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er kalt: "Wenn Frau von Lindenhain ihn mit ihrem Beifall beehrt, kann es der, den ich kenne, der ein unbekannter Avanturier ist, nicht sein!" Albert brach hiermit das Gespräch ab und empfahl sich ziemlich ernstaft.

"Der Ulmenhorst ist ein ausgemacht wackerer junger Mann," sagte Henriette. "Ich weiss wohl, was ich wünsche." – "Nun, und was denn?" – "Dass Albertine seinen Wert fühlen und ihn mit ihrer Hand lohnen möchte!" – "Wie? Er liebt ja Tante Elisen!" – "Tante Elisen? Gott erbarme sich! Ich weiss es besser. Nichte Albertinen liebt er." – "Er hat mir doch nie etwas davon gesagt." – "Männer seiner Art sagen nichts; sie haben eine eigene Sprache; sie hat freilich keine Worte, ist aber doch höchst verständlich und ausdrucksvoll!" –

In diesem Augenblick, als Albertine eben antworten wollte und auf eine unangenehme Art verlegen zu sein schien, kam Rosamundens Zofe und ladete Albertinen zu ihrer Dame ein, indem der Herr von gestern Abend seine Aufwartung mache. "Es ist ein allerliebster junger Herr!" flüsterte das Ding im Herausgehen Albertinen zu.

Henriette bemerkte mit wirklicher Bekümmerniss den Eindruck, den diese Botschaft auf ihre Freundin machte; und als diese nicht zu wissen schien, wie sie geschwind ihre Toilette ordnen sollte, ohne Anlass zu den kleinen Neckereien der vertrauten Freundschaft zu geben, trat Henriette gutmütig hinzu, reichte ihr eine feine Spitzenhaube und legte mit einem sanften Kuss einen Schawl um ihre Schultern, reichte ihr dann die Hand, und sagte: "Adieu, auf Wiedersehen!" – "Nicht doch, Henriette! Sie müssen ihn kennen lernen." – So schlenderten sie beide, Hand in Hand, in das Visitenzimmer.

"Sie sehen, ich bin nicht neidisch, liebe Lindenhain!" rief ihr Rosamunde entgegen, und schien dabei sich etwas damit zu wissen, dass sie der Schönheit und Jugend huldigte. – "Ei, Madame Euler! wie kommt man denn einmal zu der Ehre, Sie ihrer Einsamkeit zu entlocken? Herr Baron, eine berühmte Künstlerin!" – Die Dame wollte aus Eitelkeit ihrer ganzen Umgebung eine vollwichtige Bedeutung geben. Madame Euler lehnte das b e r ü h m t bescheiden ab; aber durch den Ausruf: Künstlerin! gewann das Gespräch eine interessante Wendung, wobei der Baron sehr einsichts- und geschmackvoll über die Kunst sprach. Henriette schien sehr zufrieden mit ihm zu sein, und sagte nachher Albertinen: "ist er, was er scheint, so ist Ihre kleine Parteilichkeit vollkommen gerechtfertigt. Indess fürchte ich mich vor der erstaunlichen Regsamkeit seiner Muskeln. Bemerken Sie doch das ewige Spiel derselben, das seiner Bildung nicht fünf Minuten nach einander denselben Ausdruck lässt. Im Ganzen ist er mir auch zu glatt, zu hell polirt, als dass er nicht h a r t e r natur sein sollte."

Albertine schwieg, fand aber im Herzen an dem Urteile ihrer Freundin viel auszusetzen; seine Aufmerksamkeit schmeichelte ihrer kleinen Eitelkeit sehr, da er, nachdem er die Welt so durchkreuzt und gesehen hatte, sie dennoch auszeichnete. Sie verglich ihn, beinahe ohne es zu wollen, mit Alberten, den sie ein wenig dem Hintergrunde zuschob, so wie beinahe ohne ihr Zutun, unter ihrem Krayon des baron Gestalt auf den Vordergrund hervorging, als sie eine idee ausführen wollte, worin er eigentlich gar nicht eingriff.

Zwölftes Kapitel

Bei dem Abendtisch fand sich der ganze Cirkel der Hausfreunde ein, wozu nun auch der Baron Weissensee gehörte. Wassermann war toll und böse über diesen neuen Aristokraten, wie er ohne Umstände jeden Adlichen nannte, der ihm um so mehr zuwider war, weil er einen neuen gefährlichen Rival bei Albertinen in ihm ahnete. Auch war seine Grobheit gegen den Baron ganz unbegränzt, und wo dieser nur den Mund auftat, war er bereit, ihm auf's beleidigendste zu widersprechen. Traf es sich nun zum Unglück, dass Albert mit dem Baron einerlei Meinung war, so schrie Wassermann über den Esprit de Corps dieser Kaste, über Despotisirung der Meinungen u.s.w. Bei dieser Wendung des Gespräches war Niemanden wohl, und alle waren froh, als es zu Tische ging.

Vorher nahm noch Albert einen Augenblick wahr, Albertinen leise zu sagen: der Baron Weissensee sei der nemliche, von dem er wisse, und sei aller Wahrscheinlichkeit nach ein Avanturier, ein entlassener Schauspieler, und gehöre jetzt zu einer Spielerklicke. Es sei ihm heilige Pflicht der Freundschaft, ihr dieses zu sagen. Albertine dankte ihm etwas kalt und nicht ganz mit der Unbefangenheit, mit der sie sonst alles tat. Albert zog sich bescheiden zurück.

Über Tische wurde unter mancherlei, auch die Weltbürgerschaft ein Gegenstand des Gesprächs. Wassermann erklärte sich wütend dafür, und meinte, in Fällen, wo es auf's Wohl der Menschheit ankäme, könne man seinen Kreis nicht weit genug ziehen. Albert behauptete, dies sei Bequemlichkeitstrieb, weil der Anforderungen für die Ferne wenige wären. In der Nähe und in engen Kreisen zu wirken, sei sicherer, als seinen Wohltätigkeitstrieb nach Amerika oder sonst in die Ferne zu schicken. Die nähern Ansprüche der Verwandtschaft, nach diesen die der Mitbürgerschaft zu erfüllen, sei verdienstlicher, und fände dann ein grosser, vielumfassender Geist einen ferneren Wirkungskreis in seiner Sphäre zu ziehen möglich, so wäre dies freilich etwas Grosses, könne aber nie allgemeine Tugend werden.