einen Entschluss gefasst, Nichte?" – Albertine sagte, sie sei, ihrem Gefühle nach, erst so kurze Zeit witwe, dass sie, selbst Wohlstandes wegen, noch an keine zweite Ehe denken könne; überdem sei sie ja noch so jung und denke ihre Unabhängigkeit noch angenehm zu geniessen. "Ach!" seufzte Elise tief; "er liebt S i e darum um nichts desto weniger, der Falsche! O Gott! ich habe ihn so treu, so einzig geliebt. Ich habe ihm mit der ganzen Kraft meines Gemütes gehuldigt. Albertine, Sie sind meine bitterste Feindin, Sie rauben ihn mir!" – "Liebe Tante, ich bin unschuldig, bin, weiss es Gott, ganz unschuldig; denn ich suche seine Liebe nicht!" – Elise ging schmerzlich weinend von ihr.
Am andern Morgen fuhr Elise, nachdem sie viel geräumt und gewirtschaftet hatte, mit ihrer Kammerjungfer aus. Mittags wurde sie vergebens erwartet; so den Abend, und da sie die Nacht ausblieb, suchte man in ihrem Zimmer nach, ob sie vielleicht eine Weisung hinterlassen habe, wo sie hingekommen sei? – Auf ihrem Arbeitstische lag folgender offner Zettel: "Ihr alle habt mir das Herz gebrochen. Mein unfreundlicher Bruder und meine gute, schuldlose Nichte am meisten. Ich kann hinfort nicht mehr unter euch wallen. Ich gehe hin, wo mir nur wohl sein kann. Keiner trage sorge um die verstossene Elise; denn sie wird selig, selig, überselig sein. Künftig mehr!
Elise Dämmrig."
Keiner entzifferte diesen rätselhaften Brief, ausser Albert, der zu diskret war, der zärtlichen Elegie, die er zum Abschiede erhalten hatte, zu erwähnen. Die Familie war höchst bestürzt. Frau Rosamunde hatte wirklich eine und eine halbe Ohnmacht zu stand gebracht; Albertine, die sich alle Schuld beilegte, war untröstlich; und wenn der Onkel Dämmrig unter Tränen, die er hinter einem läppischen lachen zu verbergen glaubte, ausrief: "Wo nur in aller Welt, ma soeur! oder auch, welches bei ihm gleichgeltende Ausdrücke waren, die alte Närrin, Ende genommen haben muss?" sagte Laurette immer mit angenommener Traurigkeit: "Wer weiss, in welchem wasser die liegt! Mein Trost ist, dass sie den neunten Tag dann doch wieder zum Vorschein kommt, wie man sagt." – Indess musterte sie in der Stille den Nachlass der armen Tante, worunter sie manches fand, was ihrer Habsucht schmeichelte.
Erst nach vierzehn Tagen, als sie alle Vermutungen erschöpft hatten, erhielten sie folgendes Schreiben. "Der Jammer hatte mein Herz gebrochen; denn E r füllte meine ganze Seele. Ihr hattet mich getödtet. Jetzt bin ich zum seligen Leben hervorgesprosst. Ich bin in dem Himmel, in der Nähe der Götter, die meine Seele anbetete. Ja, Albertine, du einzige, die du mich begreifst: ich sah ihn! ich sprach ihn! Denke dir diese Seeligkeit des himmels: ich sprach ihn! Ewigkeiten möchte' ich so ihn sehen; Ewigkeiten da wie angewurzelt stehen! Wie ich mich ihm entgegenrankte, dem hehren Dichter der Iphigenia! Wie da alles andere vor meiner Seele schwand!!! – Jetzt, Albertine, du geliebte Verwandtin meiner Seele, geniesse des Vorzuges, von dem Goldlockigen geliebt zu werden, unbeneidet; noch einmal, ich bin in dem Himmel, in m e i n e m Weimar. Lebt wohl!
Elise Dämmrig."
Jetzt ward allen wieder wohl, als sie nur wussten, wo die gute Schwärmerin hingekommen war, obschon die arme Albertine in die Erde sinken zu müssen glaubte, als der Onkel den Brief ohne alle Schonung in aller Gegenwart laut vorlas, wobei er lachte, dass er hätte ersticken mögen, und von Zeit zu Zeit Albertinen und Alberten mit dem undelikaten Ausruf: "Ha! Ha! da kommt's heraus!" ansah. Durch dieses Ereigniss wurde Albertine bewogen, früher, als sie es wohl sonst getan hätte, Alberten ein Körbchen zu flechten, das so zart, so fein, so mit Blumen umwunden war, wie es der feine weibliche Takt nur immer ersinnen konnte. Ihr Herz, ihr jetzt leider eingenommenes Herz wollte den Liebhaber entfernen und sich den Freund erhalten; ein Plan, der achtungswerten Weibern sehr sicher zu gelingen pflegt und auch hier gelang.
Vierzehntes Kapitel
Albert hatte sich mehr Stärke zugetraut, als er wirklich besass. Albertinens Antwort versenkte ihn in stillen Gram, der endlich in ein gefährliches Fieber überging. In den Paroxismen rief er Albertinen und den Tod, ihn zu retten aus dem Abgrund, worein er versinke. Die redliche Euler hielt sich verpflichtet, da es ihm in seiner bloss verdungenen Hausgenossenschaft durchaus an einer zarten, pflegenden Hand fehlte, sich über die Regeln eines ängstlichen Wohlstandes hinauszusetzen und sich in sein Haus zu begeben. Durch sie erhielt Albertine alle Stunden Nachricht von seinem Befinden; denn bei allem, was wir an Albertinen missbilligen könnten, hatte sie immer noch nicht den Sinn für einen Freund, wie Albert ihr war, eingebüsst, wenn gleich ein flüchtiger Übergang von Frivolität sie jetzt einigermassen gefangen hielt.
Ein Ereigniss, das nicht zu den glücklichen gehörte, veränderte, während Alberts Krankheit, gänzlich das Innere des Dämmrigschen Hauses. Der Herr Prinzipal hatte. nach einer vieljährigen Gewohnheit, sein ganzes Handelsgeschäft seinen Buchhaltern überlassen, wovon einige an Aufwand es ihm beinahe gleich taten; weil sie aber der Rosamunde ungeheure Zahlungen leisteten, sich ihrer kräftigsten Protection zu