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Friederike Helene Unger

Albert und Albertine

Die frühe sich verloren hatten,

Die finden sich im Abendschatten,

Und eilen Hand in Hand zur Ruh.

Erstes Kapitel

Vergebens hatte Albertine am Ufer des Baches Gras und Gesträuch durchsucht; nirgend, nirgend war der werte Ring zu finden. "Er ist verloren," rief sie schmerzlich. Die Abendsonne rötete ihr Gesicht und liess eine Träne der Beängstigung sichtbar werden.

Traurig liess sie sich am Ufer des Baches nieder, das zarte Händchen auf ein Polster von Moos stützend. Plötzlich fiel, unfern von ihr, ein Schuss im Schilf; sie sprang auf. Eine männliche stimme rief voll Entsetzen: Herr Jesus! und in dem Augenblick stand ein junger, schöner, stattlicher Jäger vor Albertinen.

Albert hatte an dem Geräusch vernommen, dass sich da, wo er nur Enten vermutete, etwas viel Besseres in seiner Schusslinie befände. Rasch warf er die Flinte von sich und eilte der Stelle zu.

Über alle Beschreibung überraschte ihn die Gegenwart des reizvollen jungen Mädchens, das er, dem schlichten anspruchlosen Anzuge nach, für ein gewöhnliches Landmädchen gehalten hätte, wenn der edle hohe Anstand der schönen Gestalt und die Fülle von Geist aus dem dunkelblauen Auge, ihn nicht eines andern belehrt hätte.

Im ersten Momente glaubte Albert, ein leichtes Gespräch anknüpfen zu können. Jetzt aber schämte er sich so, dass er sich nur in Alltagsformeln über den Schrecken auszubreiten wusste, den ihr sein Schuss verursacht haben musste.

"So leicht erschrecke ich nicht," antwortete Albertine ganz unbefangen; "ich schiesse zum Scherz wohl selbst zuweilen ein Gewehr ab."

Jetzt bückte sie sich, und begann von neuem den Ring zu suchen. Albert bückte sich und suchte emsig mit, ohne zu wissen was? "Was suchen denn Sie?" fragte Albertine lächelnd. Albert sah ihr ins Auge und lächelte beschämt. Nun erzählte sie, dass sie am frühen Morgen hier mit einer Freundin gewesen sei, Kräuter zu suchen, wobei sie einen Ring verloren habe, welchen sie erst nachher vermisste.

"Der Ring ist von grossem Wert?" sagte Albert. "F ü r m i c h von unsäglichem," erwiderte Albertine lebhaft. "Ein Haargeflecht von ganz so schönem glänzend blondem Haar, als das Ihrige ist, umschlingt ihn." Hier zeigte sie mit kindlicher Unschulds Geberde auf Alberts volle blonde Locken, die seine schöne weisse Stirn umflossen.

Albert errötete. Gewiss ein Pfand der Liebe, dass sie der Ring so kümmert, dachte er mit einigem Unmute. Doch war er zu delicat, irgend eine Bemerkung der Art laut werden zu lassen. Der reine Ausdruck ihres unschuldvollen Gemütes gebot ihm Ehrfurcht. Daher keine Frage um Stand und Namen. Auch Albertine fragte nicht darnach; ihr war es genug, er war liebenswürdig und bescheiden; auch hatte der reine Tenor seiner biegsamen stimme, schon leise zu seinem Besten bei ihr gesprochen. Zutraunsvoll legte sie ihren Arm in den seinigen, als sie sich wegbegeben wollte, wobei sie ungezwungen äusserte, ihrem Onkel, der gern Gesellschaft bei sich sähe, würde seine Bekanntschaft sehr angenehm sein.

Unterweges sprach Albert von den Vorzügen des Landlebens. Albertine drückte sich mit Wärme über Naturgenuss aus; doch gestand sie freimütig, das fortwährende Landleben habe ihr Langeweile gemacht, deshalb habe sie ihren Bruder verlassen und sich zu ihrem Onkel begeben, der nur die Sommermonate auf seinem Landsitze zubringe.

Alberten gefiel dies offene geständnis, je seltener es war; weil mehrenteils die entschiedensten Weltfrauen sich für die Stille des Landlebens zu erklären affectiren, die dann freilich ihrer erschlafften Existenz durch Landluft und Badecur neue Spannung, zum Vollgenuss des bunten Weltlebens verschaffen müssen.

Schon schwebte Alberten eine Artigkeit hierüber auf der Zunge, doch hielt er sie zurück, als er Albertinen sich über so mancherlei, so sinnig und gehaltreich auslassen hörte; er würde sich ihr gegen über mit irgend einer Stutzer Galanterie, unbeschreiblich fade erschienen sein. So wie sich ihm mit jedem ihrer Worte, neue Schönheiten ihrer geistvollen Bildung entwickelten, wurde sie ihm interessanter. Der lange Weg längs der duftenden Wiese und durch das kleine Buchenwäldchen, dünkte ihm gar zu kurz, als sie an Albertinens Wohnort, einem geschmackvollen einladenden Landhause angekommen waren.

Zweites Kapitel

Durch einen Lauben-gang blühender Akazien, wurde Albert in einen elegant geschmückten Salon eingeführt, wo einige Herrn und Damen um einen Teetisch versammelt sassen. Ganz isolirt tronte ein zierlicher Herr aus der klasse alter Jünglinge, hoch in einem grünattlassenen Armstuhl, die geschwollenen Beine weit über ein elastisches Kissen vor sich hinstreckend. Er war Albertinens Onkel, der reiche, übersatte Banquier Dämmrig.

Als Albertine ihm ihren Begleiter vorstellte, lüftete er ein wenig das seidne Baret vom künstlich nachlässigen Haar und fragte mit grellem nasenden Ton: "werwenhm, hm, – hat man die Ehre?" Albertine blickte verlegen auf Alberten; daran hatte sie warlich noch nicht gedacht. Plötzlich flog es ihr durch die Seele, sie könne wohl etwas törichtes begangen haben. Befriedigend war ihr also seine Antwort, als er sich Albert von Ulmenhorst nannte. Wie er sagte, war er erst kürzlich von seinen Reisen zurück gekommen und bewohne jetzt sein in der Nachbarschaft gelegenes Gut Ulmengrund.

Die süssen Wörtlein: v o n und R e i s e n , durchfuhren den weiblichen Kreis, der bis dahin keine Notiz von dem schönen Jäger genommen hatte, wie ein elektrischer Schlag. Zum hohen Verdrusse eines jungen strupfköpfigen Schöngeistes, der eben ein Manuscript