zu sehen wünschte.
Dass dieses letztere geschah, veranstaltete Lindenhain selbst; denn ihm verlangte nach gerade, sich der Bürde seines Herzens zu entledigen, da die entwicklung so nahe vor der tür sein musste, von der auch wir noch nichts ahnen. Er hatte Ulmenhorst, Madame Euler, Laurette, die nicht übergangen werden durfte, vor des Onkels Bette beschieden, der bald selbst Anlass gab, das Gespräch einzuleiten, indem er sagte, der Herr Neveu sei doch nun schon so lange hier, und man hätte noch nichts von seinen Schicksalen und Kriegestaten erfahren, und wie er von den toten auferstanden sei? – "Es war hohe Zeit, Herr, dass Sie sich wieder einfanden, sonst hätte es mit der jungen witwe leicht eine Hochzeit geben können!" Dies sagte er, lose auf Albert blickend, der dadurch, dass ihn Lindenhain ungestüm an seine Brust drückte, aus einer Verlegenheit kam, um in eine andere überzugehen; denn ganz verstand er Lindenhains Umarmung nicht, da er von Albertinens Geständnisse nichts wusste.
"Ja" – fuhr der Onkel fort