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geheimen Archivarius verwaltete. "Du musst dich vermählen!" sagte sie einst zu Sophien. – "Ich habe gewählt, Mutter! Er ist es wert!" – Bescheiden errötend reichte Sophia dem Sohne ihres alten Freundes und Ratgebers, einem edlen des Landes, die Hand; und so machte sie an der Hand der Erfahrung, der Weisheit und Freundschaft, ihre Staaten zu den glücklichsten, welche je die Sonne beschien. –

Siebentes Kapitel

Wir haben diese Kleinigkeit, die Albert der Kritik des Klubbs zum Besten gab, in einer unabgebrochenen Folge hergesetzt; Er selbst las sie in drei Abenden.

Onkel Dämmrig amüsirte es trefflich; er rieb oft während des Lesens die hände und rief: "Köstlich! Deliziös! Da habt ihr's!" – Die Damen hingegen sahen oft betroffen und etwas einfältig aus. Aber Wassermann warf sich mit Wut darüber her und kunstrichterte ohne Schonung. Weil nun dieser Kleinigkeit gar kein Wert beigelegt wird, wiederholen wir hier nicht Wassermanns Kritik, da sie ohnehin ihren Richtern, sammt den Wassermännern und Vadiussen nicht entgehen wird. Vadius, der Allgefällige, wusste freilich nicht so recht, nach welchem Winde er den Mantel drehen müsse; indess liess Albert sie machen, und antwortete bloss der Tante Elisa, als sie ihn freundlich fragte: "Aber, mein Herr von Ulmenhorst, es scheint in der Tat, als wären Sie der weiblichen höhern Kultur sehr abhold?" – "Der unzweckmässigen und verschrobenen von ganzem Herzen; denn nie geschah der ächten Bildung so viel Abbruch, als durch diese. Überhaupt gebe ich für die ganze weibliche Verstandesbildung keine Priese Tabak, wenn sie ein Spiel der Eitelkeit ist und nicht Karakterbildung wird." –

Laurette maulte. Albertine sah unbefangen drein, und bemerkte es auch nicht, dass Albert ihr bei seiner letzten Äusserung einen wohlgefälligen blick zugeschickt hatte.

Albertine war eines häuslichen Geschäfts wegen abgerufen worden; die Unterredung hatte indess eine andere Richtung genommen. Es war viel wahres und halb wahres über den schönen Trieb der Menschheit, die Freundschaft, gesagt worden. Albert bewies aus seinen eignen Erfahrungen das Dasein dieses schönsten Zuges und Beweises menschlichen Tugendsinnes, und sprach über seine früheren Verhältnisse zu einem Freunde, den er leider nun in dem Kriege verloren habe. "Lindenhain," sagte er, "war das Muster junger Männer." – Albertine trat eben bei diesen Worten wieder herein; sie hörte den Namen, schlich leise näher und lauschte. – "Durch seltsames Zusammentreffen von Umständen wurden wir getrennt, hörten lange nichts von einander; dochwenn ich nach meinem Herzen sprechen soll, ohne uns deshalb einander minder wert geworden zu sein. Ich reisete aus, ihn aufzusuchen, und wenn auch nur als Volontair an seiner Seite zu fechten, als mir schon die unglückliche Nachricht entgegen kam, er sei bei Bitsch geblieben." – Albertine sank mit einem dumpfen Schrei hinter Albert ohnmächtig zur Erde. Sie hatte so eben aus seinem mund die Bestätigung vernommen: ihr Louis, der von Lindenhain hiess, sei nicht mehr! –

Albert war bestürzt, obschon er nicht ahnete, dass er den Zufall veranlasst habe. Der höchste teilnehmende Schmerz ergriff ihn aber, als Laurette ihm mit der grössten Ruhe sagte: "Sie werden sich schlecht bei meiner Cousine empfohlen haben, Herr von Ulmenhorst! Der Lindenhain, dessen Tod Sie bestätigen, ist ihr Gemahl!" –

Von diesen Worten wurde Albert wie von einem Schlage getroffen. Er blieb mit starren, auf Lauretten gerichteten Augen wie angewurzelt stehen, sprach keine Silbe, stürzte dann den Frauenzimmern nach, die Albertinen in ihr Zimmer brachten, kehrte an der Schwelle plötzlich um, schlug sich vor die Stirn, und eilte ohne Hut durch eine unwegsame Strasse, in der Dunkelheit eines Herbstabends, nach seinem Gute zurück, wo er erst lange nach Mitternacht verstört ankam und sich in den Kleidern auf's Bette warf.

Seinem vertrautesten Freunde hat er nachher gestanden, dass selbst in dem Moment der höchsten Überraschung und Bestürzung, die Hoffnung einen Strahl in sein Herz geworfen und ihm Albertinens Besitz tief im Hintergrunde seiner Ahnung hingezaubert habe, ob er gleich das Auge davon, als von einer Versündigung an seinem verunglückten Freunde, schnell weggezogen habe.

Tante Elisa hatte sich indessen mit der gutmütig

sten Teilnahme die Pflege ihrer Nichte angelegen sein lassen, um welche Madame Rosamunde sich nur Wohlstandes halber, Laurette aber gar nicht bekümmerte, obschon diese jetzt ganz treffliche Sachen über Humanität, Freundschaft und Verwandtenliebe zu sagen wusste, welchen aber ihr Wassermann nur halbes Ohr lieh; denn sein kaltes Gemüt war eben damit beschäftiget, die Zinsen von Albertinens Kapital sammt den Vorteilen zu berechnen, die der Besitz einer so hübschen Frau einem mann wohl verschaffen könne. Onkel Dämmrigs Mitleiden ging gewöhnlich in Verdruss und üble Laune über, weil er immer in seiner Art von Frohleben gestört zu werden besorgte.

Albertine verfiel in ein hitziges Nervenfieber, in

dessen guten Intervallen sie zu ihrem Bruder gebracht zu werden verlangte, indess man es für ratsamer fand, sie, der bessern hülfe wegen, in die Stadt zu bringen, wohin ihr die ganze Familie bald folgte, weil das abfallende Laub und die bereiften Morgenfluren den nahen Winter verkündeten.

Auch Albert verliess sein Gut, das ihm, ohne Alber

tinens Nähe, ein Exil zu sein dünkte. So emsig er auch jeden Tag mehrere Male Nachrichten von ihr sich geben liess, zögerte doch seine Delikatesse, sich ihr, auch da es schon schicklich gewesen wäre, vorzustellen