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– "Tante," sagte sie: "ich fürchte sehr, auch diesen werden Sie auf die lange Liste ihrer Ungetreuen setzen müssen. Sagt Ihnen denn Ihr guter Verstand nicht, w e n er n u r meinen kann?" – "Nun, und wen denn?" fragte Tante, ziemlich beleidiget. "erklären Sie sich, Mademoiselle!" – Laurette erhob sich und machte Tanten in der Nähe eines Spiegels, der ihr ihre ganze Gestalt zeigte, einen tiefen, spöttischen Knicks. "Ich denke, es hängt nur von mir ab, wie bald Sie erfahren sollen, wer von uns Beiden Gebieterin in Ulmenwalde wird!" – Tante wusste in der Geschwindigkeit nichts Besseres zu sagen, als: "So, so!" und Albertine sagte freundlich: "welcher das gute los auch falle, werde ich mich herzlich freuen!"

"Ja!" sagte wieder die liebe, alberne Elise, die durch Albertinens Freundlichkeit entwaffnet wurde; "und wenn ich mir wieder das Göttliche denke, was dem Menschen werden könnte im Genuss freier Liebe, die kein Gesetz über sich anerkennen dürfte, als das allgemeine unverletzlicher Schönheit, die mit der Liebe Eins ist! Möchte man nicht an einer Menschheit verzweifeln, die sich selbst so drückende Fesseln schmiedete?" – "Liebe Tante!" fragte Albertine, die eben Laurettens beissenden Spott fürchtete, "kam diese Tirade nun wohl aus Ihrem eigenen sanften Sinn und Ihrem strengen sittlichen Gefühle?"

Elise gestand, dass sie den Gedanken, weil er sie auf den ersten Anklang frappirte, einem jungen, ziemlich excentrischen Dichter gestohlen hätte.

"Meine liebe gute Tante muss nicht stehlen; sie ist reich genug an eigenem Vermögen!" antwortete Albertine schmeichelnd; und so wurden durch die Liebenswürdigkeit des einen Gemüts, die beiden andern wieder freundlicher gestimmt.

Neuntes Kapitel

Wenn der Schmerz beginnt, sich häufiger mit seinem gegenstand zu beschäftigen, wenn er wagt, ihn in's Auge zu fassen und ihn so zu sagen von allen Seiten berührt und sich von ihm berühren lässt, so verteilt er sich bald in kleinere Ableitungen, und die Masse wird vermindert. Albertine beschäftigte sich, seit sie bestimmter von ihrem Verluste wusste, ganz mit demselben. Sie stellte sich jede mögliche Art der Todesquaal, die Greuel jener Nacht, alles, was sie über diese grausenhafte Scene gehört hatte, vor, bis sie mit der Vorstellung vertraut wurde, dass der Schmerz seinen bittersten Stachel abstumpfte. Bald kam sie nicht mehr ungerufen vor ihre Seele, und es wurde schon Vorsatz, sich in jenen Seelenzustand von Zeit zu Zeit zu versetzen. Ihn einigermassen fest zu halten und bleibend zu machen, entwarf sie eine Zeichnung zu einem Gemälde, wobei sie freilich immer noch herzlich weinte; aber doch idealisirte die Phantasie schon mehr, als tiefer, schneidender Schmerz es zu gestatten pflegt. Und warum sollte es auch nicht so sein? Warum sollte die kaum neunzehnjährige Albertine an dieser wohltätigen Einrichtung der natur nicht auch teil nehmen? – Wehe dem armen Menschengeschlechte, müsste es ein Leben hindurch Leid um die Gestorbenen tragen! –

Albertine vergass nicht, aber sie verschmerzte endlich, was zu ändern nicht in menschlicher Macht stand. Onkel Dämmrig, der seiner eignen Behaglichkeit wegen keinen Traurigen um sich leiden mochte, bestand darauf, sie müsse sich zerstreuen. Sie erschien also wieder in dem Kreis der Hausfreunde, und besuchte auch zuweilen wieder öffentliche Orter. So wenig die sittsame Schönheit der höchst reizenden Albertine sonst war bemerkt worden, weil sie es nicht sein wollte, so viel aufsehen machte jetzt die interessante junge witwe, weil sie mit einem haus in Verbindung stand, das viel Tischfreuden und Genuss mancher Art spendete. Wer auf Ton Anspruch machte, stand Albertinen im Schauspiele lorgnirend gegenüber, stiess mit dem Ellenbogen um sich und rannte im Gedränge alles übern Haufen, beim Ausgange auf sie zu warten, um dann an der table d'hôte von ihr, wie von einer Bekanntschaft, zu sprechen. –

Anfänglich bemerkte Albertine von dem Allen nichts, aber die wohlerfahrne Madame Rosamund fasste desto sicherer alle die Vorteile auf, die in solchen Fällen dem abnehmenden Lichte einer Frau, die schon zu lange schön gewesen ist, durch die Allianz mit dem zunehmenden Lichte einer aufblühenden Schönheit, zu teil werden. Unter dem Vorwand, Albertinen zu zerstreuen, führte sie die gute, unbefangene Seele überall ein; und so gelang es ihr, sich nach und nach ein Gefolge von jungen Herren zu bilden, wobei sie ihren Zweck, sich zu amüsiren und noch eine Art von aufsehen zu machen, vollkommen erreichte.

Wir müssten der Wahrheit zu nahe treten, wenn wir behaupteten, Albertine habe sich sogleich in dieser ungewohnten Art zu sein, gefallen. An stille, ernste Unterhaltung gewöhnt, fand sie dies Umherwandern unsäglich fade, und froh eilte sie zu dem gehaltreichen Umgang ihrer Euler und Alberts, der sich ihr auf's Bescheidenste näherte, zurück.

"Gefällt Ihnen denn Keiner von allen den jungen Männern, die sich, wie Sie es doch wohl bemerken müssen, an Sie drängen?" fragte einst Rosamunde. – "Nein, kein Einziger! – Die Ernstaften haben einen unleidlichen Anstrich von Pedanterie, und treiben das literarische Wesen ordentlich fabrikenmässig; und die andern, deren Munterkeit mich allenfalls noch unterhält, sind so flach, laufen so ohne Unterschied jedem weib nach, dass es mich vielmehr beleidigt, von ihnen bemerkt zu werden, weil ich ihre Aufmerksamkeit mit dem elendesten