erfreuen hatten. Jetzt brach, was man einen vollständigen Bankerutt nennen möchte, über das Haus ein, ohne dass der sorglose Herr Dämmrig die fernste Ahnung einer solchen Katastrophe gehabt hätte. Nachdem die ersten unmässigen Regungen seines unmännlichen Schmerzes vorüber waren, liess er seine Hausgenossen zusammenkommen, und erklärte ihnen, was geschehen war und nun fürder geschehen müsse, nämlich eine totale Reform der eingeführten Lebensweise. Rosamunde sagte, nachdem sie in der Geschwindigkeit verschiedene Ohnmachten abgetan hatte, sie werde nun nicht mit ihm M i s e r e s c h m e l z e n , nachdem sie ihm ihre schönste Jugend aufgeopfert habe, welche sie doch, im Vorbeigehen gesagt, baare zwei und vierzig Jahre mit aller Anstrengung einer tapfern Koulissenheldin genossen hatte; und was das Misere schmelzen betrifft, hatte sie auch diesem mit grosser Klugheit vorgebeugt, indem sie sich ein beträchtliches Kapital, ohne die kostbaren Juwelen, welche sie besass, von ihm gerichtlich hatte schenken lassen. Indess erklärte sie doch grossmütiglich, sie wolle vor der Hand im haus bleiben, so lange, als man es ihnen selbst noch gestatten werde – setzte sie trocken hinzu.
"Elise hat das Beste erwählt; sie hat sich vor dem Sturm gerettet," sagte Dämmrig gerührt; "aber ihr, meine Nichten, wie wird es euch armen Kindern ergehen? Du, meine Philosophin, wirst in deiner Vernunft Gründe gegen das Ungemach finden." – "Sein Sie unbekümmert, Onkel! Noch nie darbte der Verstand; es wäre traurig, wenn die höhere Ausbildung zu nichts weiter führte. Ich bin nicht gemacht, um verlassen zu werden; die ersten Häuser stehen mir offen und die besten Köpfe finden sich durch meinen Umgang geehrt," sagte sie stolz und entfernte sich, die Tränen verbergend, welche die Aussicht in eine beschränktere Lage ihrem verzärtelten Sinne entlockte.
"Und du, Albertine, meine Gute, wirst du den armen Onkel nun verlassen wollen?" – "Nein, mein teurer, guter Onkel. Ich genoss Ihre Grossmut, und teile von nun an jedes Schicksal mit Ihnen. Nimmer, nimmer verlasse ich den Pflegebedürftigen, und was die Vorsehung mir zugeteilt hat, teile ich ehrlich mit Ihnen." – "Dass sich der Himmel erbarme, armes Albertinchen!" indem er die hände verzweifelnd zusammen schlug; "du weisst nicht alles, du arme! du bist mit zu grund gerichtet. Dein Vormund gab mir dein Kapital zu Acht Procent, und – ach, ich bin ein unglücklicher Mensch! Aber, Albertine, nenne mich einen Schurken, wenn ich nicht den letzten Bissen mit dir teile!"
Albertine war wirklich etwas betäubt; indess, nachdem sie die hände gefaltet und andächtig in die Wolken geblickt hatte, warf sie sich ihrem Onkel mit treuer Herzensergiessung an die Brust, und bat, er möchte nur für sich sorgen; sie traue auf die Güte Gottes, der sie nicht verlassen werde. Sie wolle ihren teuren Verwandten nun und immer nicht verlassen.
In einem Briefe meldete sie ihrer Euler, was sich zugetragen und was sie beschlossen hatte. Henriette gab ihr, ohne Vorwurf, zu verstehen, wie gut es gewesen wäre, wenn sie Alberten angenommen hätte; jetzt verbiete es freilich ihre Ehre, ihn anzunehmen. Sie bot ihr auf jeden Fall ihr Haus an, billigte aber doch sehr das Zartgefühl, womit sie sich ihrem Onkel geweiht hatte.
Die Reformen im Dämmrigschen haus gingen so schnell von statten, dass die Tischfreunde nicht einmal Zeit hatten, sich nach und nach mit Anstand zurück zu ziehen, sondern urplötzlich abbrachen, und, so zu sagen, mit dem Pariser Koch zugleich abzogen. Noch einmal trank Wassermann einen einsamen, einfachen Tee mit der Familie, wobei ihn Laurette nach ihrer Weise in der Stille fragte: wann er denn nun um Albertinen anhalten werde? jetzt sei er doch eines Mitbewerbers los; welches er bloss mit einem: "Ich habe warlich keine Eil!" beantwortete. Deutlicher erklärte er sich in einem lachen, welches nur s e i n e m gesicht gehörte, und auch von Laurettens e i g n e m lachen beantwortet wurde.
Auffallend verschieden war das Benehmen der beiden Hausfreunde Ulmenhorst und Weissensee. Jener, dessen erster Ausgang nach seiner Genesung zu dem befreundeten haus gerichtet wurde, begegnete Albertinen jetzt mit einer delikaten Zurückhaltung, die er mehr auf ihren Verlust, als seine Verwerfung bezog, und in die ihr eigenes zartes Gemüt leichter einging, als in die zunehmende Galanterie und lebhaftere Annäherung des baron, worin die kleine Weiblichkeit des guten Kindes erhöhete leidenschaft sah und nichts von der Undelikatesse ahnete, die ihre verschlimmerte Lage zu benutzen strebte.
Das eitle Gemüt Rosamundens ertrug nicht lange die erfolgte Stille des Hauses, worin Frivolität und frivoler Genuss die stete Losung gewesen war. Der literarische Klub brachte, ausser Verspottung und Ridicules, wenig ein; sie liess ihn eingehen und etablirte eine förmliche Pharaobank in ihrem Zimmer, wobei Albertine, ohne es in ihrer Unschuld zu ahnen, die Lockung war. Ausser einigen Spielern von Profession waren verschiedene alternde Damen aus der alten Kameradschaft, ein abgesetzter Hofmarschall, ein getaufter Jude, zwei oder drei junge Edelleute und der Baron Weissensee die tägliche Genossenschaft. Die erste Zeit ging Albertine bloss ab und zu, ihren Onkel mit allerlei kleinen Bedürfnissen, deren er unendliche hatte, zu versorgen; denn nie rührte Laurette auch nur eine Hand, ihm einen Trunk wasser zu reichen. Nach und nach weilte Albertine längere zeiten als