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dem Fremden ein Handschuh, und Lisette sah mit Entsetzen, dass er in dem Handschuh keine Hand hatte, und schrie wie Zeter Mordio: "Herr Jesu! Sie sind doch nicht unser seliger gnädiger Herr?" – – "Selig wahrhaftig nicht in diesem Augenblick! Schweige sie!" – "Ach nein; ich will lieber den alten Herrn wecken; mir graut's mit dem Herrn allein." – "Nicht von der Stelle! sag' ich ihr. Wer ich auch sei; ich muss ihre Dame sprechen. Ich bringe ihr Nachrichten, die ihr wichtig sein müssen." – – Indess hatte sich Lisette den wilden Mann etwas besser besehen, und fand sein Antlitz sehr menschlich, ja sogar schön; und vollends, wenn er sprach, und die schönen Augen so auf einen richtete; und dann seine Gestalt, die schlank und doch kräftig, und sein Anstand, der so herrisch und doch auch wieder so milde, so ungezwungen edel war! – Genug, Lisetten verging das Grausen so gut, dass sie gar redselig wurde und dem Fremden viel von ihrer herrschaft erzählte, die wohl die schönste Dame in der Stadt sei, der es aber auch nicht an Verehrern fehle. Den Baron Ulmenhorst habe sie abgewiesen; nun aber werde sie sich ehestens mit einem prächtigen jungen Herrn vermählen, der so reich, als grossmütig sei. Er habe heute' noch ein Stückchen gemacht, darum die Damen ihm gewiss gut sein müssen. Ihre Dame sei zwar eine recht gute Wirtin; aber die Gelder wollten doch nicht immer zureichen, und da habe der allerliebste Baron ihr aus der Not geholfen, und so charmant, dass sie nicht einmal davon gewusst hätte. – "Schlange, du lügst!" rief der Fremde entrüstet. "Du lästerst einen Engel! Sprichst du noch eine Sylbe, du bist des Todes!" – "Herr Je! man weiss doch auch gar nicht, wie man mit dem Herrn daran ist!" – Jetzt hielt sie ihn wieder für rein toll; und da sie viel von Albertinens Bruder gehört hatte, hielt sie den Herrn dafür, verliess das Gemach, nachdem sie frische Lichter hingestellt hatte, und den Fremden an Albertinens Bette sitzend, in tiefe Betrachtungen versenkt.

Zwanzigstes Kapitel

Albertine fand die Partie, an der Hand des Hofmarschalls, der immer witzig sein wollte, diesen Abend so langweilig, dass sie ihre Gesellschaft aufsuchte, die denn auch sogleich willig war, das Haus zu verlassen, weil es durch aus ennuyant sei, sie auch den grossen Herrn nicht angetroffen habe. Schon waren sie dem Ausgange nahe, als Rosa mund sich plötzlich wendete. "Da ist er!" rief sie. "Ich muss zurück; dazu muss ich Sie haben, Herr Hofmarschall! Herr Baron, Sie führen indess die Frau von Lindenhain nach haus; und Sie, Albertine, sind so gut, mich in meinem Zimmer mit dem Tee zu erwarten!"

Albertine fand nichts Bedenkliches darin, dem Baron ihren Arm zu geben. Indem aber diese Auswechselung geschah, streifte der Kosake dicht an ihr vorüber und machte eine missbilligende Bewegung mit der Hand, die Weissensee nicht bemerkte. Dem kosacken warf sein Diener einen braunen Mantel um, gab ihm Pistolen, die er am Gürtel befestigte, und nun bestieg derselbe, wie es Albertinen vorkam, indem sie in die Kutsche stieg, ein Pferd, worauf er schnell von dannen eilte.

Als sie sich mit dem Baron allein im Wagen befand, nahm er plötzlich ein Betragen an, wie sie es bei ihm noch nie gesehen hatte. Vertraut umschlang er ihren zarten Leib, und sprach von leidenschaft und Liebe, indem er ihr einen Kuss zu rauben strebte. Angstvoll entwand sie sich ihm und versuchte den Kutschenschlag zu öffnen; da bemerkte sie, dass sie in einer ihr unbekannten Gegend der Stadt sei, und eben über eine brücke fuhr, die zu einer entlegenen Vorstadt führte. "Wo sind wir? Wo bringen Sie mich hin, Baron? Hier ist's nicht richtig!" – "Es ist alles ganz richtig, meine Geliebte! Ich führe Sie in's Paradies der Liebe ein. Sie streben vergebens, sich los zu machen. Der Kutscher hat seine Anweisungen." – Albertine benahm sich hier mit der ganzen Würde der Tugend; sie tobte, sie schmähte nicht; sie schwieg, mit dem vollen Gewichte der Verachtung; ihr Herz war gebrochen, doch sagte sie ganz ruhig: "Ich hielt Sie für einen ehrlichen Mann, der keines Bubenstückes fähig sei; ich stehe unter dem Schutz der gesetz und fürchte Sie nicht; so verlassen ich in diesem schrecklichen Moment scheine, ahne ich die unausbleibliche Erlösung!" – "Die Liebe begeht keine Bubenstücke und kennt keine gesetz. Sie sind mein!" – Der Wagen hielt vor einem kleinen, einsamen Häuschen. Ein altes Weib erschien auf ein Zeichen, mit einem Lichte an der tür. Albertine weigerte sich, auszusteigen; der Baron wollte sie mit starkem arme fassen, als er selbst von einem stärkeren gefasst wurde.

"Was hast du vor, Nichtswürdiger?" rief eine stimme. Albertine erkannte an dem Scheine des Lichtes den kosacken, und in diesem ihren Erretter Albert. – "Wer bist du, dass du es wagst, mich auf meinem Wege zu verfolgen?" – "Der Freund dieser Dame, die du jetzt in dieser Höle des Verderbens vernichten willst." –