ja in Liebe auf. Komm! Sei wieder mein!" – Albertine blickte einen Augenblick nach ihm hin, und verbarg schnell wieder das Angesicht an der Freundin Busen. "O, der strafende blick! Dieses verruchte Kleid!" (ihr Maskenkleid) lispelte sie Henrietten zu.
"Albertine, bin ich dir denn nun schrecklich? Hat eine neue Liebe dich so ganz hingenommen? Siehe, Albertine, betteln muss ich um deine Liebe, betteln um mein Eigentum. Ein armer, verstümmelter Mensch darf nicht fordern. Siehe hier, wie sie deinen Ludwig zugerichtet haben!" – der rechte Arm war bis an den Ellenbogen abgenommen – "und hier diese zerfleischte Brust! Mag dies ein junges, rasches Weib von mir abwenden; aber so die erste Freude verbittern; o, o, das ist sehr hart!" –
Albertinens Zartgefühl malte ihr ihre Vergehen mit schwärzeren Farben, als sie es verdiente. Wir wissen, dass sie in Alberten nur den edlen Mann, den treuen Freund achtete; und wissen es gewiss, dass nur ein Wohlgefallen an der Unterhaltung des Weissensee und eine Auszeichnung desselben vor den andern Männern, die sie sah, alles war, was sie sich vorzuwerfen hatte. Und sie hat es feierlich beteuert, dass sie keinen Mann auf Erden dem l e b e n d e n Lindenhain je vorgezogen haben würde; wie sie sein Andenken auch heilig in der Tiefe ihrer Brust ehrte und wert hielt.
Als Albertine Lindenhains Wunden sah, als sie vernahm, wie er sich einen Krüppel nannte, hielt sich ihr Herz nicht länger. Der Verdacht, sie verlasse ihn deshalb, war ihr unerträglich. Ehe er die Worte noch ganz vollendet hatte, lag sie in seinen Armen. Ihr Herz ergoss sich nun in vollen, segnenden Strömen; in der vollständigen Erweichung, in der sie war, würde sie sich aller Arten von Vergehen, allenfalls auch Verbrechen, wie unsere Kirchenagenden uns so treuherzig zu tun zwingen, schuldig bekannt haben, hätte die vorsichtigere Henriette nicht den Strom gehemmt, indem s i e , die alte Freundin, sich auch von Lindenhain bemerken liess.
Jetzt, da die ersten tumultuarischen Bewegungen der von beiden Teilen gereizten Empfindsamkeit sich legten und der gang des Gesprächs ruhiger daher floss, wurde auch Lindenhain aufgefordert, von seinem Benehmen Rechenschaft zu geben; und Ulmenhorst warf es ihm vor, dass alles, was er vielleicht missbilligen zu müssen glauben könne, nur durch sein störriges Schweigen, wodurch er die Nachricht von seinem tod bestätigt habe, veranlasst sei. Lindenhain gab ihm Recht, und sagte: "Nur diese Liebe hier hat ein Recht, mich zur Rechenschaft zu ziehen. Sie wird viel zu verzeihen haben; aber kein Wort davon heute. Morgen erscheint meine Rechtfertigung."
Alle waren einstimmig dafür, dass man diese erste Zusammenkunft durch den Schlaf abbrechen müsse, sich zu einer zweiten stärkend zu bereiten. Besonders war die arme Albertine auf so mancherlei Weise angegriffen und erschüttert worden, dass wir ihr die Ruhe nach so erschöpfenden Auftritten gern gönnen. Henriette blieb im Wohnzimmer auf dem Sopha, und Albert versprach, sich gleich früh Morgens wieder einzustellen.
Ein und zwanzigstes Kapitel
Niemand war mehr erstaunt über das, was sich in seinem haus in der Nacht zugetragen und er so ganz verschlafen hatte, als Onkel Dämmrig; obschon er das, was ihn eigentlich anging, erst noch erfahren sollte und wir selbst es noch nicht wissen. Über den schnurrigen Spass mit dem toten Mann, der am Ende, wie's heraus kam, nicht tot war, wollte er sich immer zu tod lachen. "Ja, ja!" wiederholte er beim Frühstück hundertmal, "ja, ja, Neveu, die luftigen Kerle, Ulmenhorst und Weissensee, hätten Ihnen Ihr Albertinchen bald weggekapert; aber sie hat sich gehalten, wie der leibhafte Paswan Oglu, hahaha! Nun hört, Kinder, das gibt nun auf Ehre eine recht scharmante Ehe en quatre, mit der Henriette oder Euler, wie sie da heisst. Ei, ei, dass Tante Elise das nicht erlebte!" So ging das in einem fort! Denn der arme Onkel war politisch; er wollte nicht gern das Gespräch über gewisse andere Dinge aufkommen lassen, deren Erwähnung er mehr, als den Tod scheute; als da waren: sein ehrlicher Bankerutt, Albertinens verlornes Vermögen und was der odiösen Dinge mehr waren. Er hätte sich aber getrost alles Kopfbrechen hierüber ersparen können, denn Lindenhain war bereits auf's Zureichendste durch Albertinens Schwägerin, die g u t e Luise, unterrichtet, die es ihm, in ihrer beliebten schwarzen Kunst gearbeitet, mit den kleinsten Umständen mitgeteilt hatte, wovon er sich aber aus Schonung nichts merken liess.
Es stand indess da oben geschrieben, dass Onkels guter Humor getrübt werden sollte. So wie der Trost, kommt auch oft die Unlust aus Winkeln her, wo man sie nicht vermutet. Ein unholder Polizeibeamter war der Freudenstörer. Madame Rosamunde sollte wegen eines ihrer artigen launigen Einfälle arretirt werden; sie und ihre Gesellschaft hatten sich den kleinen Spass gemacht, einen jungen Ausländer von der verführerischen Last einer reichen Erbschaft zu befreien, indem sie ihn, wie es in der Kunstsprache heisst, ausgeschält hatten. Weissensee hatte, in der Hoffnung sich durchzustehlen, seine edle Beschützerin verraten, mit der er nun die Reise in's Ausland angetreten hatte. Die kluge Rosamunde war nicht wieder über Dämmrigs Schwelle gekommen, sondern war vom Balle gleich der nächsten Gränzstadt