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Wassermann einen schönen Anlass, über die kleinliche Neugier der Weiber zu spotten; denn nie liess er eine gelegenheit vorbei, etwas Verächtliches über das Geschlecht zu sagen, dem er insgeheim mit Heisshunger nachjagte.

"Göte" erwiderte Albert, als er endlich zum Worte kommen konnte, "erscheint allen, die ihn begreifen, deren unbefangene natur in seine schöne Individualität eingreift, im liebenswürdigsten Negligee, und nie erscheint er solchen aufgesteift mit dem ranailleusen 'Minister Air,' wie der gute Lavater das irgendwo sehr sonderbar nennt. Diese Seite wendet er nur heterogenen Naturen und unberufenen Erklärern der seinigen mit gerechtem Selbstgefühl zu."

"Möchte ich mich diesem edlen entgegen ranken können," lispelte Elisa! "Möchte ich in der seligen Flut des Genusses seiner Freundlichkeit untergehen können!" Frau Rosamund belächelte Elisens Schwärmerei und meinte, die Gute werde die Sehnsuchtsklänge ihrer Seele in Klagliedern grünen lassen müssen.

Wassermann schoss während dem grimmige Blicke und schwieg, weil ihm eben nicht etwas recht grobes einfiel.

"Unserm Freunde schwebt ein schöner Einfall auf den Lippen," sagte Laurette, schneidend boshaft; "heraus damit."

"Um der Götter willen! Mademoiselle, verschonen Sie mich mit dergleichen Voraussetzungen. Witz, nebst seinen Aborten, den Einfällen, überlassen reelle Producenten gern den Damen und ihren vielfarbigen Rittern."

"Unser Freund spricht und spielt mit Sonnenstrahlen," entgegnete Frau Rosamund. Ernst und Scherz, Witz und Laune, hörte sie, wie eine Schaar von Rosen, sich in ihm regen.

"Oh! a propos vom Witz! Wo bleibt Antonie? Immer bleibt sie uns noch die Vorlesung ihres Romans schuldig," sagte Elise.

"Ihr Bedienter hat jetzt nicht Zeit zum Schreiben; er muss die Farben reiben, Antoniens Jugend aufzufrischen," sagte Wassermann, im unangenehmsten Tone.

"Wie?" rief Laurette, ihm drohend; "haben Sie die platten Erzeugnisse dieser Schleichhändlerin mit fremden Gedanken, dieser Ideen Diebin, nicht bis in den Himmel erhoben?"

"Habe ich je ihren Wasch und Kochzeddel bewundert? sie sind warlich das Beste, was sie edirt. Ich habe irgendwo ihre Ansprüche beleuchtet, und ich verspreche Ihnen, mes Dames, sie soll uns das Epigramm selbst vorlesen, wodurch ich sie vernichte."

"O schön! schön!" riefen Antoniens Herzensfreundinnen. "Die Närrin muss endlich auf ihr Nichts reducirt werden. Sie hat keinen Funken producirender Kraft."

"Kraft!" schrie Wassermann; "was ist Kraft? Am Ende doch nichts anders als eine precäre Anleihe an die Phantasie, oder die Magd derselben. Warum vergeuden sie so viel Geistesaufwand an diese pitoyable Erscheinung." "Antoniens intellectuelle Tendenzen sind die miserabelste Misere, der schmutzigste Nachdruck des unverständigsten Unverstands," setzte die superfeine Frau Rosamund mit gespitztem Mäulchen hinzu.

"Schön, herrlich!" rief Wassermann. "Das war eine süperbe Skizze zu einem grossen Gedanken."

"Sollte sich wirklich etwas Schönes über die gemeinste Gemeinheit sagen lassen?" meinte Laurette, eine zweite Nichte des Bankiers, die sich durch ihre Herzlosigkeit, ihren schneidenden absprechenden Ton, ihre Unempfänglichkeit für zartere Weiblichkeit, ihr rasches Aufnehmen jeder Verschrobenheit, den Beinamen, d i e P h i l o s o p h i n in diesem Zirkel erworben hatte.

So schleppte sich das Gespräch in dem einmal angegebenen Ton über Antonien, die sonst die Seele, das Idol dieser Versammlung zu sein schien, immer weiter. Albert war nun im Ernste verstummt; ihm graute vor diesem Don Lucifer und der falschen Klike. Aber wohl tats ihm im Innersten, dass Albertine dem allem ganz fremd blieb und sich indess mit Aufmerksamkeit um ihren Onkel mühete, um den sich sonst Niemand zu bekümmern schien.

Antonie hatte ganz lyrisch, mit Rosen bekränzt, und mit Gesang, den Kreis der Freunde, gleich einer himmlischen Erscheinung, plötzlich durchschweben wollen, sie hatte das freundliche, sie betreffende, Gespräch in einem anstossenden Cabinett belauscht und stürzte jetzt ziemlich furienartig, heraus. "Ha! Schlangen! ihr hattet mich umwunden; jetzt verletzt euer Gezisch mein Ohr! Unter den Blumen eurer verhassten Reden schlummern Nattern. Von nun an scheide ich von euch aus; aber empfinden, ja empfinden sollt ihr's. Euer Ruf ist dahin, den übernehme ich; in den Kot mit ihm, und ihr, ihr fahret zur Hölle!"

So stürzte sie heulend und schimpfend zur Tür hinaus, und gab Lauretten, die sich ihr in den Weg stellte, einen so kräftigen Stoss, dass diese taumelnd zurück fiel.

Rosamunde erklärte, sie sei petrificirt. Elise behauptete, sie sei complett in einen Fels verwandelt. Laurette schickte Antonien ein schallendes Gelächter nach, weil ihr eben die Geistesgegenwart zu etwas recht Boshaftem fehlte.

Traurig legte Elise den Lorbeerkranz bei Seite, womit sie eben heute Göte's neu angelangte, und in dem Versammlungssaal aufgestellte, Büste feierlich hatte krönen wollen; sie zwitscherte leise die dazu aus des Dichters Tasso erwählten Worte, als sie den Kranz, bis auf weitern Bescheid, in den zierlichen Schrein zurücklegte.

"Die war ganz göttlich grob," rief der Herr mit den geschwollenen Beinen. Ihm hatte der Auftritt unsäglich viel Spass gemacht. Er nannte ihn ein wünschenswertes Intermezzo in einem zum sterben trockenen Drama. Auch belachte der gute Herr die Szene sowohl, als seinen schönen Einfall darüber, so unmässig, dass er darob in einen Stickhusten geriet, der vor der Hand aller Unterredung