" sagte eine Kennerin; "diese vollendete Schönheit wäre die Unholdin Gräcula? – Diese zierlich gerundeten arme! Jener reichten ja die hände bis an der Ferse! Und dieser Mund, hold sich öffnend, wie eine zarte Rosenknospe! Der Prinzessin Mund war wie in Afrika geformt. Ihre ganze natur war Sauerstoff!" –
"Ja!" – sagte eine Matrone – das ist wahr, unausstehlich war sie! Wohl dem land, dass sie den faux pas machte!"
"In der Nasenspitze finde ich doch etwas von ihrer Bosheit; von der albernen Anmaassung, mit der sie, als ein eminentes Wesen, über alles hinwegtrat!"
"Das war nur für die Welt!" sagte ein Stutzer; "unter vier Augen, ich versichre auf Ehre, war sie nichts weniger, als spröde!"
"Sie soll von Zwillingen entbunden sein!" sagte eine paussbackigte Rätin.
"Allerliebste Buben! ich versichere. Sie sind bei einer Muhme von der Muhme meiner Kammerfrau in Kost!" antwortete das Weib eines Oberpriesters.
"Wer war an Allem Schuld, als die gelehrte Närrin, ihre Mutter, die durchaus ein kleines Wunder haben wollte! Zu der Zeit ihrer Geburt raunte man sich seltsame Dinge zu!" sagte wieder Einer.
Das Täubchen ächzete leise, und schlug die Flügel einigemal, wie wenn sie die arme zum Himmel ausbreiten wollte, um Sühne des Vergangenen herabzuflehen.
Die Prinzessin litt unsäglich. Sie hörte sich schmähen, schändlich verleumden, ihre wirklichen und angedichteten Fehler aufs Bitterste herrechnen. Die Operation war schmerzlich, aber sie bewirkte eine gründliche Kur. Sie hörte, duldete und schwieg! –
Jetzt nahte sich ihr eine junge Dame, die sie oft ihren ganzen Übermut hatte fühlen lassen, weil sie diese schlichte, unverkünstelte natur für Beschränkung hielt. "Was werde' ich nun hören!" sagte sich die Prinzessin. Ihr Herz schlug fast hörbar unter dem Marmor.
"Gewiss, meine Damen!" sagte Eliante, "Sie tadeln die Prinzessin höchst unbillig. Sie war, wo möglich, schöner noch, als dies Marmorgebilde. Sie war meine Freundin nie, so gern ich die ihrige geworden wäre. Denn hinter jener unglücklichen Verbildung, welche die Folge einer schiefen Ansicht ihrer Mutter war, schlummerten hundert schöne Anlagen. Ich, an meinem Teile, habe sie nimmer gehasst, so tief sie mich auch kränkte."
"Sie haben recht, Eliante!" sagte ein stattlicher Herr; "die arme Prinzessin wurde z u v i e l erzogen. Die schwerfälligste Schmeichelei umgab schon ihre Wiege. Sie hat nie durch die Gelehrsamkeit bis zum Menschen durchdringen können." –
Das Täubchen bewegte immerfort die Flügel und gurrte. Man fand es auffallend, dass das Sinnbild treuer Liebe auf dem kalten Marmor haus.
So vergingen der Prinzessin Tage und Wochen, und die Fee liess sich immer noch nicht weder sehen, noch hören. Fast erlag sie unter der Last unerhörter Schmähungen. Was die Grossen so selten glauben, hörte sie jetzt mit eignen Ohren: dass dem Publiko keine einzige ihrer noch so geheim gehaltenen Handlungen entgehet; dass ihre Schiefheiten scharf bemerkt, das Gute aber nur entstellt und im verjüngten Maassstabe erwähnt wird.
Der Strom verlief sich endlich; man fand es gar nicht mehr amüsant, in die Ausstellung zu gehen; denn endlich trafen sich immer dieselben Gesichter wieder. Überdem war in der Stadt ein Hundeteater eröffnet, wohin die schöne Welt ihre, ihr so lästige, Zeit zu tödten ging.
Alle Pfeile der Schmähsucht waren nun auf die arme steinerne Dame verschossen, und sie hatte in edler Selbstüberwindung verharrt, keinen Seufzer gespendet, kein Ach! kein Oh! vernehmen lassen. – Die Fee erschien!
Sophia1, deine Klugheit macht dich fortan dieses Namens, womit ich dich beehre, wert. – Sophia, du hast nun in kurzer Frist ein Leben voll Erfahrung gewonnen. – Gehe hervor, und benutze sie redlich!"
Ein Donner endete die Metamorphose. Sophia ging wie ein stralender Stern hinter einer Wolke, aus ihrer Marmorhülle hervor. Die Duegnen und Zofen quikten vor Schreck, und die Hofdamen lagen reihenweise in Ohnmacht, wobei keine an Attitüde oder Faltenwurf gedacht hatte; denn es kamen wirklich ganz curiose Stellungen zum Vorschein. Die Höflinge waren, sich mechanisch verbeugend, erstarrt mit krummen Rükken stehen geblieben und erwarteten ihr Urteil.
Sophia war nun ihre Königin, und sagte, statt zu strafen, allen Huld und Gnade zu; nur die Schmeichelei lag unter dem strengsten Bannfluche. Die Lehre, die sie bekommen hatte, wirkte bis auf's Mark bei ihr.
Eliante wurde ihre teuerste Freundin, und der stattliche Herr, der mit Elianten gesprochen hatte, ihr Ratgeber und Führer. Doch blieb die Waldmutter immer die erste Instanz.
Lange noch blieb Sentimentale eine Taube, weil sie sich selbst unter dieser zarten Gestalt gefiel und die ewigen Liebkosungen ihr wohl taten. Nur nach und nach bequemte sie sich wieder zur menschlichen Gestalt; doch behielt sie am längsten die Flügel. Ihr zu Ehren, trugen nun alle Damen Chemisen à la Sentimentale, von welchen sie sich bis auf den heutigen Tag noch nicht ganz haben befreien können; sie bedienen sich ihrer, wie man sagt, zum rastlosen Umherflattern. Das soll aber auch das einzige sein, was sie von der Tauben-natur sich angeeignet haben.
Die Waldmutter freute sich nun ihres Werkes, und brachte viel Zeit an diesem hof zu, wo sie das Amt eines