Kopf, jenem das Herz zu nehmen. Manchen haben sie schon so beputzt und beschnippert, dass er aus einem Riesen, der er seinem Zeitalter war, ein wahrhafter Pygmäe geworden ist."
"C'est tout, comme chez nous!" sagte Babiole. "Lass uns weiter gehen! Der Modergeruch ekelt mich an; lass uns zu jenem Feuer eilen; mich friert." – "Ah pour ca! daran werden Sie sich nicht erwärmen, meine Gnädigste! Das sind nur Johanniswürmchen, verwandelte Dichter und Schöngeister. Freilich machen sie einen fürchterlichen Spectakel, und immerfort Anstalt, mit ihren Leuchten alle grosse Dichter der Nation zu verzehren. Aber endlich müssen sie es doch jenem gelben zähnefletschenden weib dort überlassen, die sich, glaube ich, Madame Kritik nennt. Aber die hat auch Zähne, die! Die vorigen Jahrhunderte hat sie schon hintergeschlungen; jetzt macht sie sich an's gegenwärtige. Bon appetit! Madame!" rief er ihr zu, fasste Babiole's Händchen, und huy, von Zweig zu Zweig, nach einem schönen Raum von Orange, Mirten und Granaten beschattet, wo sie eine grosse, bunte Versammlung antrafen.
Pappillon wusste alles, kannte alles, lästerte, apologisirte nach Laune, hatte überhaupt nur ganz wenig von seiner natur eingebüsst. Er sprang unter den Haufen, nannte sie alle bei Namen, küsste Händchen, Pfötchen, Krallchen, was es zu küssen gab, und präsentirte seine neue Bekanntschaft.
Babiole ward bald inne, dass hier Freiheit und Gleichheit war; denn keiner nahm Notiz von ihrem Range. Ihr Sauersehen hielt keinen in Respect. Sie stürmten mit fragen auf sie ein, ob der neue Musenalmanach schon erschienen wäre? welche Philosophie jetzt die neuste Mode sei? ob der vierte teil der Donau-Nymphe schon gegeben worden? ob die kurzen Taillen und langen Schleppen noch Mode wären? ob Wallenstein noch nicht travestirt sei? u.s.w. Babiole war ganz betäubt, und wusste nicht Antworten zu finden; überdem war sie auch dadurch zerstreut worden, dass sie unter den Fragenden manche ihrer Hofdamen zu erkennen glaubte.
"Hier sind bekannte Stimmen," sagte sie; "ich bitte, belehren Sie mich, ob ich sie kenne?" – Eine gravitätische Elster nahte sich, und nach vielen unnützen Worten kam's heraus, dass sie die Ehre gehabt habe, der Prinzessin Gräcula erste Kammerfrau zu sein. Zwei kleine zierliche Papchens erklärten sich als Hofdamen der Prinzessin. Das übrige war ein buntes Gemisch, wie die Feen, die oft die reizenden Sterblichen beneiden, sie sich aus ihren Zirkeln ausgelesen hatten; doch fand Babiole immer mehr, dass sie sich en pays de connoissançe befände, fing an, ihres Elendes zu vergessen und die neue Situation amüsant zu finden. – Suchen die mehrsten Weiber wohl mehr?
Nach vollendetem fragen schritt man zu der Tagesordnung, das heisst: zum Lästern; denn dieses war ein Klubb, den sie den sympatetischen nannten. Zuerst wurden die abwesenden Mitglieder der Gesellschaft vorgenommen, ihr Äusseres, ihr Inneres; Voraussetzungen galten für Fakta; kurz, es ging ganz so, dass Babiole sich an ihrer Mutter Hof versetzt wähnte. nachher kam es an den Menschen, den sie eine ernstafte Bestie nannten; er betriebe, hiess es, seine Spielereien so feierlich. Endlich war auch dieser Quell der Unterhaltung versiegt, und Papillon brachte in Vorschlag, dass sie als ein Spiel des Witzes, jedes die geschichte seiner Verwandlung erzählen solle. Einige fanden, dass es amüsiren würde, und stimmten ihm bei. Ein artiges Äffchen hub an zu sagen: die seinige sei sehr kurz. Auf dem letzten Ball habe sie, freilich ein wenig stark, in einer Hopps-Anglaise einem hübschen jungen Offizier zu minaudirt, und habe dabei einen Hopps gemacht, der sie in dieser Gestalt, nach diesem Eilande, unter diese Gesellschaft versetzt habe." – "Die Götter wissen es, wie bösartig diese Feen sind," nahm eine alte, dicke Mopshündin das Wort. "Eben als ich meinen 60sten Lenz erlebte, dichtete ich ein Lied an meinen Daphnis, und siehe da! während dem Dichten verkürzten sich meine Finger; kurz, wie Sie mich hier sehen, kam ich, die Feder noch in der Hand, in diese noble Kompagnie, die mich mit dem Namen Amourette begrüsste." – "Ja, ja!" miaute eine fette, rote Katze; "traue Einer den Feen! Ich habe bloss so ein wenig meinen Scherz mit der Schöngeisterei getrieben. eigentlich wusste und verstand ich blutwenig; aber ich trieb doch einen ganz einträglichen Schleichhandel mit den Urteilen und Kritiken Anderer. Ich half manche literarische Maliçe in Kours bringen, und liess mir's oft bei Wind und Wetter, Nacht und Nebel nicht verdriessen, um einen erhaschten boshaften Einfall auszubringen, oder eine Feindschaft anzuzetteln, von Haus zu Haus, bis in die fernsten Vorstädte zu laufen. Von einem solchen Gange wurde ich in dies rote Pelzchen, das kaum ein Schanzlooperchen zu nennen ist, gehüllt, nebst meinem Gatten, diesem fetten Kater, der hier neben mir schnarcht, auf einem vertrakten Fuhrwerk durch die Luft hierher spedirt."
So kettete sich Erzählung an Erzählung, Geschwätz an Geschwätz, bis zuletzt die Gesellschaft einstimmig sagte, es sei nun an Babiole, ihre Verwandlungsgeschichte zu erzählen. Babiole wurde nachdenkend und ernst; plötzlich ermannte sie sich, erzählte ihre begebenheiten, ohne sich im mindesten zu schonen