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vorlesen wollte, rief die prima Donna der kleinen Witzbühne mit geziertem Tone: "Albertine! wollen Sie uns ihren Fremden nicht auch vorstellen. Mon cher, ich prätendire, sie sollen uns den fremden Herrn nicht vorentalten." Dieser mon cher, war der Onkel mit den geschwollenen Beinen.

Albertine stellte ihren Begleiter mit der leichten Grazie und dem unbefangenen Anstand, womit sie alles tat, der übrigen Gesellschaft vor. Albert wurde durch den Platz neben der prima Donna der Madame Rosamund ausgezeichnet, welches der junge Schwedenkopf gar ungnädig zu vermerken schien; denn er schnitt greuliche Gesichter und warf das Manuscript recht ungezogen auf den Tisch, auch machte er Alberten nur so eben Platz, als ob es in einem grossen Gedränge gewesen wäre, wie dieser vor ihm vorbei zu seinem Sitze ging; dabei erwiderte er dessen höfliche Verneigung gar nicht, und setzte sein Gespräch so laut fort, als ob gar keine Veränderung in der Gesellschaft vorgefallen sei, ausser dass er jetzt auf eine unverständige Weise, in der Geschwindigkeit einige Invectiven gegen den Adel einzumischen affectirte, nachher Alberten in allem widersprach, ohne jedoch das Gespräch unmittelbar an ihn zu richten; denn das wäre ja höflich gewesen.

Als eine von den Damen anmerkte, es sei ein sonderbarer Zufall, welchem die Gesellschaft die Gegenwart des Herrn von Ulmenhorst verdanke, schnitt der Strupfkopf Alberten die Antwort vor dem Mund weg, um zu beweisen, dass es eigentlich gar keinen Zufall gäbe. Nachdem er nun eine gute Zeit lang den Begriff durch ein gar kunstvolles Raisonnement verzerrt und verdüstert hatte, liess er ab; er hatte nun seine Absichten erreicht, Alberten um das Gespräch zu bringen und die hohe Bewundrung der Damen zu verdienen, die gar nicht begreifen konnten, wo er in aller Welt nur allen Verstand hernähme? Albert an seinem Teile begriff nicht, wie einer zum frohen Geistesgenusse versammelten Gesellschaft, so ein pedantischer Galimatias hingegeben werden dürfe. Dabei aber wurde er inne, dass er sich in einem ästetischen Teeklub befände, in einer der Witz-Trödel-Buden, wo alte Waare neu aufgestutzt, von Unkundigen angestaunt wird. Er nahm sich vor, ein stiller, aber desto aufmerksamerer Beobachter zu sein.

Albertine warf es Alberten scherzend vor, dass er sie beinahe erschossen hätte. Auch hier warf sich der Rundkopf mit wieherndem Gelächter dazwischen, indem er bemerkte, dies gäbe einen schönen Stoff zu einem komischen Heldengedichte, indem es ganz neu sei, dass der Ritter seine Dame für eine wilde Ente ansähe. Albertine errötete; Albert schwieg indignirt, ob dem arroganten Ton, und die Damen begriffen wieder nicht, wo ihr Freund all den Witz hernähme?

"Wollen Sie uns nicht etwas von ihren Reisen mitteilen, mein Herr von Ulmenhorst?" lispelte Frau Rosamund. "Das müsste interessant sein," setzte der Tituskopf Wassermann hinzu. Albert antwortete den Damen etwas, wobei ihm der Name W e i m a r entfiel. Alle Weiber fassten dies rasch auf und alle fragten im Unisono: "also haben sie Göte gesehen?"

"Er war der Zweck meines dasigen Aufentalts."

"Oh! Oh! Göte!!" wieder im Unisono.

"Bitte, bitte, lieber, lieber Herr von Ulmenhorst, sagen Sie uns doch recht viel, aber recht recht sehr viel, von Papa Göte," zwitscherte das liebe alte Kind Elisa, Dämmrigs Schwester. "Wir werden Sie ja näher kennen lernen."

Schon öffnete Albert freundlich die Lippen, den Frauen zu willfahren, als Wassermann sich wütig dazwischen stürzte. Ein Ungeweihter sollte nie über Göte sprechen, sagte er; den e r ganz allein nur verstand und begriff. Überdem war er ein Philosoph, der alle Dinge wusste, alles ergründete und sich nie der erbärmlichen Krücke der invaliden Menschheit, der Erfahrung bediente, die ihm ein Greuel war. Nur in dem grossen Lazarete geistiger Krüppel brauchte man diesen traurigen Notbehelf. Wollten es die guten Götter, sagte er oft, ich wäre taub und blind geboren, meine Begriffe über tausend Erscheinungen wären in und aus mir selber ausgesprochen, richtiger, als sie es durch die gemeine Einwirkung der Sinne geworden sind!

So gestand er zwar jetzt, dass er Göte in seinem ganzen Leben nie anders, als in sehr unvollkommenen Abbildungen gesehen habe; indess stehe ihm das Bild des Verehrten so lebendig aus seinen Werken vor der Seele, dass er ihn Zug für Zug abzucontrefayen im stand sei. Und nun begann der gute Wassermann das Werk; er sprach vom ewigen Schnitte des Gesichts, von Mundwinkeln, von Lippenöffnung, vom Augenaufschlagen, von Nasenflügeln. Sie begreifen es, meine Damen, das ächt gebildete Wesen, das rein menschliche, muss stets von schöner Form umgeben sein. Aber der rohe Haufen hat keine Ahnung von dem Formellen, will nur immer Stoff und wieder Stoff. Sie verstehen mich, meine Schönen! –

Es erscholl ein zweideutiges: O ja! Albert schüttelte bedenklich den Kopf und beteuerte auf seine Ehre, an dem allen sei keine Sylbe wahr; Göte's Bild sei durchaus Zug vor Zug verfehlt. Als hier Wassermann rasend schrie, Ulmenhorst müsse sich resigniren und eingestehen, Göte sei ihm eine zu hohe unbegreifliche Erscheinung, die sich ihrer Überlegenheit über gemeine Menschen natur bewusst, wie ein Gott da stehe, wurde der zartsinnigen Elise bange; sie durchschnitt den beginnenden Streit mit der Frage, ob Albert den grossen Dichter der Iphigenie wohl im Negligee gesehen habe? und von welcher Façon er es trage? Hier bekam