eben" – – stotterte die Älteste der Bonnen noch ausser Atem hervor. Da kam's heraus; es wären fremde Worte, wie Zauberformeln gewesen. "Ich hab's immer gesagt, es wäre nicht gut, sich mit Hexen und Hexenmeistern abzugeben!" meinte die alte Gouvernante. – "Ich will's selbst hören!" sagte die Königin, und erhob sich würdevoll nach der Kinderstube.
Gräcula gestikulirte mit den Händchen, wie ein Professor, und rief Mütterchen lustig entgegen: "Mama – ich – nicht ich" – und nun folgte ein ganzes schwerfälliges Heer der Wörter, worüber zuletzt an ihrer Wiege gestritten war.
Überwältigt vom Entzücken, sank Sentimentale in eine leichte zwölfstündige Ohnmacht. Als sie die Augen wieder aufschlug, war ihr Erstes, dass sie den Sekretär rief: "O Musje Sekretär, sei er so gut, und mache er einen Aufsatz; aber so recht was man einen Aufsatz nennt, und melde er's aller Welt, in aller Welt Avisen, dass meine Prinzessin schon ein Inbegriff der tiefsten Gelehrsamkeit ist. Aber wie gesagt, so recht was man einen Aufsatz nennen möchte. Aber hört er, Musje Sekretär? Keine Schmeichelei, die verbitte ich mir; die Wahrheit ist Wunders genug!"
Und der gescheute Sekretär stiess so kräftig in die Trompete, dass es bald im land, wie im Auslande, zu einem allgemeinen Schreiben und Dichten kam. Die Postpferde erlagen unter der Last der Ballen, die sie nach der Residenz schleppten, und die Kinderstube der kleinen Gräcula musste erweitert werden, alle die Oden und Dedicationen zu fassen, welche von höchst aufrichtigen Bewunderern der einjährigen Beschützerin der Wissenschaften und Freundin der Wahrheit in untertänigster Devotion vor höchstdero Wiege gelegt wurden. –
Zu der Zeit aber gab es einen erschrecklich gelehrten Professor, der den Leuten das Cranium betastete und dann auf ein Haar wusste, wozu sie sich in der Welt geschickt haben würden, so dass mancher, der bei funfzig Jahren, zu dem volk gesprochen hatte, bei gelegenheit der Betastung erfuhr, dass er, seinen Anlagen nach, ein Schneider hätte werden müssen. Anderen, die beim Herrschen ergraut waren, tastete er ein Kutschertalent heraus, und so mehr. Diesen Wundermann berief Sentimentale an ihren Hof, und befahl, dass er das kleine Köpfchen ihrer Tochter befühlen und beschauen müsse; doch wurde ihm leise bedeutet, es werde hoffentlich alles so sein, dass ihr Majestät Frau Sentimentale nur Freude und Wonne nebst lieblichem Wesen die Fülle davon haben werde.
Der Professor aber war ein Mann ohne alle Hofsitte, ging gerade mit der Sprache heraus, und sagte seine Resultate so keck dahin, als wäre weder Pension noch Titel zu verlieren gewesen. – "Gräcula," so sprach er, "hat viel leere Fächer, worin sie allerlei fremde Waare lassen kann. Mit dem Selbstdenken sieht's so, so aus; aber eine richtige Nachbeterin kann sie werden; denn die Gedächtnisskammer ist so räumig und gross, als zu dem Judicio nur eine kleine LumpenSpelunke angewiesen ist. Aber nun noch etwas! sie wird sich den Lichtern der Welt darin gleich stellen, dass sie mit dem kopf fühlt und alles durch den Verstand abtut. Wegen Herzensangelegenheiten kann man ganz sicher sein; denn wo andern Mädchen das Herzchen pickert, liegt ein felsenharter Kieselstein."
Hier rief die ganze Akademie, die bei dem Experimente hatte zugegen sein müssen:
Hoch und gelehrt,
Sie ist es wert,
Dass sie als eine Säule steh
In nostro docto corpore.
Nach diesem wuchs Gräcula ganz gewaltig an Schönheit und Geist, zur Freude der Mutter, mehr als des Vaters, der es sehr übel nahm, wenn das Töchterchen sich den Kopf zerbrach, zu welcher Kategorie der Wesen Papa wohl gehöre? und ihm endlich wohl gar im Pflanzenreich seinen Platz anwiess.
Im Vertrauen gesagt, riss auch der Mama ins Geheim oft die Geduld über die widerliche Selbstständigkeit des Mädchens aus, und sie verwiess ihr oft die empörenden Raisonnements, womit sie sich schon über alle kindliche Verhältnisse hinaus zu schwatzen verstand. Und wenn sie die Weisheitsmänner, die den Unterricht der Prinzessin über sich hatten, deshalb zur Rede stellte, bekam sie zur Antwort: "es sei zwar wahr, Gräcula habe eine sehr kecke Ansicht der Dinge; es würde doch aber übel getan sein, einer solchen Genialität den Spielraum zu beschränken, u. d. m."
"Was hat die alte Waldnärrin wohl mit ihrem Sibillinischen Wortkram gewollt?" fragte sich Sentimentale zuweilen. Die Rosen mögen blühen, der Becher mag perlenden Schaum aufsprudeln; ein Wesen, das so wie Gräcula allen Erscheinungen der Sinnenwelt Hohn spricht, ist bewahrt genug. Ein Kiesel, wo das Herz sein soll" – "Aber sie hat Sinne und sehr rasches Blut!" antwortete eine stimme, die Sentimentale sogleich für die der Waldmutter erkannte, die in dem Augenblicke vor ihr stand. – "Sentimentale," sprach sie, "deine Tochter ist jetzt funfzehn Jahre. Sie steht am Scheidewege. Lass dich erbitten, mach' mich zu ihrer Gouvernante! An der Hand der Erfahrung kann sie nicht straucheln!" –
"Was soll mir die alte Krücke?" sagte Gräcula, die eben in's Zimmer trat. "Ich hoffe, Madame! Sie trauen es Ihrer Tochter zu, dass sie durch sich selbst etwas sein könne." – Die Alte hob ihr elfenbeinernes Stäbchen, und sagte bedeutend: "Gräcula, die Rosen blühen