1804_Unger_100_20.txt

. Dabei gab sie zu erkennen, sie vermute mit Grund aus einigen ihr einst unbekannten Regungen, der Kiesel in ihrer Brust sei mit ihrem Menschsein verschwunden; sie glaube jetzt wirklich ein wahres, fleischernes, warmes, weiches Herz in sich zu verspüren; denn wenn sie ihrer Eltern gedenke, fühle sie immer ein Wallen, wovon ihr Auge nass würde.

Indem erscholl's: "Es lebe Frivolo und die Frivolität! Es lebe der grosse Frivolo!" Da sprang, hüpfte, kroch, flog, schwirrte alles im bunten Gewirre durch einander. Er erschien mit graziösen Verneigungen, bemerkte in der Geschwindigkeit alle einzelne Schönheiten der anwesenden Damen, das Porte bras dieser, die sanfte Lippenöffnung jener, die Grazie, womit diese ihren langen Schweif, jene die fatalen Sitzschwülen verbarg. Bei dem allen suchte sein blick durch die Menge noch Etwas. Babiole war es! Er fand sie, drückte sie zärtlich an sein Herz. "Deine Feindin ist schier versöhnt, teure Gräcula! Dein offnes geständnis in dieser Gesellschaft ist ihr ein wichtiger Schritt zu deiner Veredlung. Noch eine kurze Prüfung, und du hast überwunden. Ich komme nicht allein. Deine königlichen Eltern sind mit mir. Ihr Gram um dich eignete sie bald, meine Untertanen auf diesem Eilande zu werden."

Babiole fiel ihren Eltern zu Füssen und umarmte sie mit einer Fülle des Gefühls, wobei an keinen Kiesel mehr zu denken war. Er war an dem sanften Feuer der gesunden Vernunft, das an die Stelle jener Philosopheme getreten war, zerflossen, und das Herz, weil es ihr jetzt oft ziemlich schwer war, aus dem kopf an seine rechte Stelle herabgesunken.

Keuchend sagte der arme Fricando, der auch zu einer Umarmung heranwatschelte: "Da sehen wir's nun, Frau Sentimentale, was bei dem leidigen gelehrten Wesen herauskommt! Affen werden wir, leibhafte Affen. Und das wollte ich mir wohl noch gefallen lassen, wären nur die verwünschten Knackmandeln nicht, die einem Unverdaulichkeit zuziehen. Dies Geschlecht versteht sich verteufelt schlecht auf die Küche!"

Das Königspaar war also nicht verwandelt? Ach! der gute Fricando hatte durch Dickleibigkeit in der Tat nur noch sehr wenig Menschliches an sich, so dass es kaum lohnte, das wenige noch zu verwandeln. – Und Sentimentale? Je nun, ob die Fee den Schwächen der Mutterliebe eine solche Nachsicht angedeihen liess, oder ob es alte Freundschaft war; genug: sie war bis jetzt noch Sentimentale geblieben! –

Jetzt erschien die Fee E r f a h r u n g , in einem Aufzuge, der aus den Rüstkammern aller Völker zusammengebracht schien. Als Dekan der löblichen Feenschaft, war das Richteramt ihr geworden. Frivolo's Departement war ein ihr untergeordnetes. "Schädlicher Genius!" sprach die Alte, "verschwinde, herrsche hinfort nur über alte Jungfern und Hagestolze. Durch den Beschluss höherer Geister, ist dir der Vorzug ewiger Jugend genommen. Führe dein geschniegeltes Figürchen unter sterblichen Damen zur Schau umher, und werde so ein eitler, verspotteter, alter Jüngling!" –

Wenigen gab sie menschliche Gestalt zurück; die meisten schob sie tiefer in die Tierheit hinein, weil sie, wie fast in jeder Strafanstalt, nicht gebessert, sondern sich verschlimmert hatten. Zu Fricando sprach sie: "Verlass den Tron, auf dem es sich zu hart und zu unbequem sitzt, und vertausche ihn mit einem weichen Grossvaterstuhl, der schon längst in einem reichen Kloster seine arme nach dir ausbreitet. Schlummere, vegetire dort als Prior, und erwarte da dein seliges Ende bei Gänseleber- und Karpfenzungen-Pasteten. Der beste Mundkoch ist dir zugegeben." –

"Sentimentale, die liebliche Gestalt eines Täubchens, wird dir nicht zuwider sein. Nur eine kurze Zeit, und euer aller Schicksal ist gelösst!" –

"Noch einer Prüfung bist du unterworfen, Prinzessin! unter welcher deine Anlagen sich still und gross entwickeln mögen. Ich versetze dich als Marmorgebilde in den Prunksaal des elterlichen Pallastes. Bei menschlicher Sprachfähigkeit, verdamme ich dich zu beharrlichem Schweigen. Höre! Dulde! Schweige! Ein einziger laut verwandelt dich in kalten Marmor, der du zu sein scheinst." –

Ein Donnerschlag beschloss die Szene. Die darauf repräsentirt hatten, grunzten, grinzten, bellten, miauten von dannen, wohin ihnen ihre natur ihre Bestimmung anwiess.

Gräcula stand nun gebildet in karrarischem Marmor, schön, wie die Venus von Medici, im grossen saal des elterlichen Pallastes. Sentimentale setzte sich wehmütig-gurrend auf der Tochter kalten Busen. Ach! i h r war er nie wärmer gewesen!

Schaaren von Kennern und Neugierigen drängten sich um die neue, wundervolle Erscheinung, von der Niemand begriff, woher sie gekommen sei. Nur der Hofmarschall gab schlau zu verstehen, er wisse es wohl; denn er habe sie aus dem Herkulanum für 100,000 Zechinen erhatten, die ihm der Tresorier auch ganz treuherzig wieder erstattete.

In den ersten Tagen der Ausstellung übte sich bloss die Kritik der Kenner am Ebenmaass, und der Streit war, zu entscheiden, ob das schöne Weib wirklich antik oder untergeschoben sei?

An einem schönen Morgen machte eine Erkerbewohnerin des Schlosses, eine uralte Charteke von Hofschranze die Entdeckung: die schöne Marmorfrau sei der verschollnen Prinzessin auf ein Haar ähnlich. Diese Nachricht trieb eine unerhörte Menge Kenner und Kennerinnen zusammen; und jetzt erst begann die grosse Prüfungsstunde der Weiblichkeit. Aber es hiess: hören, dulden, schweigen! – Die Prinzessin bestand! –

"Wie!