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verliess endlich den Spieltisch um drei Uhr Morgens, und Albertine bemerkte, dass sie dem Baron nur zehn Goldstücke zurück gab, da sie genau gesehen hatte, dass sie sich deren zwanzig zugezählt hatte. Albertinen gab sie, ungeachtet sie so sehr viel gewonnen hatte, keinen Schilling zurück, worüber diese sehr betroffen war, denn es war beinahe ihre ganze kleine Baarschaft, die sie ihr hingegeben hatte.

Der Baron Weissensee führte die Damen zu ihrem Wagen, und erhielt leicht die erlaubnis, ihnen in ihrem haus aufwarten zu dürfen, die er denn so gut benutzte, dass er nicht nur der tägliche Besuch war, sondern bald zu den nähern Hausfreunden gerechnet wurde; wogegen Albertine wenigstens nichts einwendete.

Als Albertine in ihrer wohnung ankam, sah sie bei Elisen noch Licht, und hörte, als sie vor ihrer tür vorüber musste, laut sprechen. Aus Besorgniss, es könne der Tante etwas zugestossen sein, trat sie zu ihr hinein, und wurde durch den nymphenhaften Aufzug unsrer alten Jungfer seltsam überrascht, die mit einem Blumenkranz auf dem fliegenden Haare, in einem ganz romantischen Kostüme umherwanderte, ein Gedicht, was sie so eben gemacht hatte, sich laut vor zu deklamiren. Die Gegenwart der Nichte schien sie zwar anfangs verlegen zu machen, besonders da diese ihr Erstaunen nicht recht zu verbergen wusste; aber bald gewann die Dichterwut wieder die Oberhand und sie machte Albertinen zur Vertrauten ihrer so schüchternen Muse.

Elise hatte von Kindesbeinen an so viel Verse gelesen und auswendig gelernt, dass ihr endlich kleine Mondscheinliederchen ganz artig gelangen, worin sie es denn freilich an Maienblütenregen, Monddämmerung und Rosenknöspchen nicht fehlen liess. Albertine wurde an den blonden wallenden Locken bald inne, wem dies Gedicht gesungen sei.

"Sie würden den jungen Mann unsäglich eitel machen, liebe Tante, wenn er je etwas davon erführe!" – "Ei, mein liebes Kind! er weiss alles. Unter Liebenden muss nichts geheim bleiben. Sehen Sie daindem sie an ihren Schreibetisch tratdie Früchte meiner durchwachten Nächte!" Sie zeigte ein starkes Heft Gedichte vor, die Albert alle schon nach und nach erhalten hatte. Albertine wusste jetzt selbst nicht mehr, was sie denken sollte, und fragte ganz bescheiden: "und was hat er hierauf geantwortet?" – "Ja, wenn ich sagen soll, eigentlich nichts; nur gedankt hat der bescheidene Jüngling für die Mitteilung, und mein Talent gepriesen." – Albertine schwieg, hielt es jedoch für Pflicht, der Tante in der Folge den Wahn schonend zu benehmen; als sie die Gute so überselig sah, konnte sie es nicht über ihr Herz bringen, ihr wehe zu tun. Sie ging jetzt zur Ruhe, und riet der Tante Sappho, ein Gleiches zu tun.

Eilftes Kapitel

Sobald es bei Albertinen Tag wurde, welches heute eben nicht früh geschah, kam Madame Euler, zu erfahren, wie es mit der glänzenden Gesellschaft abgelaufen sei? "Nun, Albertine, war der Abend, die Nacht, die sie durchwachten, all der Anstrengung, des Aufwandes wert?" Albertine gab ehrlich von allem Bescheid, auch von der angenehmen neuen Bekanntschaft mit dem Baron Weissensee. "Sie waren, fürcht' ich, in keiner gar zu ehrenvollen Versammlung, und dieser Name Weissensee bringt mir einen dieses Namens in's Gedächtniss, der nach den Briefen, die ich in Eulers Nachlass fand, zu den ausgelassensten Wüstlingen gehört, welche diese grosse Stadt aufzuweisen hat." – "Nun, das kann dieser nicht sein; er ist der feinste, liebenswürdigste Mensch, den ich noch je sah." Jetzt liess sich Albertine ganz entusiastisch zu seinem Lobe aus, wozu Henriette, schalkhaft lächelnd, immer: "dass dich!" sagte, und endlich: "Nun, wenn er so ist, kann er freilich der aus den Briefen nicht sein. Wir werden ja sehen!"

Indem wurde Ulmenhorst gemeldet. Albertine machte, Gott weiss, warum? ein sauersüsses Gesichtchen, als wär's ihr eben nicht ganz recht. Wir wollen indess nicht glauben, dass ihr Selbstgefühl ihr einen Vorwurf gemacht habe, als der Vertraute ihres Grams um den beweinten Gatten vor ihr erscheinen sollte.

Albert kam mit einem Auftrag, der ihn einigermassen verlegen machte. Er hatte bei seinem Bankier eine Summe von zweihundert Louisd'or für Albertine von Lindenhain, die über Lyon für sie ohne Brief oder weitern Bescheid angekommen war, angetroffen. Sie war von der Municipalität einem grossen haus in Paris übermacht und durch dieses hierher gekommen. Das Päckchen war von Lindenhains Hand überschrieben und mit seinem Wappen gesiegelt. So emsig übrigens Albertine in dem Umschlage nach irgend einer weitern Bezeichnung suchte, fand sich nichts vor, das von Lindenhains Leben gezeigt hätte, und so nahm sie es unter tausend Tränen als das Vermächtniss des Sterbenden und gewiss in der Gefangenschaft Gestorbenen an.

Henriette suchte geschickt das Gespräch abzuleiten, Albertinens Zarteit zu schonen, und machte dagegen ihren gestrigen Abend zum Gegenstand der Unterredung. Albert beobachtete ein beharrliches Stillschweigen, und hielt beides, Tadel und Beifall, zurück. "kennen Sie einen Baron Weissensee?" fuhr sie fort, mit einem leichten Seitenblick auf Albertinen, die merklich errötete. "Ich kenne ihn!" antwortete Albert einsilbig. – "Unsre Freundin findet ihn scharmant," setzte Henriette scherzend hinzu; "ist er's?" – Albert verdüsterte sich merklich, um so mehr, als er Albertinens bedeutende Verlegenheit bemerkte. Darauf antwortete